Das verschwundene Kind
Bevor er mit den bisher neun Bänden seiner Slough-House-Serie berühmt wurde, folgte Mick Herron in vier Romanen den Spuren der Oxforder Privatdetektivin Zoë Boehm – „Down Cemetery Road“ ist der erste
Von Dietmar Jacobsen
Bekannt und berühmt geworden ist der Schriftsteller Mick Herron (Jahrgang 1963) mit seiner Serie um Jackson Lamb und die von ihm befehligten sogenannten Slow Horses, eine kleine Gruppe britischer Spione, die man in die Bedeutungslosigkeit abgeschoben hat. Fern der Zentrale des Inlandsgeheimdienstes MI 5 am Regent’s Park, in einem heruntergekommenen Bau im Londoner Stadtteil Finsbury, dem sogenannten „Slough House“, residieren der äußerst ungehobelte Chef und die seiner Führung anvertrauten, auf die eine oder andere Weise untragbar gewordenen Agenten, die man nicht entlassen, aber auch mit keinen das nationale Interesse verteidigenden Projekten mehr beauftragen kann. Gepflegtes Däumchendrehen hinter wackeligen Schreibtischen vor staubigen Gardinen – Herrons Welt der Spione ist alles andere als das, was man aus James-Bond-Filmen oder John-le-Carré-Romanen kennt. Urkomisch und mit einem Schuss Melancholie zur gleichen Zeit zeigt er mit den Abenteuern seiner Helden, dass Geheimdienstarbeit in der Gegenwart mehr mit den Geistern der Vergangenheit zu tun hat als konstruktiv dafür Sorge zu tragen, dass unsere Welt sicherer wird.
Viel Erfolg war Herron zunächst freilich nicht mit seinen Romanen beschieden. Die Anerkennung kam erst später. Auch die hiesigen Verlage haben den 1963 in Newcastle-upon-Tyne geborenen und heute in Oxford und London lebenden Autor lange übersehen. Als der Züricher Diogenes Verlag deshalb 2018 – mit achtjähriger Verspätung – den Roman Slow Horses in der kongenialen Übersetzung von Stefanie Schäfer herausbrachte, war das mehr oder weniger ein Versuchsballon.
Weil sich Jackson Lamb und die Seinen aber sofort in die Herzen der deutschsprachigen Leser hineinschrieben, begann ein Jahr später eine Aufholjagd der Übersetzungen gegenüber den englischsprachigen Originalen, die inzwischen fast zum Gleichstand geführt hat. Und da die auf den Büchern der Slow-Horses-Reihe beruhende Fernsehserie mit Gary Oldman in der Rolle des Jackson Lamb der Popularität der Romane in nichts nachsteht und Herron in seiner Heimat längst als legitimer Erbe von John le Carré gilt, hat man sich nun offensichtlich bei Diogenes entschlossen, den wachsenden Hunger hiesiger Leserinnen und Leser auf die Bücher dieses Autors mit dem Rückgriff auf jene vier Romane zu stillen, mit denen Herrons Schriftstellerkarriere begann. Und was soll man sagen? Volltreffer!
Es braucht allerdings 200 Seiten, also fast die Hälfte von Down Cemetery Road, bis Zoë Boehm in die Rolle hineinwächst, die ihr die Unterüberschrift des Romans – Zoë Boehm ermittelt in Oxford – verspricht. Bis dahin steht die andere wunderbar erfundene weibliche Hauptgestalt des Buches, Sarah Tucker, im Mittelpunkt. Die hat englische Literatur studiert und ist danach in einer Mittelstandsehe gelandet, in der sie am – wie ein Geschäftsfreund ihres Mannes Mark spöttisch anmerkt – „Bored Housewife Syndrom (BHS)“ unterzugehen droht. Da kommt ihr eine Bombenexplosion, die den Südoxforder Straßenzug erschüttert, in dem sich auch ihr Haus befindet, gerade recht – ein nicht zu überhörender Weckruf für die junge Frau, die Gefahr lief, in ihrer Hausfrauenrolle zu erstarren.
