Täglich grüßt der 18. November

Solvej Balles Roman „Über die Berechnung des Rauminhalts“ ist ein faszinierendes erzählerisches Experiment, das inzwischen bei Band IV angelangt ist

Von Beat MazenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die dänische Autorin Solvej Balle hat ihren mehrteiligen Roman Über die Berechnung des Rauminhalts auf sieben Bände angelegt. Im Herbst 2025 ist in Dänemark bereits der sechste Band erschienen, und der Übersetzer Peter Urban-Halle hat Band IV in der deutschen Fassung vorgelegt. Dieser steigt mit der Notiz #1892 ein, weshalb eine kurze Rekapitulation der Bände I–III angebracht ist:

Am Morgen des 19. Novembers bemerkt die Ich-Erzählerin Tara Selter in einem Hotel in Paris, dass ihr alles bekannt vorkommt und sie nicht am 19., sondern ein zweites Mal am 18. November aufgewacht ist. Sogleich kehrt sie nach Hause zurück, wo sich ihr Mann Thomas darüber wundert, dass sie „heute“ schon wieder da sei, obwohl sie doch „morgen“ noch eine Fachbibliothekarin habe treffen wollen. Als sie es Thomas zu erklären versucht, signalisiert dieser Verständnis, nur um über Nacht alles wieder zu vergessen. Um ihn nicht immer von Neuem zu verwirren, bezieht Tara das Gästezimmer, das Thomas am 18. November nie betritt. Nüchtern notiert sie:

Jeden Abend, wenn ich mich in dem Zimmer im Gästebett schlafen lege, ist der achtzehnte November, und jeden Morgen, wenn ich aufwache, ist der achtzehnte November. Ich erwarte nicht mehr, am neunzehnten November aufzuwachen, und ich erinnere mich nicht mehr an den siebzehnten November, als wäre es gestern gewesen.

Ihr Leben hängt offenkundig fest. Während ihre Umgebung den Tag stets wie neu erlebt, wird sie selbst dabei Tag um Tag älter. Mit dieser Erfahrung ist Tara allein. Um andere Luft zu schnuppern, besetzt sie ein leer stehendes Haus in der Nachbarschaft, später reist sie nach Norden in den Winter und nach Süden an die Sonne – bis sie eines Tages einen Bruch in der täglichen Routine entdeckt: Ein Mann hat sich in der Universität auf einen anderen Platz gesetzt als „gestern“. Fortan teilen sich Tara und Henry das Leben in der Zeitschlaufe. Bis sie auf weitere Schicksalsgefährten treffen, die am Ende von Band III an der Türe ihres Hauses klingeln.

„Jetzt sind wir neun Leute“, notiert Tara zu Beginn von Band IV in ihrem Eintrag #1892. Die Nummer steht für die Zeit, seit der sich der 18. November wiederholt. Es sind mehr als fünf Jahre. Die Frage bleibt, wer eigentlich feststeckt: diejenigen, die längst wissen, wie der Tag zu Ende geht, oder diejenigen, die den Tag mit gelöschter Erinnerung immer wieder neu erleben, als ob es ihn zum ersten Mal gäbe? Das Existentielle wird zum philosophischen Problem.

Tara und ihre Gefährt:innen wohnen inzwischen in Bremen, wo das Wetter anhaltend trüb, grau und kalt ist. Anfänglich hält sie die wachsende Zahl der Ankömmlinge in ihrem Journal noch mit Namen fest. Dann verzichtet sie darauf, weil es immer mehr werden, die im Haus ein- und ausgehen. 

Die im 18. November Gefangenen bilden eine Gemeinschaft, die sich gegenseitig aushilft, Essen organisiert und Platz für Neuankömmlinge schafft. Einige reisen zwischenzeitlich weg oder haben in anderen Häusern eine feste Bleibe gefunden. Immer wieder aber treffen sie sich, um gemeinsam darüber zu diskutieren, wie und warum sie in diese Zeitschlaufe geraten sind und was das für ihre Zukunft bedeutet. Gibt es ein paralleles Zeituniversum oder ein physikalisches Diskontinuum? Hat vor fünf Jahren ein elektromagnetischer Sturm gewütet oder ist sogar das eigene Bewusstsein für die Katastrophe verantwortlich? Alle Antworten bleiben reine Spekulation. Auffallend ist nur, dass sich die Gruppe aus eher jungen Menschen aus Europa zusammensetzt, die weder reich noch arm sind, aus „Menschen in der Schwebe oder auf Reisen, Menschen mit unsicherer Identität und verworrenem Leben“. Auch wenn sie mitunter heftig miteinander debattieren, bleibt die Stimmung unter ihnen gelassen und respektvoll –

denn wer sollte sich darüber freuen, recht zu haben? Auf wen sollten wir Eindruck machen? Auf einander [sic!]? Aber wieso, wenn es nicht gefährlich war, sich zu irren? Sollten wir einander fürchten, sollten wir Angst haben, etwas Dummes zu sagen? 

