Tee-Aufguss oder Huhn in Epoxidharz

Wie man Erinnerungen aktiviert und ihnen entgeht, verdeutlicht Kaleb Erdmann in seinem fesselnden Roman „Die Ausweichschule“

Von Anne Amend-SöchtingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anne Amend-Söchting

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Beim Attentat am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vom 26. April 2002 erschoss der 19-jährige Robert Steinhäuser, der von ebendieser Schule verwiesen worden war, 16 Menschen, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete. Wenige Tage danach wurde der Schulbetrieb in einem leerstehenden öffentlichen Gebäude wieder aufgenommen, damit der Tatort selbst renoviert werden konnte. Kaleb Erdmann, der 2002 in der fünften Klasse war, verbrachte drei Jahre seiner Schulzeit in dem Ersatzgebäude im Süden Erfurts, bevor er mit seiner Familie nach München zog.

Auf die Frage hin, ob er nach dem 2024 erschienenen Buch wir sind pioniere an einem zweiten Roman schreibe, lautet sein Statement dazu in der Ausweichschule

Ich denke sehr gründlich über einen virtuellen, noch nicht existierenden Roman nach, so, als gäbe es ihn schon: einen Roman über den Erfurter Amoklauf von 2002 und mein elfjähriges Ich, das ihn erlebt und anschließend anderthalb Jahre in Gruppentherapiesitzungen verbringt. Ein Text über eine kollektiv traumatisierte Schule, ein Text über das Gutenberg-Gymnasium in den Jahren nach dem Amoklauf, über Gewalt und Verarbeitung.

Mit dem nun existierenden zweiten Roman stand Kaleb Erdmann auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025. Die Ereignisse aus dem Jahr 2002 nur rudimentär nachzeichnend und sich fragend, ob und gegebenenfalls wie man sie literarisieren kann, lotet er die Grenzen der Großgattung Roman aus.

Formal geschieht dies mit einer Strategie diskontinuierlicher Darstellung, mit Rückwendungen, in denen sich die Gegenwart, von der aus sie geschehen, erst erschließen muss. Am Anfang steht das Gespräch über einen Roman, insbesondere ein Exposé, dem ein gewisser Herr Mertens, Verleger, skeptisch gegenübersteht. Erdmann solle sich entscheiden, ob er einen „ernsten literarischen Text oder einen Zeitgeistroman“ verfassen wolle. Sein Fokus, die Wirkung des Amoklaufs auf einen elfjährigen Jungen und dabei das Aufwachsen eines „Wessi-Kindes“ in der ehemaligen DDR, sei zu eng gewählt. Außerdem müsse der Roman seine Leser:innen unterhalten. Am Ende legt Erdmann einen Roman mit dem Titel Unterm Herrenberg vor – „ein kurzer stiller Text“ sei es, „mit einem kleinen Figurenarsenal. Eine Gruppe aus sechs Jungen“ bewege „sich durch ihren Schulalltag in der Ausweichschule am Erfurter Herrenberg“. Nachdem zwei Verlage das Manuskript abgelehnt haben, sucht Erdmanns Agentin vergeblich weiter. Um die komplexe Genese des abgelehnten Romans und gleichzeitig die Wahl eines Meta-Projekts kreist Die Ausweichschule.

In aller Deutlichkeit entscheidet sich Erdmann dafür, nicht zu fiktionalisieren: So wie Emmanuel Carrère, dessen Werke er liebe, intendiere er, einen Roman im Abseits einer Storyline zu komponieren, einen Roman, der seine Wahrheit nicht in Fiktionen übermittle, sondern unverstellt bleibe, zum Beispiel auch dafür optiere, es bei den Klarnamen der involvierten Personen zu belassen. Es gehe ferner darum, die Wirkung der direkten Übernahme auf den Schreibenden nachzuzeichnen, in letzter Konsequenz einen Roman zu kreieren, der seinem eigenen Wesen fremd sei und gerade deshalb eine große Faszination auf den Autor selbst und seine Rezipient:innen ausübe.

