Was bleibt, ist die Weisheit eines Schalentiers
In „Die Hummerfrauen“ erzählt Beatrix Gerstberger streckenweise spannend vom Leben an der Küste von Maine
Von Anne Amend-Söchting
Aber es stimmte ja, all diese Inseln hier vor der Küste Maines, sie waren voller Geschichten von leidenschaftlichen und dann gebrochenen Herzen, von verlorenen Kindern und ertrunkenen Männern, es war erstaunlich, was man ertragen konnte. Diese Geschichten klammerten sich an die Felsen und die Landschaft, und auch wenn der ein oder andere immer mal wieder versuchte, sie zu verstecken, sie ließen sich nicht abschütteln.
Solche aufwühlenden Geschichten aus dem Leben von Frauen an einer zerklüfteten und inselreichen Küste in einem der ärmsten US-amerikanischen Bundesstaaten kompiliert Beatrix Gerstberger zu einem Roman. Sie lebte selbst einige Zeit bei den Hummerfischerinnen in Maine.
Ann und Julie, beide nicht mehr jung, verdienen ihr Geld mit dem Fangen von Hummern. Eines Tages kommt der Fischer Ellis bei Ann vorbei, mit der knapp dreißigjährigen Mina im Schlepptau, die er nach seinem Bekunden am Meer aufgefunden habe. Mina, gekentert in einem Kajak bei Ellis Island, dem Ferienort ihrer Kindheit, wohnt fortan bei Ann und fährt mit ihr zum Hummerfischen. Sie trifft Sam wieder, einen jungen Fotografen, den sie aus den Urlaubszeiten mit ihren Eltern kennt. Beide haben sie einen Bruder verloren: bereits vor langer Zeit starb Jack, Sams Bruder, bei einem Bootsunfall; Christopher, Minas Bruder, kam bei einem Motorradunfall ums Leben. Die genauen Umstände von Jacks Tod wurden nie aufgeklärt.
Als Mina ein Kind erwartet, planen Sam und sie zuerst eine gemeinsame Zukunft, dann distanziert er sich mehr und mehr. Drei Jahre lang bleibt Mina noch mit ihrer Tochter Luca in Stone Harbour, bevor sie mit ihr und einem neuen Partner an die Westküste zieht. Dort erhält sie die Nachricht von Anns Tod. Mit Luca, die Anns Haus erben wird, reist sie nach Maine, um an der Beerdigung teilzunehmen. Danach verbringt sie eine Nacht mit Sam.
Beatrix Gerstberger organisiert die erzählte Zeit ihres Texts auf drei Ebenen: Prolog und Epilog sind 2020 angesiedelt, als Ann mit ungefähr 90 Jahren stirbt, Julie 70 und Mina circa 50 Jahre alt sind. Den Haupterzählstrang bilden die Ereignisse zu Beginn des neuen Jahrtausends, von denen aus immer wieder in den letzten Sommer, den Mina und Christopher mit ihren Eltern auf Eagle Island verbringen, rückgeblendet wird. Von ausgelassenen, dabei unverbindlichen Feiern der Feriengäste mit den Inselbewohner:innen und gemeinsamen Joints ist die Rede sowie von der kindlichen Freundschaft, die Sam und Mina verbindet. Alles endet mit der überstürzten Abreise von Minas Familie im Sommer 1982, als Jack verschwindet und erst Tage später in seinem Boot tot aufgefunden wird. 40 Jahre später vermutet Mina, dass Christopher, der mit Jack unterwegs war, seinen Tod vielleicht hätte verhindern können.
Die Hummerfrauen ist ein Roman, der erst in seinem letzten Drittel so richtig an Fahrt aufnimmt. Bis dahin erscheinen seine einzelnen Szenen isoliert, tendenziell deskriptiv, eher mosaiksteinartig aneinandergereiht, sodass sich mitunter der Eindruck aufdrängt, ob Gerstberger nicht, so wie sie es ursprünglich geplant hatte, mit einem Sachbuch über die Hummerfischerinnen von Maine besser beraten gewesen wäre. Viele kleine Episoden ranken sich um das Leben im und am Hafen – Hafenrennen, Hafenbar, Hafenball und regelmäßige Trinkgelage. In lockerem Zusammenhalt sind sie zu atmosphärischem Lokalkolorit aufgeladen. Aber es dauert, bis ein ausgewogener narrativer Fluss mit einem heterodiegetischen Erzähler, der wechselnde Figuren fokussiert, erreicht wird. Punkten kann die Autorin jedoch von Anfang an mit passend bildhaften Naturbeschreibungen – mitunter eher schlicht, wie zum Beispiel das Meer „hellblau mit weißen Tupfen“, andere Male differenzierter, wenn auf den Felsen, die sich „zu beeindruckenden Klippen“ türmen, an denen das Meer abprallt, „Kormorane mit weißem Brustgefieder wie ein Haufen beleidigter Kellner im schwarzen Frack“ sitzen und Adler ihre Kreise ziehen. Wer allerdings erwartet, dass die Naturbeschreibungen in intensiver Anthropomorphisierung die Affektwelt der Figuren in direkter Interaktion spiegeln, wird enttäuscht. Die Natur entrollt sich als eine Art