Mit ihrem Romanprojekt fordert uns Solvej Balle auf listige Weise auf, über individuelles und kollektives Zeiterleben nachzudenken, über Vergangenheit und Zukunft und wie die Zeit uns zufällt, wie wir sie verleben und verlieren. Das ist ausgesprochen reizvoll zu lesen, weil es der Autorin tatsächlich gelingt, dieses Nachdenken beweglich zu halten. Behutsam und klug fädelt sie immer neue Fragen und Probleme in den sich wiederholenden Gang der Dinge ein und erweitert so fortlaufend die Themenpalette. Ob etwas bleibt oder wieder verschwindet, beschäftigt Tara seit der ersten Wiederholung. Mal fehlt am Morgen ein gekauftes Kleid im Schrank, mal verschwindet ein Text aus dem Computer; handkehrum bleibt Handschriftliches erhalten, ebenso wie das Kleid, wenn es einmal über Nacht getragen worden ist. Unklar bleibt dennoch, welches System exakt dahintersteckt. Das Problem spitzt sich zu, als eine der Frauen schwanger wird. Wird das Kind in die Schlaufe hineingeboren oder entgeht es dieser – und die Mutter mit ihm? Ja, gibt es überhaupt einen Ausgang aus dieser vertrackten Zukunftslosigkeit? Je größer die Gemeinschaft im 18. November wird, umso dringlichere Fragen tauchen auf. Weil sie alle älter werden, rät eine Ärztin zur Gesundheitsvorsorge. Denn sollte jemand über Nacht im Spital bleiben müssen, besteht die Gefahr, dass er oder sie fortan täglich im Spitalbett aufwacht. Ganz zu schweigen von einem Aufenthalt im Gefängnis. Bei einzelnen kommt sogar die Idee auf, dass sich vielleicht der Lauf der Welt verändern ließe, indem beispielsweise ein folgenschwerer Vorfall verhindert wird, damit er sich nicht wiederholt. 

Was in der gerafften Nacherzählung vielleicht langweilig und gleichtönend klingt, liest sich spannend und ausgesprochen anregend. Solvej Balles Buch ist ein Gedankenspiel, das als Erzählung erstaunlich gut funktioniert und unsere Aufmerksamkeit permanent wachhält. Obwohl sie stoisch an ihrem Setting festhält, gelingt es ihr, die Eintönigkeit des sich stereotyp wiederholenden Tages subtil zu variieren und mehr und mehr auf Dinge zu fokussieren, die auch außerhalb des 18. Novembers Bedeutung haben. Allem voran gewinnt die Ökologie an Bedeutung, denn die Bremer Hausgemeinschaft, so klein sie im globalen Maßstab auch sein mag, verbraucht immer mehr Ressourcen, die frühestens am 19. November nachgeliefert und ersetzt werden können. Schon in Band I hatte Tara das Problem, dass ihre Lieblingsschokolade im Geschäft um die Ecke immer weniger wurde und sie auf andere Geschäfte ausweichen musste. Aus diesem Grund hat die Bremer Gruppe entschieden, dass sie sich hauptsächlich von dem ernähren will, was täglich bei „Gemüsehändlern auf dem Markt, in den Lagern mit unverkauften Waren, in den kleinen Vorzimmern der Importeure, in den Kühlräumen mit viel zu großen Mengen an Milch und Joghurt“ besorgt und vor der Vernichtung durch die Müllabfuhr gerettet werden kann. Dennoch besteht die Gefahr des regionalen Überkonsums. In Bremen wird das Holz knapp, um den Kamin anzufeuern. 

Über die Berechnung des Rauminhalts seziert diese Irritationen und gibt damit einen Blick auf eine Parallelwelt frei, die unerklärlich ist, also die Auseinandersetzung mit dem Unerklärlichen fordert und dabei fast beiläufig nebst existentiellen und gesellschaftlichen auch ökologische Themen zur Sprache bringt. Es ist alles eine Frage der Zeit. Wir verbrauchen unsere Welt, im Kleinen wie im Großen. Und die Zeit scheint dabei immer schneller zu vergehen. Der letzte Eintrag am Ende des vierten Bandes steht unter der Ziffer #3637, was signalisiert, dass Tara seit gut zehn Lebensjahren in der Zeitschlaufe festsitzt.

Solvej Balle treibt ihr faszinierendes erzählerisches Projekt raffiniert und gescheit voran. Jeder der Bände ist im Kern unabhängig lesbar, auch wenn der vierte Band ein paar kleine Details enthält, die auf Band III verweisen. Zuerst war es nur Tara, dann kam Henry dazu, später Olga und Ralf – bis sich die Entwicklung beschleunigte und aus dem individuellen ein kollektives Phänomen machte. Am Ende von Band IV zeichnet sich abermals eine neue Wendung ab. Taras Mann Thomas hat angerufen, was er am 18. November noch nie getan hat. Irgendetwas hat ihn „aus dem Muster gezogen“. Auch auf Cliffhanger versteht sich Solvej Balle ausgezeichnet.

Titelbild

Solvej Balle: Über die Berechnung des Rauminhalts IV.
Aus dem Dänischen von Peter Urban Halle.
Rohstoff (Matthes & Seitz Berlin), Berlin 2025.
208 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783751810401

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch