Maria hat Maria nicht erhört

In Maria Aljochinas Buch „Political Girl“ beeindruckt vor allem die Unbeugsamkeit seiner Autorin

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ende des Jahres 2025 hat Putin die russische Punkrockband und KünstlerInnengruppe Pussy Riot zur extremistischen Vereinigung erklären lassen. Das klingt vielleicht nicht sonderlich bedeutsam, doch gilt damit sogar schon jeglicher Kontakt zu der Gruppe als kriminell und kann entsprechend zur Anklage gebracht werden. Zu einem solch strafbaren Kontakt zählt selbst ein „Gefällt mir“ unter einem Post der Gruppe in sozialen Netzwerken.

Einige Wochen zuvor hat Maria Aljochina, neben Nadeschda Andrejewna Tolokonnikowa wohl die bekannteste der Pussy Riot-AktivistInnen, in mehreren Ländern ihr Buch Political Girl veröffentlicht, das einem, Putin nämlich, ganz sicher nicht gefallen wird. Es handelt sich um eine Art Rückblick auf ein Jahrzehnt ihres sehr turbulenten Lebens, mit einigen Anekdoten ihrer nicht eben glücklichen Kindheit und Jugend. Bedauerlicherweise lässt der Band einen Bildteil oder wenigstens Illustrationen zum und im Text vermissen.

Aljochinas Rückschau beginnt am 12. Februar 2012 mit dem weit über die Grenzen Russlands und Europas hinaus berühmten Auftritt von Pussy Riot in der Moskauer Erlöserkirche, während dem die Frauen ihren Punk-Song Jungfrau Maria, verjage Putin für einige Sekunden vortragen konnten, ehe sie überwältigt und festgenommen wurden, und endet mit der von der Autorin nur höchst ungern unternommenen Flucht im Mai 2022. Zu ihrer Entscheidung, Russland zu verlassen, dürfte nicht unwesentlich beigetragen haben, dass ihre Mitstreiterin und wichtiger noch Partnerin Lucy Shtein wenige Monate zuvor ebenfalls ins europäische Ausland geflohen war, wo sie seither gemeinsam leben.

Aljochina hat den mit gut 500 Seiten recht umfangreichen Band in zahlreiche, sehr kurze Abschnitte unterteilt, die meist keine Seite lang sind und deren Überschriften nicht selten Unterschriften sind. Dabei presst Aljochina tausende Infos in kürzeste Form. Oft scheint es, als habe sie auf Tagebuchnotizen zurückgegriffen, die sie etwas ausformuliert und mit Erinnerungen anreichert. Jedenfalls wirkt der Text gelegentlich ein wenig, als habe sie ihn wie einen Patchwork-Teppich geknüpft.

So hetzt sie die Lesenden über ein paar hundert Seiten hinweg vor allem kreuz und quer durch Russland von einer Aktion zur nächsten, wobei auch schon mal ein Abstecher in die Ukraine unternommen wird. Überhaupt reiste die Pussy Riot-Truppe in teils unterschiedlicher Zusammensetzung um die Mitte der Zehnerjahre öfter im Ausland herum bis hin nach Neuseeland. Auch ihre Einladung ins Europäische Parlament 2014 wird von Aljochina erwähnt.

Die meisten Aktionen scheinen eher unbedeutend: hier ein Transparent hochhalten, dort ein musikalischer Auftritt oder ein kurzes Video. Wichtig ist aber vor allem, und das macht sie dann doch relevant, ihre Aktionen ins Internet zu stellen und so auf den nicht eben ungefährlichen Widerstand aufmerksam zu machen. Gelegentlich gelang Pussy Riot allerdings auch eine große, spektakuläre Aktion. So etwa die Stürmung des Fußballplatzes während des Endspiels der Weltmeisterschaft 2018 in einem von Russlands Sicherheitsbehörden hochgeschützten Stadion.

