Wem gehört der Bauch einer Frau?

Der von Veronika Hofeneder und Carolin Slickers herausgegebene Band „Literatur und Abtreibung“ bietet einige interessante Erkenntnisse zur fiktionalen Bearbeitung des Themas

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Thema Schwangerschaftsabbruch ist ein immer wiederkehrendes Motiv der Literatur. Wissenschaftlich untersucht wurde es hingegen bislang eher selten. Der vorliegende Sammelband „will das ändern“, wie die beiden Herausgeberinnen Veronika Hofeneder und Carolin Slickers in einem einleitenden Text bekunden. Dazu blicken seine Beiträge, die auf einem im Sommer 2024 im Wiener Literaturhaus veranstalteten Workshop fußen, bis in die Romantik zurück. Einen gewissen Schwerpunkt bilden dabei die 1920er und 30er Jahre.

So beleuchtet Marcello Fassio „Repräsentationen von Schwangerschaftsabbrüchen in literarischen und medizinpolitischen Texten“ dieser Zeit. Susanne Klimroth wiederum vergleicht die Fassung von Marieluise Fleißers „Abtreibungsdrama“ Fegefeuer in Ingolstadt aus dem Jahr 1926 mit derjenigen des Jahres 1971. Wie auch andere Beitragende geht sie dabei auf die „Rezeption, Edition und Platzierung dieser Texte in der Literaturgeschichte“ ein und macht so „deutlich, wie sehr diese Sphären auf die entstandenen Texte Einfluss nehmen“. Klimroth arbeitet das allerdings besonders gut heraus.

Geographisch konzentrieren sich die Aufsätze zwar auf den deutschsprachigen Raum, doch befassen sich einige Texte auch mit fremdsprachiger Literatur. Denn immerhin hat der Band den Anspruch, „komparatistische Perspektiven“ zu eröffnen. So geht Aileen Berendt „literarische[n] Abtreibungen in britischen Romanen der 1930er Jahre als kollektive[r] Erfahrung“ nach, wobei sie selbstverständlich nicht zuletzt auf Christopher Isherwoods Roman Goodbye to Berlin (1939) eingeht, der 1972 erfolgreich unter dem Titel Cabaret verfilmt wurde.

Zahra Rietschel nimmt die „erzählte[n] Schwangerschaftsabbruchabbrüche“ in Das achte Leben (Für Brilka) (2014) der Deutsch-Georgierin Nino Haratischwili in den Blick, während Waltraud Maierhofer die Behandlung des Themas Zwangsabtreibung im Roman Frösche (2010) des unter dem Pseudonym Mo Yan publizierenden chinesischen Literaturpreisträgers von 2012 Guan Moye untersucht. Die Handlung seines Romans spielt vor dem Hintergrund von Chinas inzwischen eingestellter Ein-Kind-Politik.

Beschlossen wird der Band mit einem Gespräch, das die Herausgeberinnen mit der österreichischen Autorin Gertraud Klemm, die unter anderem über ihren Roman Einzeller spricht, und der ebenfalls aus dem Alpenland stammenden Filmschaffenden und -forschenden Franzis Kabisch führten, deren dokumentarischer Kurzfilm Getty Abortions (2023) vielfach ausgezeichnet wurde, die ansonsten jedoch zu fiktionalen Filmen und Serien forscht.

Zu Beginn aber erläutern die Herausgeberinnen zunächst einmal, warum sie den Begriff Abtreibung gegenüber dem des Schwangerschaftsabbruchs bevorzugen, obwohl letzterer in politischen und gesellschaftlichen Diskursen geläufiger ist und er von feministischer Seite „aufgrund seiner Negativimplikationen, unter anderem der von Illegalität, sogar vermieden“ wird. Der Begriff Abtreibung, so argumentieren sie, bilde „neben dem politischen Kampfbegriff auch einen historischen Knotenpunkt seiner Diskurse“ ab. „Abtreibungen als solche zu bezeichnen“ lade zudem dazu ein, „das Phänomen als ein komplexes zu sehen, in dem juristische, medizinische und gesellschaftliche Diskurse aufeinandertreffen“, womit Schwangerschaftsabbrüche „historisch zur Reflexionsfläche von Aushandlungsprozessen dieser Diskurse – und damit auch zu einem historischen Temperaturmesser der Gleichstellungsfrage“ werden. Das mag zwar so sein, restlos zu überzeugen vermag diese Begründung allerdings nicht.

