Wo Wahrnehmung Umwege geht und Denken nicht nach Abkürzungen sucht
Axel Beelmanns „Analecta aesthetica“ fordert Aufmerksamkeit, Geduld und Lust am Denken – und belohnt sie reichlich
Von Silvio Barta
Kunsttheorie steht spätestens seit den 1970er-Jahren unter einem latenten Rechtfertigungsdruck. Überzeichnet ließe sich diese Krise so fassen: Die exklusive Ordnung des hochkulturellen Kunstbetriebs galt zu Recht als problematisch, doch je weiter sich ästhetische Praxis und Rezeption öffneten – je inklusiver Partizipation, Erleben und künstlerisches Produzieren gedacht wurden –, desto stärker schien sich das Künstlerische selbst zu verflüchtigen. Kunst wurde verfügbar, anschlussfähig, oft auch egal – oder sie erschöpfte sich in sinnloser Provokation, die Herausforderung simuliert und mit einem stummen „look if you dare“ operiert. Was als Demokratisierung begann, endete nicht selten in Austauschbarkeit, Harmlosigkeit und einer ästhetischen Einebnung, die keinen Anspruch mehr formuliert, sondern lediglich Erlebnisse liefert.
Zerrieben zwischen den gesellschaftlichen und politischen Orkankräften postkolonialer Kritik, cancelkultureller Moralisierung, wertkonservativer Exzellenzfantasien sowie der permanenten Präsenz von Pop- und sozialen Medien, gerät dabei ein paradoxes Moment aus dem Blick: die unpolitische Ästhetik. Sie wirkt heute beinahe wie ein Anachronismus – missachtet, verdächtig, theoretisch verwaist. Denn während Kunst unablässig auf ihre Inhalte, ihre Darstellungsproblematik und ihre sozialen Effekte hin befragt wird, bleibt die Diskussion zum Wahrgenommenen selbst, nach der spezifischen Erfahrung ästhetischer Erscheinung, derzeit auffallend unterbelichtet. Wurde schon vielleicht bereits alles dazu gesagt?
Die Ursuppe des Ästhetischen
Auffällig ist, dass jene wenigen Forschenden, die sich dennoch philosophisch an diese Leerstelle wagen, fast reflexhaft an den Ursprung zurückkehren. An den Urzustand des Ästhetischen, bevor Kunst Funktion, Zweck oder Botschaft wurde. Sie fragen danach, wann und warum der Mensch begann, die wahrgenommene Welt – aesthesis im ursprünglichen Sinn – nach zweckfreien Kriterien umzugestalten. Nicht um Nahrung zu gewinnen oder Ordnung zu schaffen, sondern schlicht, weil es Freude bereitet, Dinge anders zu sehen, sie umgeformt erneut wahrzunehmen. Ästhetik erscheint hier nicht als ideologischer Überbau, sondern als Spiel, als Lust an der Wahrnehmung selbst.
So auch Beelmann, ließe sich zunächst einwenden – kenne man alles schon, könnten skeptische Lesende denken. Doch sein dichter, komplexer Text setzt nicht beiläufig, sondern programmatisch beim homo pictor an und nimmt die Lesenden mit auf eine ebenso gelehrte wie überraschend lebendige Reise durch die Kunst- und Theoriegeschichte bis in die Gegenwart.
Gestützt auf eine beeindruckende Vielfalt an Quellen arbeitet sich der Text zu einer präzisen Terminologie vor. Die unterschiedlichen Dimensionen des Ästhetischen – reichhaltig durchzogen von fremdsprachlichem Fachvokabular, von kosmoi bis nonnihil – werden sorgfältig entfaltet, plausibel kontextualisiert und als modularer Denkbau präsentiert, der förmlich auf seine Anwendung in der Interpretation wartet, um beim nächsten Museumsbesuch mit spürbarer Selbstverständlichkeit Eindruck hinterlassen zu können. All dies hätte leicht überfordernd oder ermüdend wirken können.
Dass es das nicht tut, liegt an Beelmanns außergewöhnlicher Schreibweise: Sein Text ist klug komponiert, stellenweise beinahe lyrisch, in wohldosierte, verdauliche Abschnitte gegliedert und mit feinem Humor durchzogen. Vor allem aber versteht er es, klassische ästhetische Fragestellungen elegant mit gegenwärtigen Diskursen zu verschränken – präzise, spielerisch und ohne didaktische Schwere.
Doch an wen richtet sich dieses ebenso unterhaltende wie anspruchsvolle Buch? Es ist in etwa so wenig ein Fachbuch über ästhetische Philosophie, wie Manfred Lütz’ Der Sinn des Lebens ein kunsthistorisches Lehrbuch ist. Analecta aesthetica definiert keine Forschungslücke, grenzt kein Untersuchungsfeld systematisch ab und arbeitet auch nicht pflichtbewusst sämtliche zugehörigen Unterbereiche durch. Es folgt keiner linearen Logik akademischer Vollständigkeit, die nach abgeschlossener Definition mechanisch zum nächsten Problem fortschreitet.
Einen solchen Anspruch erhebt Beelmann nicht. Die Lektüre ist vielmehr der überzeugende Beweis dafür, dass Wahrnehmung – ja, auch die lektürebasierte, diskursive Rezeption – ein Lustspiel sein kann. Man spürt, dass Beelmann beim Schreiben Vergnügen hatte, und genau dieses Vergnügen teilt sich mit: Er möchte, dass wir beim Lesen nicht nur folgen, sondern selbst denken.
Kein Durchmarsch, mehr ein Flanieren
Wer hier grundsätzlich Neues lernen möchte, wird eher enttäuscht sein. Die Lesenden sollten bei Heidegger ebenso sattelfest sein wie bei Ovid. Gefordert ist weniger begriffliche Erstaneignung als Offenheit für Beelmanns innovative und oft überraschende Querverbindungen, Perspektivwechsel und pointierten Conclusiones. Und schließlich sollte man Freude am intellektuellen Gehirnjogging mitbringen – etwa an jener genüsslichen Aufzählung der Dutzenden Synonyme für „Höhle“ im Kapitel zu Platons berühmtem Gleichnis.
Gerade gegen Ende des Buches gewinnt Axel Beelmann spürbar an Fahrt – etwa mit seinen ebenso luziden wie überraschenden Analysen zu Paul Klee und Joseph Beuys sowie mit seiner pointierten Kritik an der gegenwärtigen Ästhetisierung von allem. Im Anschluss weitet sich der Blick auf die Wissenschaft selbst. Aufmerksame Lesende werden dort eine deutliche Nähe zu Gaston Bachelard erkennen – umso bemerkenswerter, dass dieser in der ansonsten akribisch recherchierten Bibliografie nicht auftaucht.
Erwähnenswert ist zudem, wie Beelmann die Verbindung zwischen Hebräisch und Ästhetik thematisiert und so eine Brücke zur Schöpfung schlägt: Die hebräische Sprache eröffnet durch ihre spezifische „urzuständliche Intimität mit der Natur“ besondere Zugänge zur ästhetischen Erfahrung.
Die Dichte und Komplexität machen Analecta aesthetica allerdings zu keiner Lektüre für den linearen Durchmarsch. Ein Lesen am Stück kann ermüden. Glücklicherweise sind die einzelnen Kapitel handlich gehalten und lassen sich nach Lust und Laune aufgreifen. Genau darin liegt der besondere Wert des Buches: in seinen aphoristisch verdichteten Denkimpulsen, die dazu anregen, Kunst – und mit ihr die Wahrnehmung selbst – neu zu sehen.
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