Drei Männer und Eline

Der Roman „Vaim“ von Nobelpreisträger Jon Fosse ist eine verstörend schöne Herausforderung

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als Jon Fosse vor zwei Jahren den Nobelpreis für Literatur erhielt, war dies eine faustdicke Überraschung. Insider hatten seinem Landsmann Karl Ove Knausgård weitaus größere Chancen eingeräumt. Fosse wurde von der Stockholmer Nobel-Jury „für seine innovativen Theaterstücke und Prosatexte, die dem Unsagbaren eine Stimme geben“ ausgezeichnet.

Fosse, 1959 im norwegischen Haugesund geboren, hat über 30 Theaterstücke verfasst, die weltweit aufgeführt werden. 1994 war sein erstes Theaterstück Und wir werden niemals getrennt sein auf die Bühne gekommen, zwölf Jahre zuvor war sein erster Roman Rot, Schwarz erschienen.

In seinem neuen Roman Vaim, der den Auftakt einer geplanten Trilogie bildet, geht es um drei Männer und deren kompliziertes Verhältnis zur eigentlichen Protagonistin Eline. Jedem der drei Männer hat Fosse ein Kapitel gewidmet, in dem sie als Ich-Erzähler fungieren.

Jatgeir ist ein einsamer, alleinstehender Fischer, der im Haus seiner verstorbenen Eltern lebt – ein passiver Charakter, der auch Rückschläge mit stoischer Gelassenheit akzeptiert. Eline ist seine unausgesprochene Jugendliebe.

Der zweite Ich-Erzähler ist Jatgiers bester Freund Elias, bei dem nachts die Toten an die Türen klopfen. Die dritte männliche Hauptfigur Frank ist Elines Ehemann und am Ende des Romans der einzig Überlebende aus dem Männertrio.

Vaim ist ein fiktiver Ort in Norwegen – ein entlegenes Fischerdorf, das für Heimat und Identität steht. Ein Platz der Entschleunigung und für Autor Jan Fosse ein sehr vertrautes Terrain, da er selbst ein Haus an einem Fjord besitzt und überdies die Natur und die Einsamkeit liebt. Fosse kennt das beschriebene Ambiente aus eigenem Erleben.

Zu Beginn des Buches fährt der bereits betagte Jatgeir mit seinem Boot über den Fjord in eine Großstadt, die Bergen nachempfunden wurde. Dort wird er bei einem Einkauf betrogen. „Ich zuckte zusammen, zweihundertfünfzig Kronen für eine Rolle Nähgarn und eine Nadel.“ Doch von Jetgeirs Seite gibt es kein Aufbegehren gegen den Wucher.

Auf dem Rückweg macht er einen Abstecher auf eine kleine Insel, geht an Land und trifft seine Jugendliebe Eline wieder, die dort mit gepackten Koffern (dem Noch-Ehemann Frank hat sie einen Abschiedsbrief auf den Küchentisch gelegt) auf ihn wartet und kurzerhand Jetgeirs Leben umkrempelt. Das wirkt gleichermaßen märchenhaft wie dämonisch. Es kommt zu skurrilen Begegnungen, in denen zwischen Geistererscheinungen und realen Figuren kaum unterschieden werden kann. „Ich würde gern mit dir zurück nach Vaim, sagt Eline und ich erschrecke, was sagt sie da, mit mir zurück nach Vaim.“

Eline nimmt das Zepter in die Hand und macht den Männern klar, was sie zu tun und zu lassen haben. Ihre rücksichtslose Sehnsucht nach Selbstverwirklichung ist für die gläubigen Menschen im beschaulichen Vaim verstörend.

Jon Fosse spielt mit den Namen seiner Figuren. Leute werden anders genannt als es in ihrer Geburtsurkunde verbrieft ist. Gewinnt man so auch eine neue Identität? Jatgeir heißt tatsächlich „nur“ Geir, Eline heißt Josefine und deren verlassener Ehemann nicht Frank, sondern Olav.

„Ich setze mich einfach hin, bereite nichts vor, beginne einfach mit dem Schreiben“, hatte Jon Fosse einmal über seine literarische Arbeit bekundet. Und weiter: „Das Allerwichtigste ist für mich der Rhythmus und der Sprachfluss.“ Kein Wunder also, dass im gesamten Roman kein Punkt zu finden ist – gerade so, als hätten wir es hier mit einer Art sprudelndem, sprachlichen Wasserfall zu tun, mit einem ellenlangen Satz, der mit Naturgewalt über uns herfällt.

„Alles war wundersam“, sagt Olav, der einzig Überlebende in dieser Geschichte. Verstörend und wundersam liest sich auch dieser neue Roman von Jon Fosse. Vaim ist kein Buch für die schnelle Lektüre zwischendurch, es ist eine wahrhaftige Herausforderung für alle Leser, die gern auch einmal gegen den Mainstream schwimmen und sich vor gedanklichem Hochleistungssport nicht scheuen.

Titelbild

Jon Fosse: Vaim. Roman.
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025.
160 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783498007812

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