Leinwand, vor der sich die kauzigen Charaktere mit all ihren Eigenheiten bewegen. Zwar prägt das Habitat die Menschen und determiniert ihren Alltag, aber als autonom handelnde Größe touchiert es die menschliche Affektwelt nur oberflächlich. Die derart emergierende verhaltene Nähe und Distanz zur Natur doppelt sich in den Beziehungen, die die Küstenbewohner:innen zu ihren Mitmenschen aufbauen. Es dominiert eine unverbindliche Zuwendung, die sich nur bedingt zu Deep Talk oder metakommunikativen Ansätzen aufschwingen kann. Immer wird es einiges an Ballast geben, das, was jede:r mit sich selbst ausmachen muss – vieles, von dem man meint, dass es nicht kommunikabel sei, dräut im Untergrund. Besonders kompliziert gestaltet sich der Konnex zwischen den Bewohner:innen der Ferieninsel Ellis Island und den Feriengästen, die seit den Dreißigerjahren, wie einer der Fischer erzählt, aus Philadelphia und Boston gekommen seien. Sein Vater habe die „Sommermenschen lange bewundert“, er habe davon geträumt, mit ihnen wegzuziehen, dann aber gemerkt, dass die Gäste ihn nicht an-, sondern auslachten. Das Spannungsverhältnis zwischen den Lebenswelten, die nur einmal jährlich miteinander in Kontakt kommen, scheint sich im Laufe der Jahre verschärft zu haben.
Im Zentrum des Romans steht der Konnex zwischen Ann, Julie und Mina, letztendlich doch die Freundschaft zwischen drei Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen in Stone Harbour gestrandet sind. Sie sorgen sich umeinander und sind füreinander da. Alle drei sind markiert als Außenseiterinnen, die sich im Dorfleben behaupten können und sich integrieren, aber nur bedingt inkludiert werden. Da ist als Erste Ann, ehemalige Collegeprofessorin, die mit ihrer Lebensgefährtin Carolyn in den 1990er Jahren nach Stone Harbour kommt, um einem Soziotop der Tratschereien und üblen Nachrede zu entgehen. Als der von ihnen eröffnete Gemüseladen keinen Ertrag mehr abwirft, verlässt Carolyn Ann, die ihren Beruf erneut ändert und Hummerfischerin wird. Obwohl die Sehnsucht nach Carolyn niemals vergangen ist, Ann nach eigenem Bekunden nur besser darin geworden ist, sie vor sich selbst zu verbergen, kann sie sich auf „die zweite große Liebe ihres Lebens“ – das Meer – einlassen. Ann ist eine Figur mit Ecken und Kanten, die für Überraschungen gut ist, dann, wenn sie etwa im Alter von 70 Jahren als Aktmodell arbeitet und vor den Augen der Kunststudierenden „wie eine nackte Königin auf ihrem Thron“ in einer Bucht platziert ist. Nachdem sie zur Ausstellungseröffnung mit nach New York gereist ist und sich in eine Welt hineinbegeben hat, die ihr aus ihrer Collegezeit vertraut ist, bilanziert sie, dass sie das frühe Aufstehen und das Tuckern des Bootes vermisst habe.
Julie ist geprägt von den Nachwirkungen eines Verkehrsunfalls, bei dem sie fast umgekommen wäre. Nach einer langen Zeit im Koma kämpft sie sich zurück in ein Leben, das kaum mehr etwas mit ihrem vorhergehenden gemein hat. In Stone Harbour wird sie respektiert und ob ihrer spitzen Zunge gefürchtet. Nach langen Jahren des Singledaseins nähert sie sich dem Hummerfischer Nat an, dessen Frau Ethel unheilbar an Krebs erkrankt ist. In einer Szene voller Komik und voller Verzweiflung gleichermaßen versucht Ethel kurz vor ihrem Tod, Julie mit Nat zu verkuppeln. Obwohl die beiden vor allem eine Art „vernünftiges Glück“ erreichen, gibt es Phasen, in denen Julie von heftigen Gefühlen zu Nat überwältigt wird.
Mina, die aus dem Meer Kommende, eine Art schaumgeborene Venus – wobei diese Bezugspunkte hätten vertieft werden können –, unterhält seit ihrer Kindheit ein mehr als angespanntes Verhältnis zu ihrer Mutter Judith, die immer danach trachtete, aus Mina „eine Mini-Ausgabe von sich“ zu machen, um sie damit auf das Leben einer Ehefrau und Mutter vorzubereiten, die keinen eigenen Berufsweg einschlägt. Judith, eine Figur, deren Handeln schematisch und vorhersehbar wirkt, lässt gewisse Tiefen nur erahnen. Ihr ist es wichtig, ihr Familienleben bis in kleinste Details zu regeln, was während der Ferien auf Ellis Island nicht funktioniert. Dort schlagen alle Versuche fehl, „die immer loser werdenden Fäden ihrer Familie zusammenzubinden“. Jahre später – die Trauer der Mutter um ihren Sohn hat sich zu einer manifesten Depression gesteigert – hält Mina es nicht mehr zuhause aus.