Jedenfalls scheinen die Aktivitäten der Pussy Riot-RebellInnen Russlands diktatorischem Regime gefährlich genug, um Aljochina und ihre MitstreiterInnen, von denen die meisten Frauen sind, zu überwachen, sie, wo es nur geht, zu schikanieren und zu drangsalieren, Hausdurchsuchungen durchzuführen und Beschlagnahmungen zu verhängen, sie ein ums andere Mal bei ihren Kundgebungen, Zusammenkünften oder ganz einfach nur so zu verprügeln und sie mit Gefängnis oder Hausarrest zu bestrafen. Von Jahr zu Jahr werden die Strafen härter und die Anlässe immer nichtiger. Überdies griffen die Schergen des Regimes auch zu illegalen Mitteln. So verübten sie (mutmaßlich) einen Giftanschlag auf das Pussy-Riot-Mitglied Pjotr Wersilow und während ihrer Demonstration werden die Pussy-Riot-AkteurInnen regelmäßig von Putins Schlägertrupps überfallen, die ihnen zudem gezielt Säure in die Augen zu sprühen pflegen, was zur dauerhaften Erblindung einer der Protestierenden führte.

Auf den letzten ein-, zweihundert Seiten des Buches stehen verschiedene Aufenthalte in Gefängnissen und Haftanstalten sowie der immer wieder verlängerte Hausarrest der Autorin im Zentrum. Vor allem aber ihre Liebe zu Lucy Shtein und ihre mal erfolgreichen, mal weniger erfolgreichen Versuche, einander trotz beiderseitigem Hausarrest oder als Gefangene wenigstens für kurze Augenblicke sehen zu können. Nun schaltet die Autorin auch immer wieder kurze Briefe (oder Kassiber), die Shtein und sie sich in diesem sich Runde um Runde drehenden „Arrestkarussell“ zukommen ließen, zwischen die kurzen Abschnitte.

Der verhältnismäßig lockere Umgang, den die Gefangenen mit manchen WärterInnen pflegten, überrascht. Auch die durchaus einmal persönlicher werdenden Gespräche zwischen ihnen. Ebenso, dass die Autorin ein offenbar recht gutes Verhältnis zu dem Inspektor des russischen Gefängnisdienstes Federalnaja sluschba ispolnenija nakasanij Wlad hatte, der sie während ihres Hausarrests bei den kurzen Ausgängen begleitete und überwachte. Offensichtlich war er dem Regime nicht ganz so vollkommen verfallen, wie es seine Position verlangte. Schließlich machte er sich der Staatsmacht verdächtig und wurde gegen einen anderen ausgetauscht, der regimetreuer war.

Detaillierte politische Analysen sind von der Autorin nicht zu erwarten. Über eher allgemeine Feststellungen wie etwa, dass „die ganze ‚russische Welt’ […] nicht wirklich russisch [ist], wenn es in ihr keinen Krieg gibt“, kommt Aljochina selten hinaus, auch wenn verschiedene politische Ereignisse wie etwa die Ermordungen Skripals und Nawalnys natürlich erwähnt und verdammt werden. Mit dem noch immer andauernden Angriff Russlands auf die Ukraine nimmt dann der Krieg immer größeren Raum ein.

„Ich möchte, dass Sie wissen, dass es in Russland Menschen gibt, die schon immer anders leben wollten und es noch immer wollen. Wir sind diese Menschen. Und wir haben versucht, für dieses Recht auf ein anderes Leben zu kämpfen“, gibt Aljochina den Lesenden mit auf den Weg. Und an anderer Stelle betont sie: „Die Demokratie ist kein Geschenk Gottes, das uns auf ewig zusteht, sie wurde von Menschen erkämpft, die uns vorausgingen. Wenn wir sie nicht respektieren und nicht weiter für sie kämpfen, kann sie leicht zusammenbrechen.“ Das trifft nicht nur auf Russland zu, wo sie bereits zusammengebrochen ist, sondern auch auf Deutschland und andere Länder, in denen sie zusammenzubrechen droht. Ob dies geschieht, liegt an uns.

Titelbild

Maria Aljochina: Political girl. Pussy Riot.
Berlin Verlag, Berlin 2025.
526 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783827015051

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