Erdmanns Blick auf das Attentat von Erfurt reaktiviert und schärft sich mit dem Anruf eines Autors, der ein Stück über einen Amoklauf publizieren möchte. Dieser Impuls lässt Erdmann zu einer schon länger existierenden Word-Datei über seine Erinnerungen und einige Traumsequenzen zurückkehren. Dass die Morde von Erfurt sich überhaupt wieder in seine Erinnerung drängten, ist einer länger zurückliegenden Zufallsbegegnung mit einem Mann namens Matze zu schulden. Dieser kannte den Attentäter Steinhäuser und war offenbar mit ihm befreundet: ein tätlicher Konflikt im Verlauf eines „Apfelweinabends“ in Frankfurt, der Erdmann eine gebrochene Nase bescherte, motivierte ihn dazu, die Erfahrungen von Erfurt im Rahmen seiner Psychotherapie anzusprechen.

Warum war das Attentat so lange von seinem „persönlichen Radar“ verschwunden? Wie kann er sich nun seinen Erfahrungen annähern? Diese beiden Fragen sind mit der Organisation des Meta-Projekts Ausweichschule verquickt – mit dem Schreiben über das Attentat und dem Schreiben über diesen Schreibprozess, was vor dem Hintergrund von mindestens sieben miteinander verwobenen, dennoch locker zusammenhaltenden Strängen geschieht, die das, was den Autor umtreibt, abbilden:

1. Da ist zunächst der „Dramatiker“, so wie er in der Ausweichschule durchgängig benannt wird, und sein geplantes Stück über ein getrenntlebendes Ehepaar, das sich nach dem Tod ihres Sohnes, der ein Attentat in einer Schule verübt hat, auf dem Friedhof trifft: Tiefer Grund von Björn SC Deigner, der – im Roman nicht benannte – Titel, um den es sich handelt, wurde im November 2022 in Bamberg uraufgeführt. Erdmann fährt zu einer Schulaufführung ebendort. Der Dramatiker habe „verschiedene Amokläufe verschweißt“. Er abstrahiert also und positioniert sich zu den Ereignissen aus der Distanz. Demgegenüber quälen denjenigen, der beim Amoklauf anwesend war, erinnerungsinitiierte Flashbacks. Neidisch sei er auf den Dramatiker, weil er Erfurt „routiniert und geschäftsmäßig“ gepackt und „ein bewegendes Stück Kunst“ daraus geschaffen habe.

2. Er, Erdmann, müsse nun erst einmal wieder nach Erfurt fahren und den Ort des Geschehens in Augenschein nehmen. Daraus ergibt sich der zweite wesentliche Strang für die Genese des Romans. In Erfurt trifft er seinen ehemaligen Mitschüler André, der in seinem Berufsleben als Schichtleiter in einer Systemgastronomie-Filiale feststeckt, und sich in keiner Weise an einem Austausch über das Attentat interessiert zeigt. Mit der Gleichgültigkeit des Menschen André kontrastieren die Orte, die Erdmann besucht. Sie lassen Erinnerungen aufleben, so etwa an die institutionalisierte emotionale Aufarbeitung des Attentats mit einer Traumatherapeutin, an der alle Schüler:innen teilnehmen mussten.

3. Als Erwachsener leidet Erdmann an Panikattacken, die er erst nach der Kollision mit Matze auch an Erfurt rückkoppelt. Der Amoklauf sei nicht der Anlass für seine Therapie beziehungsweise seine Therapien an seinen wechselnden Wohnorten gewesen. Vielmehr habe er sich „in einer frühen Phase seines Lebens mit chemischen Drogen in einen psychotischen Zustand manövriert“ und leide „seitdem unter Angstattacken und Zwangsverhalten“. Inzwischen gelinge es ihm, mit der mentalen Konstruktion von Listen, mit denen er quasi ein Kabel zur Welt lege, mit seinen Attacken umzugehen. Zudem ermuntert ihn seine Therapeutin dazu, in Erfurt den „geheimen Garten“ zu suchen, einen Ort des Rückzugs, in dem er sich als Elfjähriger regelmäßig mit Freunden traf. Was er findet, ist eine „kleine, vermüllte Nische“ zwischen einem Gebäude und einer Mauer. Somit erweist sich der ehemalige Safe Space als obsolet, repräsentiert damit jedoch perfekt Erdmanns Erinnerungstohuwabohu zu Erfurt.