Als Ann stirbt, sitzt Mr. Darcy auf ihrem Kopfkissen – ein Hummer-Unikat, blau leuchtend, wie man es selten antrifft, benannt nach Jane Austens berühmter Romanfigur aus Stolz und Vorurteil. Normalerweise wird Mr. Darcy in einem Aquarium gehalten. Wenn man ihn herausnimmt, scheint er zu kommunizieren, indem er „von irgendwoher aus seiner Körpermitte mit einem leisen Brummen“ vibriert. Schade, dass der wohl berühmteste „Hummerhalter“ der Geschichte, der französische Postromantiker und literarische Tausendsassa Gérard de Nerval, in diesem Kontext gar nicht erwähnt wird. Passenderweise waren Hummer für ihn, den Flaneur, ein Zeichen der Entschleunigung und des Innehaltens. Seinen Hummer führte er in den Gärten des Palais Royal spazieren.
Obwohl sie Hummer fängt, bringt es Ann nicht über sich, diese Schalentiere, deren Zubereitung wegen des kochenden Wassers, in das sie lebend geworfen werden müssen, nur wenig Spielraum lässt, zu essen. In ihrem Umgang mit Hummern spiegelt sich die ganze Diskrepanz zwischen körperlicher und seelischer Nahrung. Für Ann sind Hummer Tiere der Transitionen – ein Hummer, so legt sie in ihrem letzten Brief an Mina dar, könne nur deshalb fast „hundert Jahre alt werden“, „weil er sich alle zwei bis drei Jahre“ häute. Bei diesem Symbolwert drängt sich die Frage auf, ob der Hummer nicht auch die Botschaft mit sich führt, dass sich Traditionen ändern müssen, ob es nicht an der Zeit sein könnte, dass die Küstenbewohner:innen von Maine diese eine Einnahmequelle nicht mehr favorisieren. Die damit unweigerlich einhergehende Problematik, sich anzumaßen, von außerhalb zu urteilen, konkretisiert sich in einer Szene, in der Julie auf einen Kajakfahrer, einen Touristen, trifft, der sie als „verdammte Tierquälerin“ beschimpft.
Als Grundtenor nimmt bei der Thematik des Fischens weniger die Beute als vielmehr die Aktivität des Jagens und manchmal das Tauchen in der schillernden Schönheit der Unterwasserwelt eine prominente Rolle ein. Mina fühlt sich überaus wohl in dieser Welt und für Julie ist das Hummerfischen gar ein Jakobsweg, der sie jeden „Scheiß, der einen belastet“, vergessen lässt. Und dennoch: Trotz kleiner Ansatzpunkte ist die weitestgehende Indifferenz zu beklagen, mit der fast allem, was das Tierwohl betrifft, im Roman begegnet wird. Eine kritische Perspektive auf das Fischen und das Verzehren von Hummern bleibt zu vermissen.
Tragfähige Dialoge in deutscher Sprache zu konstruieren, die authentisch das wiedergeben, was eigentlich im Amerikanischen gesagt wird, ist ein schwieriges Unterfangen. Im an sich konsistenten und adäquat neutralen Sprachduktus der Hummerfrauen stolpert man ab und an über in die Jahre gekommene, abgegriffene Redewendungen, gespeist möglicherweise aus einem Repertoire dessen, was man als Boomer:innen-Deutsch titulieren könnte. Jemand ist „nicht die hellste Kerze auf der Torte“, „mein lieber Herr Gesangsverein“, „ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn“, „Soll das Kunst sein? Also, ich denke, das kann weg“, „Julie war nicht mehr ganz so blond wie damals“ und „Friede, Freude, Ursprungsfamilie“ gehören dazu. Andere Bilder wirken sehr bemüht – wenn etwa die Dorfbewohner:innen am Tag nach dem Hafenball „mit dumpfen Köpfen und zerwühlten Herzen“ umherschleichen, Julie sich wie „vakuumverpacktes Trockenobst“ fühlt oder sie mit einem Felsen verglichen wird, „dem man wünscht, dass aus seinen Ritzen endlich wieder Blumen wachsen“. Nach Anns Einschätzung „verkriecht sich“ Julie „wie ein Hummerweibchen in seiner Höhle“. Mina, nahezu identisch, „verkriecht sich in ihrer Höhle wie ein verletztes Tier“.
Nichtsdestoweniger ist Beatrix Gerstberger eine exzellente Beobachterin, deren erster Roman demonstriert, dass sie weiß, wovon sie schreibt. Wenn es um die Darstellung rein empirischen Verhaltens, letztendlich um Soziogramme geht, gelingt es ihr vorzüglich, Frauenfiguren in ihren Besonderheiten und Widersprüchen zu porträtieren. Psychogramme indessen, eine insgesamt facettenreichere Auseinandersetzung mit dem Innenleben der Protagonistinnen, hätten dem Text gutgetan. Was bleibt, ist nicht nur die Weisheit des Schalentiers, sondern der Wunsch nach einer komplexeren Fokussierung auf Ann, Julie und Mina und ihre jeweiligen Geschichten.
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