Bekanntes im neuen Kleid
Rilkes „Sonette an Orpheus“ sind im 150. Jubiläumsjahr des Dichters in einer historisch-kritischen Ausgabe erschienen
Von Ulrich Klappstein
In der Sammelrezension war bereits darauf verwiesen worden, dass der Osnabrücker Germanist Christoph König an einer ersten vollständigen Gesamtausgabe der Werke Rainer Maria Rilkes arbeitete. Beteiligt an diesem Editionsprojekt sind die Internationale Rilke-Gesellschaft, Archive wie das Deutsche Literaturarchiv Marbach, die Schweizer Nationalbibliothek in Bern, die Schweizer Stiftung „Fondation Rilke“ in Sierre sowie die Sievert Stiftung für Wissenschaft und Kultur.
Die ersten Titel der auf 30 Bände veranschlagten Ausgabe sind im Göttinger Wallstein Verlag erschienen. Gestartet war die Ausgabe mit den Duineser Elegien. Am 4. Dezember 2025 jährte sich der Geburtstag Rainer Maria Rilkes zum 150. Mal, und rechtzeitig zum Jubiläum ist nun nach Das Stunden-Buch und zugehörige Gedichte 1899–1905 – dem Werk, das Rilkes Ruhm begründete – mit dem Band Die Sonette an Orpheus, aus dem Nachlass des Grafen C. W. und Gedichte 1919–1922 ein weiteres Werk dieser ambitionierten Ausgabe erschienen. Präsentiert werden Rilkes Dichtungen auf einer neuen editorischen Grundlage. Die 55 Sonette an Orpheus, entstanden im Februar 1922 – parallel zum Abschluss der Duineser Elegien –, gehören zu den zentralen Texten der europäischen Moderne.
Schon mit dem Band „O komm und geh“. Skeptische Lektüren der Sonette an Orpheus von Rilke (erschienen im Göttinger Wallstein Verlag 2014) hatte der Herausgeber Christoph König dazu beigetragen, die Faszination, die von Rilkes „Sonetten an Orpheus“ bis heute ausgeht, zu illustrieren und mit der Aufdeckung von Rilkes Quellen und dem schon damals beigefügten historisch-kritischen Apparat zur Reflexion über Rilkes Schriften angeregt.
Seit dem Jahr 1900 war Rilke Autor des Insel Verlags, wo seine Bücher bis heute erscheinen. Dort wurde im Jahr 1923 der Erstdruck der Sonette veröffentlicht, eine Vorzugsausgabe in 300 Exemplaren war ebenfalls erhältlich. Rilkes umfangreiche Kommentare und Beinoten fanden jedoch bis zur Erstveröffentlichung der sechs Bände der Sämtlichen Werke durch Ernst Zinn auf Anraten des Verlags keine umfängliche Berücksichtigung. Sie wurden dann in die vierbändige Kommentierte Ausgabe, herausgegeben von Manfred Engel, Ulrich Fülleborn, Horst Nalewski und August Stahl, von 1996 aufgenommen. Aber erst im vorliegenden Band der Historisch-Kritischen Ausgabe findet dieser Werkkomplex von 1919 bis 1922 eine umfassende Berücksichtigung. Die Edition erschließt zusätzlich den bisher kaum bekannten Zyklus Aus dem Nachlass des Grafen C. W. sowie sämtliche Gedichte der Jahre 1919 bis 1922. Die Grundlage bilden über 200 Manuskripte aus internationalen Archiven und Rilkes Privatnachlass.
Im Nachwort formuliert Christoph König die Intention dieser Edition, nämlich die sich in Rilkes Dichtung „niederschlagende Kreativität in ihrer jeweiligen Tonalität“ zu bewahren und „in ihrer zeitlichen Entfaltung“ zu zeigen. Abgebildet und erschlossen werden soll der gesamte Werkkomplex der Sonette, für die Rilke zunächst keinen Plan und also auch keine festgelegte Ordnung fixiert habe, obwohl verschiedene Werkformen und laufende Korrekturen seitens des Autors in den Orpheus-Zyklus Eingang fanden. Eine Schwierigkeit ergab sich laut dem Herausgeber dadurch, dass für die jetzt edierten Texte neben dem Erstdruck zu Lebzeiten die vorliegenden Handschriften beziehungsweise Sammelhandschriften Rilkes berücksichtigt werden mussten. Rilke hatte einige der Gedichte des Zyklus für die nochmaligen Abschriften mehrfach umgearbeitet. Diese Textausgabe präsentiert alle „Abschlüsse“ textgenetisch. Auch dem editorischen Apparat liegt dieses Prinzip zugrunde, und nach einer textgenetischen Vorbemerkung wurden sämtliche erreichbaren Textzeugen zusammengestellt, chronologisch gereiht und mit einer neuen Nummerierung versehen. Sämtliche Varianten machen nun erst eine Analyse der materialen Entwicklungsdynamik zugänglich.
In dem nach dem 225-seitigen Textteil eingefügten Materialteil finden sich Abbildungen der Titelei der Vorzugsausgabe vom März 1923, Faksimiles der ersten Niederschrift zum Sonett XII, die einen Eindruck von Rilkes Vorarbeiten, Streichungen und Überarbeitungen vermitteln; weiterhin eine Fotografie der Tänzerin Wera Knoop aus Privatbesitz, zusätzliche Abbildungen von Notizblättern und Reinschriften zum Sonett XXVI, sowie weitere Entwürfe zu den Paratexten. Es folgt ein umfassender Teil, in dem die Prinzipien der Darstellung erläutert werden, sowie eine Auflistung sämtlicher verwendeter Textzeugen auf 44 (!) Seiten. Danach wird der eigentliche editorische Apparat zu allen vorgestellten Texten und zu sämtlichen, dazugehörigen Vorarbeiten bereitgestellt. Ein umfängliches, fünfzig Seiten umfassendes Nachwort sowie ein Verzeichnis aller Gedichtüberschriften, Gedichtanfänge und Vorarbeiten beschließen diesen sehr übersichtlich gestalteten Band, der für eine fundierte Auseinandersetzung mit diesem Werk Rilkes und dessen Forschungsgeschichte eine unverzichtbare Grundlage darstellt.
Wie das Nachwort betont, soll damit die Ausgabe der Sämtlichen Werke, die bis dato als Referenzausgabe galt und die ohnehin im Buchhandel in der seit 1955 vorliegenden Edition nicht mehr erhältlich ist, „allmählich abgelöst werden“. Weiter heißt es zur Rechtfertigung in einer sehr nachvollziehbaren Begründung:
Selbst wenn die ’Sämtlichen Werke’ erhältlich wären, sind sie unter zwei maßgeblichen Gesichtspunkten – über sechzig Jahre nach ihrer Entstehung – überholt. Sie sind einerseits nicht mehr vollständig: Seither sind viele neue Werke Rilkes aus seinem Nachlass aufgetaucht, ebenso liegt vieles – wie etwa zahlreiche Werkmanuskripte sowie Taschen- und Tagebücher – bislang noch editorisch unerschlossen im Nachlass. Und andererseits konnte Zinn seinerzeit einen zentralen Auftrag einer gültigen Werkausgabe nicht erfüllen, nämlich zu den einzelnen Texten die Vorstufen und also die Entstehung mitzuteilen.
Dem ist aus Sicht des Rezensenten nichts hinzuzufügen. Der Leserschaft sei dieser Band in „Zweiter Herausgeberschaft“ nach Maßgabe der Wissenschaftsgeschichte der Germanistik (Christoph König) dringend empfohlen.
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