Mehr Dichtung, mehr Wahrheit
Kurt Palm schreibt über seine Familiengeschichte einen Roman
Von Helmut Sturm
Auf die Geschichten, die wir über uns selbst erzählen, können wir uns nicht ganz verlassen. So stellt Kurt Palm seinem seinen Eltern gewidmetem Erinnerungsbuch zwei Motti voran, die das Unsichere autofiktionaler Literatur betonen: „Es gibt keine Wahrheit in der Erinnerung“ von Werner Herzog und Louis Begleys Feststellung „Wir kommen der Wahrheit nie näher als in erfundenen Geschichten“. Das Fiktionale wird überdies durch die Gattungsbezeichnung im Untertitel „Roman“ betont. Aber vorne weg: Beim Lesen werden viele mit mir den Eindruck haben, hier geht es nicht um Dichtung sondern Wahrheit. Dieser Eindruck wird gestärkt durch einen unprätentiösen Stil, den Einsatz dokumentarischer Fundstücke wie Tagebucheintragungen, Zitaten aus Schulheften, Interviews mit Zeitzeugen und Berichten von Recherchereisen. Auch des Autors Beteuerungen, dass er immer wieder „an die Grenzen stößt, was sich recherchieren und erinnern lässt“, lassen den Roman als zutiefst redlich und ehrlich erscheinen.
So erscheint vor unseren Augen die Geschichte des Autors und seiner Familie, die aus dem Weiler Kapan bei Suhopolje („Trockenes Feld“) in Slawonien durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs vertrieben wird und sich in Oberösterreich eine neue Existenz aufbaut. Kaum, dass sich die Familie Palm wie die anderen deutschsprachigen Siedler in dem multiethnischen und ironischer Weise „trockenes Feld“ genannten Sumpfgebiet eingerichtet und etabliert hat, muss die Mutter auf einem Pferdewagen fliehen und der Vater wird als 18jähriger vom Schweinestall an die Front geschickt, um als Mitglied der SS in Slowenien und Frankreich gegen Partisanen zu kämpfen. Am Anfang steht das Trauma, auch wenn der Vater für den Sohn nicht nachweisbar an Kriegsverbrechen beteiligt war.
Wie in vielen Familien bleiben solche Details der elterlichen Lebensgeschichte auch bei den Palms verschwiegen und erst durch die bewusste Auseinandersetzung und Recherche erkennbar. So ist auch die Geschichte der Herkunft eine Art „Trockenes Feld“, das nicht unbedingt eine reiche Ernte erlaubt, sondern manch Geheimnis im steinigen Boden verborgen hält.
1964 schreibt Kurt Palm in sein Schulheft: „Meine Eltern wurden aus Jugoslawien vertrieben und wir sind froh, dass wir so eine schöne Wohnstube besitzen.“ Dieser Aufstieg der mittellosen Flüchtlingsfamilie wird allerdings von der österreichischen Nachkriegsgesellschaft nicht leicht gemacht. Palm erinnert sich, dass „keiner der damaligen Nachbarn [sich] um uns scherte“ und dass die Einheimischen „nur daran interessiert waren, wie wir unsere Möbel transportiert hatten“. So wird deutlich, dass unmöglich die gleiche (österreichische) Identität bei den Zugezogenen entstehen kann. Das erfahrene Misstrauen, die soziale Distanz, die Wahrnehmung als „Fremde“ vermitteln eine verständliche Abneigung jedem Nationalismus und auch Patriotismus gegenüber, der in der Schifahrernation durchaus mehrheitsfähig ist.
Palm ist in seiner Kindheit Ministrant und als Obertstufenschüler und Student Mitglied der damals noch stalinistischen KPÖ. Beide Mitgliedschaften werden anekdotisch und recht humorvoll dargestellt. Irgendeinen Schatten hinterlassen sie nicht. Zurück bleiben jedenfalls ein häufiges frommes Anzünden von Kerzen und eine unmissverständliche Sympathie für sozial benachteiligte Menschen. (Ein Rezensentenpoet schreibt: „Die Kerzen als Lichtquelle dienen als Gegenbild zur oft düsteren und vernebelten Familiengeschichte, die Palm in seinem Buch aufarbeitet. Das Anzünden von Kerzen symbolisiert auch eine Art stille Wachsamkeit gegenüber der eigenen Herkunft und Identität, die immer wieder ins Bewusstsein gerufen wird.“)
Der Roman ist nicht chronologisch erzählt, die einzelnen Inhalte sind eher kaleidoskopartig wie in einer Bricolage angeordnet. Tatsächlich erinnert der Autor an den Bricoleur, der mit seinem Gegenstand eng vertraut ist und sich durch Vielseitigkeit auszeichnet und dennoch ein geschlossenes Bild schafft. So wird auch vermittelt, dass die Ursachen der (Familien-)Traumata nicht historisch abgehackt werden, sondern sich immer wieder ereignen können. Der Autor spricht offen und berührend nicht nur über die Verwundungen der Elterngeneration, vielmehr auch über die eigenen. Suicide im familiären Umfeld, besonders der Freitod im Alter von 56 Jahren des Bruders Reinhard, einem erfolgreichen Dramaturgen und Übersetzer, werden im Buch ausführlich thematisiert. Eine Wahrheit, die dabei auch den Leserinnen und Lesern deutlich wird, ist, dass menschliches Leben nicht gänzlich erklärt, ja nicht einmal erzählt werden kann. Allein um das zu verstehen, lohnt sich die Lektüre dieses besonderen Romans.
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