Weil bei dem Attentat nicht nur zwei Menschen getötet werden, sondern auch die vierjährige Dinah Singleton, die Sarah freilich nur vom Sehen kennt, hinterher spurlos verschwunden ist, beginnt Herrons Protagonistin, den Spuren dieses Kindes zu folgen. Nicht allein aus Neugier, sondern auch weil sie ahnt, dass die Geschichte viel mit ihr selbst zu tun hat, ihrer Vergangenheit und der Situation, in der sie in der Gegenwart (fest-)steckt, wendet sie sich schließlich an das Detektivbüro von Joseph Silvermann, in dem auch Zoë Boehm als Partnerin des Inhabers arbeitet. Doch obwohl sich die beiden Frauen hier zum ersten Mal begegnen, braucht es noch eine Weile und einen brutalen Mord, bis Zoë das Ruder in ihrem ersten Fall übernehmen kann.
Derweil muss Sarah erfahren, dass sie mit ihrem Interesse für das verschwundene Kind überall aneckt. Und nachdem auch Jo Silvermann, der gutherzige Detektiv, der sich zunächst bereitwillig auf ihre Wünsche eingelassen hat, mehr und mehr davon überzeugt ist, dass man besser die Finger von einer Sache lassen sollte, in die offensichtlich dubiose Geheimdienstleute, Profi-Killer und Ex-Soldaten, die man bis dato für tot gehalten hat, verwickelt sind, muss auch Sarah endlich erkennen, dass sie mit ihrer Neugier in ein Wespennest gestochen hat.
Da allerdings ist es längst zu spät zum Umkehren und um Herrons Heldin herum beginnen die Dinge aus dem Ruder zu laufen. Plötzlich zeigen Menschen aus ihrem Bekanntenkreis ganz neue Gesichter. Man versucht, sie zu töten, und ob sie sich noch auf ihren Mann Mark und einen geheimnisvollen, nach dem Anschlag auf das Haus der Singletons aufgetauchten Fremden, der mit dem Vater des verschwundenen Mädchens gemeinsam im Golfkrieg gedient hat, verlassen kann, steht dahin.
Vielleicht ist Mick Herrons Romandebüt mit 550 Seiten ein wenig zu lang geraten. Was sich aber in Down Cemetery Road – der Titel verdankt sich einer Gedichtzeile von Philip Larkin (1922 – 1985), einem der bedeutensten englischen Lyriker des 20. Jahrhunderts – aber mehr als deutlich zeigt, ist das große Talent eines Autors, der bereits mit seinem ersten Roman voll ins Schwarze trifft. Und das reicht von der traumwandlerischen Sicherheit, mit der er seine Erzählfäden miteinander verknüpft, über die Charakteristiken einzelner Figuren – eine der interessantesten, der naive Pharmavertreter David Keller, betritt leider erst gegen Ende des Romans die Szene – bis zu dem kinoreifen Showdown in einer einsamen schottischen Kapelle.
Ein begeistertes Vorwort zu Down Cemetery Road hat im Übrigen die bekannte britische Schauspielerin Emma Thompson beigesteuert. Sie verkörpert in der gleichnamigen Fernsehserie, 2025 für den Video-on-Demand-Dienst Apple TV+ entstanden, die taffe Detektivin Zoë Boehm. Für Thompson sind die Romane Mick Herrons „mehr Graham Greene als Ian Fleming, aber irgendwie ohne Greenes allzutraurige Melancholie“. Sollte der Erfolg der aufwändigen Serien-Produktion dafür sorgen, dass sich die Macher für eine weitere Staffel entscheiden – und es sieht zur Zeit ganz danach aus –, dürften auch die Chancen hiesiger Leser steigen, die drei weiteren Romane aus der Zoë-Boehm-Reihe in deutschen Übersetzungen lesen zu können. Es wäre zu wünschen, zumal mit Stefanie Schäfer eine wundervolle Übersetzerin bereits bereitsteht.
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