4. Der Autor beruft sich auf eine Reihe von Quellen – zum einen auf den autofiktionalen Roman Der Widersacher von Emmanuel Carrère, der ihm paradigmatisch vor Augen führt, wie herausfordernd es ist, todbringende Gewalt (bei Carrère den Mord eines Mannes an seiner Frau und seinen Kindern) zu verarbeiten. Zum anderen bringt er den Roman Für heute reicht’s von Ines Geipel ins Spiel, das bis heute das einzige „ernsthafte literarische Werk“ sei, das Erfurt und die Folgen behandle.

5. Ein besonderer Stellenwert kommt der Rezeption der polizeilich aufgenommenen Faktenlage zu, der Lektüre des sogenannten „Gasser-Berichts“, aus dem Erdmann ab und an zitiert, der aber, wie er schreibt, nur wenig „gedankliche Schleifen“ zulasse. Im Zuge der kursorischen Rekonstruktion der Ereignisse greift er die Unstimmigkeiten wieder auf, die sich im Nachhinein nicht lösen lassen. In erster Linie sind das die Aussagen einer Lehrkraft, Rainer Heise, der als Held von Erfurt gefeiert wurde, weil es ihm nach eigener Aussage gelang, Steinhäuser von weiteren Morden abzuhalten.

6. Erdmanns Partnerin Hatice ist Kuratorin. Sie hat vor allem mit Happenings zu tun, mit künstlerischer Spontaneität, aus der Erdmann Metaphern für seine Kreativität bezieht. Nahezu leitmotivisch durchzieht die Metaphorik des Tee-Aufgusses den Text: Am Boden der Tasse oder der Kanne liege „getrocknetes Zeug“, das von heißem Wasser in Bewegung gesetzt werde, alles erhalte „wieder Farbe und Geruch und Geschmack“. Dieser Re-Aktivierung steht das von Hatices Freundin Lipi in Epoxidharz gegossene Huhn gegenüber. Das selbst geschlachtete und gegessene – so behauptet Lipi –, danach ausgestopfte und eingegossene Huhn sei nun etwas Neues, gar kein Huhn mehr. Die These, dass das Huhn, wie Erdmann sinniert, den Amoklauf und das Epoxid das Schreiben symbolisieren könne, führt in die Irre. Diese Metaphorik funktioniert nur, wenn sich der Autor selbst nicht als das „eingeschlossene und unbewegliche“ Huhn apostrophiert.

Wie intensiv Erinnerungen von Dingen getriggert werden können, die nichts mit den Ereignissen selbst zu tun haben, illustriert am ehesten Lipis Fleisch-Inszenierung: Die Künstlerin hat sich Innereien besorgt, die sie sich in einer Performance anzieht. Wenn Erdmann berichtet, dass sie „zwei Darmstücke als Ärmel“ trage „und ein bläuliches Organ mit zwei Augenlöchern als Maske“, strapaziert er nicht nur die Ekelgefühle der Lesenden, sondern parallelisiert die Performance mit seinen Reminiszenzen an Erfurt. Diese könne er sich nicht anziehen, um sie danach abzuschütteln – jegliches kathartische Schreiben ist ein fragiles und fragliches Unterfangen.

7. Erst im Nachhinein spannt sich über den Amoklauf die Frage nach dem Warum. Sich damit konfrontierend, resümiert Erdmann, dass man nicht final antworten könne. Zu einfach sei die Egoshooter-These, denn der Konnex zwischen gewaltverherrlichenden Computerspielen und realer Gewalt sei nicht zu beweisen. Allenfalls sei ein „Ursachenbündel“ auszumachen, ein Konglomerat aus intra- und interindividuellen Erklärungen. 

