Zuhause in der transzendentalen Obdachlosigkeit

Der Gedichtzyklus “Das Haus” von Björn Hayer überzeugt mit einer unverwechselbaren Lyrik über einen der tiefsten Verluste in unserem Leben – das Verlassenwerden durch den Tod der eigenen Mutter

Von Jana FuchsRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jana Fuchs

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Haus ist Björn Hayers dritter Lyrikband. 2022 erschienen Verschwörung einer Landschaft und Verzeichnis der verschwindenden Pfade, in Reihenfolge bei den Verlagen Quintus und Limbus.

Schlägt man den Band auf, fällt zuerst die Form auf: Text, der nicht in Versen gesetzt, aber sprachlich durchaus wie Lyrik gearbeitet ist, unterwandert – wie ein narrativer Nährboden – die darüberstehenden Gedichte. Ein Prinzip, mit dem auch Terézia Mora in Das Ungeheuer gearbeitet hat, nur dass es in Das Haus keine Linie gibt, die die Grenze markiert. Im Fall von Björn Hayer liegt diese zwischen Fließtexten und Gedichten, und im Fall von Terézia Mora zwischen der Erzählung von dem IT-Experten Darius Kopp und dem auf Ungarisch geführten Tagebuch seiner Frau Flora, die sich das Leben genommen hat.

In Das Haus hat dies den Effekt, dass die Gedichte – je nach Länge – mal näher, mal weniger nah über der (Text-)Erde schweben, und so die Verse in Relation zu einer anderen Textform gesetzt werden. Das impliziert jedoch nicht, dass die Gedichte eingeengt werden. Der Raum, der sie umgibt, ist immer noch weit genug, damit sie in das Offene hineinwirken und -zielen können. Gleichsam, so ahnt man, birgt dies das Risiko in sich, dass das, was in den Gedichten ungesagt bleibt, in den Fließtexten auserzählt wird. Doch bei genauerem Hinsehen merkt man, dass diese Bedenken unbegründet sind, da die Motive des einen Textes in den anderen zwar hinein-, ihn aber nicht ausleuchten. 

Der Lyrikband ist in drei Teile untergliedert: Ein Ort. Ein Abschied. Eine Sphäre. Titel, die auf unterschiedliche Zustände der Trauer hinweisen, wie sich nach der Lektüre des Gedichtzyklusʹ erschließt. 

In Ein Ort erzählt das lyrische Ich von seinem Aufenthalt in einem entlegenen Haus aus altem Sandstein. Es ist dort allein – nur umgeben von Gedichten, Rufen, die nur in seiner Einbildung existieren oder vom Anderswo herrühren, Rotkehlchen, die beginnen, ein Nest zu bauen, und etwas, das Abwesenheit suggeriert. Rehspuren im Garten. Rätselhafte Löcher im Gras.

Immer wieder steigen Erinnerungen an seine verstorbene Mutter auf, die selbst nie in diesem Haus gelebt hat – “dein Duft, deine Blicke, / deine zu vielen Zigaretten?” Dann: “Dein endloses Verblassen”.

Hier, in diesem Haus auf dem Land, entlegene Gegend, scheint das lyrische Ich der verstorbenen Mutter, »die nie einen Tag für den anderen aufsparen konnte«, und die selbst nie in diesem Haus lebte, am nächsten zu sein: “Ich spüre etwas, ich lausche den Vögeln und glaube, du sprichst mit einem Mal aus ihnen.”

Dann, nach Tagen, in denen alles nach innen hin ausgerichtet war, erreichen ihn »Nachrichten von outside«, die unzusammenhängend nebeneinanderstehen – Bomben über Charkiw, Raketen, die über Israel hinwegfliegen –, um dies dann wieder auf sich rückzubeziehen: “Es gibt Kontinente aus Plastik, selbstschwimmende. Viele Häuser sind nur noch auf Landkarten verzeichnet. Und dieses, mein Herz? Wie lange steht es noch?”