Aus der Gemengelage der im Roman thematisierten Bereiche, die sich locker in den geografischen Stationen spiegeln, die der Protagonist durchläuft – Bamberg, Erfurt, Frankfurt, Porto und schließlich Colmar –, kristallisieren sich zwei diametral einander entgegengesetzte Formen des Sich-Erinnerns heraus, die sich knapp als höchste emotionale Explosivität einerseits und Indifferenz andererseits konturieren lassen. Die Genese des Romans und die Erinnerung des Protagonisten verlaufen gleichermaßen zwischen diesen beiden Seiten, aus denen Erdmann die Balance einer individuellen Dynamik zu extrapolieren versteht, eine Dynamik mit der Gefahr, dass das Pendel mit voller Wucht in die eine oder andere Richtung ausschlägt.

Es mag erstaunen, wie viel im Roman gegessen wird – allem anderen voran solche Dinge, die unter den Header Fast Food fallen und – ganz auffällig – alles, was mit Huhn zu tun hat. Eine eindringliche kulinarische und digestive Metaphorik, die sich nicht auf Tee und Huhn in Epoxidharz reduzieren lässt, geht mit der Komplexität sowohl individueller als auch kollektiver Erinnerung einher, mit einem Prozess des Schreibens, der die Seele nur bedingt befreien kann. Was neben der „Aufguss-Metapher“, die ihm wie „Kaugummi unter den Sohlen klebe“, mehrfach vorkommt, ist das Umrühren in Töpfen und daran geknüpft die Frage, ob es sinnvoll sei, einen Topf umzurühren, „den man vielleicht ganz in Ruhe lassen sollte“, egal, ob es der eigene oder ein fremder sei.

Aus den Bildern und ihren Kombinationen sowie aus dem Weg des Autors durch deutsche Städte und durch seine Innenwelten resultieren nicht zuletzt eine Reihe komischer Elemente. Erdmann wirkt immer ein bisschen „lost“, wenn er sich durch die Lande bewegt, verpeilt und orientierungslos, wie ein wohl reflektierter, doch schlapp-naiver Picaro, der sich durch den Dschungel einer äußerst doppelbödigen, nur knapp über dem Tragischen schwebenden Komik kämpft.

Gnadenlos und mit äußerster Konsequenz demonstriert Die Ausweichschule, dass die Auseinandersetzung mit dem Attentat von Erfurt in ihrer Kontinuität des Sich-Einverleibens, des Ausscheidens und des Von-Vorn-Beginnens nie zu einem Ende kommen wird. Sobald man sich auf die Erinnerung einlässt, steckt man mittendrin. So wie in Lipis Fleischperformance – schon allein deshalb, weil eine Katastrophe nie isoliert erörtert werden kann, sondern sowohl im ontologischen Diskurs über Gewalt zu verorten als auch in Beziehung zu ähnlichen Ereignissen zu setzen ist. Wie präsent derartige sind, erweist sich am Ende des Romans: Erdmanns jüngere Schwester hätte fast den Amoklauf an der Universität von Prag kurz vor Weihnachten 2023 miterlebt.

Erdmanns Verdienst ist es, einen multiperspektivischen Blick auf die tendenziell bruchstückhafte Erinnerung an ein Unglück zu werfen, dessen Bedeutung ihm lange Zeit nicht klar war. Indem er Fragmente geschickt miteinander verwebt, unterstreicht er die Mäander der Genese eines Romans, der eher unmittelbar autobiografisch als autofiktional daherkommt. Auf dem schmalen Grat zwischen Emotionalität und Distanz manifestiert sich die Wahrheit: dass der Amoklauf von Erfurt niemals ad acta gelegt werden kann, dass er mit all seiner kollektiven Wertigkeit immer auch wirkender, lebendiger Teil der persönlichen Geschichte sein wird. In diesem Austarieren von Nähe und Ferne offenbart sich, dass Erdmann der Ausweichschule und ihrer Vorgeschichte niemals wird ausweichen können.

Titelbild

Kaleb Erdmann: Die Ausweichschule. Roman.
park x ullstein, Berlin 2025.
304 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783988160225

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