Ob es daran liegt, dass ihn die Ereignisse in der Welt nur mittels Bild, Text und/oder Ton vermittelt erreichen, oder daran, dass er durch die Trauer alles nur wie durch Nebel sehen kann, wird von ihm selbst beantwortet: “Ich will keine Bilder mehr, weil sie entrücken.”

Aber es will ihm nicht gelingen; die Welt drängt sich auf:

Doch nun dringt der Lärm durch jede Ritze ein. Ich dämme die Fenster und verdichte die Fugen. Ich stelle mich auf den Schlaf ein, auf eine Insel, deren Morgen immer diese Worte verkünden: Nichts Neues.

Und dann: “Die Tage als Tanz? Die Umformung von Staub in Euphorie? Das gelingt bisweilen. […] Und dann steht alles in Blüte, munter treiben Samen durch die Luft.” Die Frage kommt auf, ob Abschiede Illusionen sind, die einem kaum mehr als ein neues Sehen abverlangen. Aber dann folgt die Ernüchterung: “Mein Herz ist so schwer, dass ich es kaum noch tragen kann. Dein Tod füllt alles darin aus.”

Erneut die Störung durch Bilder, Schlagzeilen, Nachrichten. Bevor die Stille zurückkehrt und das Summen einer Fliege, ein fallendes Blatt, der nicht versiegende Schmerz wieder die alleinige Aufmerksamkeit auf sich ziehen. 

Ein Abschied ist eine Rückblende in die Zeit, als seine Mutter noch lebte. Das lyrische Ich erinnert sich daran, wie sie über den Kies lief, einen Ast für den Hund warf, bangend die Kontoauszüge holte. Erinnerungen an jene Zeit, bevor sie verstarb und er ihr einen Brief schrieb, den er vergrub, um ihr all das zu sagen, was im Leben nicht mehr ausgesprochen werden konnte.

Dann die Nachricht von ihrem Tod, gefolgt von der Durchsicht ihrer Briefe. Die Einsicht, dass er ihr Leben, das vor seiner Geburt lag, verpasst hatte. 

In Sphären imaginiert sich das lyrische Ich dann in kosmische Gefilde beziehungsweise steigt mittels des Glaubens in diese empor. Es sucht nach der verstorbenen Mutter und es scheint tatsächlich zu einer Art Sehen zu kommen:

Ich muss es mir vorstellen, ein zu dir passendes Leuchten. Sich öffnende Blüte. Ein Duft. Ich muss ihn mir vorstellen. Vielleicht ein Meer oder ein Stern. Je länger ich schaue, desto mehr blendet mich diese Abwesenheit, diese gewaltige Abwesenheit, die stets in ein Hinüber kippt, in ein Blatt, ein weißes Blatt. Alles ist nun hell. 

In Ein Ort heißt es:

Ich dichte um die / Schatten, Hinsagen / wie Kerzenlicht, / so undeutlich wirre ich durch die Wörter / wie Packeis, schwirrende Summen. / Ich habe mich aufgeschoben, zu / viele Punkte. Übriges / von / nie / gesagten / Sätzen // zur letzten Wand sprechen, Konturen in unbekannten / Schimmern, obdachlos in den Straßen unserer Metaphern

In diesen Zeilen drückt sich die Poetik dieses Gedichtbandes aus. Schreiben, um all das Ungesagte, das durch den Tod im Leben nicht mehr ausgesprochen werden kann, zu versprachlichen. Und um die Dunkelheit mit ihren Schattentänzen auszuleuchten, die einen anheimfällt, wenn eine nahestehende Person allzu plötzlich verstirbt. 

Mit Das Haus hat Björn Hayer Texte gewebt, die hinunter zu den Toten steigen und sich mithilfe der (dichterischen) Imagination in höhere Sphären zu schwingen. Es wird geschaut, was zu schauen ohne die (dichterische) Imagination oder den Glauben unmöglich ist. Man darf gespannt sein auf weitere Gedichtzyklen von Björn Hayer.

Kein Bild

Björn Hayer: Das Haus (Mitlesebuch 151). Gedichte.
Aphaia-Verlag, Berlin 2025.
65 Seiten,
ISBN-13: 9783946574408

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