Im weiteren Verlauf ihres einleitenden Textes stellen Hofeneder und Slickers kurz einige einschlägige literarische Werke vor, darunter Vicki Baums Roman stud. chem. Helene Willfüer, dessen Erstpublikation 1928-29 in der Berliner Illustrirten Zeitung „von empörten Zuschriften und Protesten der Leser*innen begleitet“ wurde. Der Roman, so die Herausgeberinnen weiter, sei „ebenso wie die Autorin in den folgenden Jahrzehnten in Vergessenheit [geraten]“. Für ersteren mag das zutreffen, für seine Autorin hingegen sicher nicht. Reüssierte sie doch nicht nur als Drehbuchautorin in Hollywood, auch hierzulande wurden ihre alten Romane ebenso wie ihre neuen Werke nach dem Ende der Naziherrschaft selbst in Buchklubs immer wieder neu aufgelegt. Und eine Sammlung ihrer Feuilletons wurde noch 2018 auf den Markt gebracht. In einem der dort wiederveröffentlichten Texte verteidigt sie das Abtreibungsverbot des §218, da die „Mädchengeneration“ durch die „Möglichkeit der Abtreibung […] jedes Verantwortungsgefühl bei sexuellen Bindungen [verliere]“, was in dem vorliegenden Band allerdings nicht erwähnt wird.

In Marcella Fassios Beitrag zur „Repräsentationen von Schwangerschaftsabbrüchen in literarischen und medizinpolitischen Texten der 1920 und 1930er Jahre“ nimmt Baums Roman stud. chem. Helene Willfüer selbstverständlich einen prominenten Platz ein. An seinem Beispiel und anhand von Mela Hartwigs Novelle Der phantastische Paragraph (1928) sowie „ausgewählter medizinpolitischer Schriften“ der Zeit wie etwa dem Sachbuch der wegen illegaler Schwangerschaftsabbrüche zu einer Gefängnisstrafe verurteilten Ärztin Else Kienle Frauen. Aus dem Tagebuch einer Ärztin (1932) zeigt Fassio, „dass literarische Texte medizinische Praktiken sichtbar machen und dabei eine eigene Perspektive auf diese entwerfen“. Dabei fokussiert die Autorin insbesondere auf die Frage, „welche Praktiken von Schwangerschaftsabbrüchen in den Texten dargestellt werden und inwieweit hier ein Dialog mit medizinpolitischen Positionen und juristischen Rahmenbedingungen besteht“. Ungeachtet der Unterschiede in ihrer „Entwicklung der Abtreibungsthematik“ lassen sich Baums Roman und Hartwigs Novelle der Autorin zufolge als „literarische Auserzählung[en] der Fallbeispiele“ lesen, die Kienle in ihrem Sachbuch vorstellt, und stehen damit „in einem Dialog mit den zeitgenössischen Debatten um Schwangerschaft und Abtreibung“.

Nicht weniger instruktiv ist Susanne Klimroths bereits erwähnte Untersuchung der beiden Versionen von Fleißers Fegefeuer in Ingolstadt, in der sie „die Relevanz von Olgas versuchtem Schwangerschaftsabbruch für die dargestellten dramatischen Konflikte“ beleuchtet. Vor allem aber geht sie einem „bis dato in der Forschung unberücksichtigten Aspekt“ nach, der darin besteht, dass beide Versionen zu einem Zeitpunkt veröffentlicht wurden, zu dem die Diskussion um den §218 besonders heftig tobte. Überdies bietet sie einen literarhistorischen Abriss des Abtreibungsthemas von der Figur der Kindsmörderin in der Weimarer Klassik zum Schwangerschaftsabbruch in der Weimarer Republik, wobei natürlich Hinweise auf Frank Wedekinds Frühlings Erwachen (1891) oder auf „Allusionen in einigen naturalistischen Texten“, wie etwa in Gabriele Reuters Das Tränenhaus (1909) nicht fehlen dürfen.

Am tiefsten zurück in die Vergangenheit blickt der nach den einleitenden Worten der Herausgeberinnen folgende Beitrag von Lena Reinhardt, die in Dorothea Schlegels anonym erschienenem Roman Florentin von 1801 eine „Relativierung des Abtreibungsverbots“ ausmacht, da er den Schwangerschaftsabbruch als „entschuldbares Delikt“ darstelle. Allerdings „widersetzt sich“ der Roman der Autorin zufolge „einer feministischen Lesart“, „da er sich nicht eindeutig gegen die bestehende Geschlechterhierarchie stellt“. Dem ist allerdings entgegenzuhalten, dass dies kein notwendiges Kriterium für feministische Literatur ist. Abgesehen davon lassen sich selbst die maskulinistischsten wie auch alle anderen Romane überhaupt einer feministischen Lesart unterziehen. Wäre es zudem nicht etwa schon ein Kriterium feministischer Literatur, dass ein literarischer Text „in verschiedenen Figurenkonstellationen sexualisierte Gewalt gegen Frauen adressiert und als omnipräsentes Problem ausweist“, was Schlegels Roman Reinhardt zufolge sehr wohl leistet? Allerdings thematisiert er nicht ‚sexualisierte’, sondern sexuelle Gewalt. So „begeht“ seine titelstiftende Figur „regelrecht systematisch Sexualstraftaten“, wie beispielsweise eine Vergewaltigung.

Zu monieren ist ebenfalls, dass Reinhardt ihre Behauptung, Dorothea Schlegel habe sich „für die Herrschaft des Mannes und Unterordnung der Frau aus[gesprochen]“ nicht etwa mit einem Zitat von Schlegel selbst belegt, sondern lediglich auf einen Titel der Sekundärliteratur verweist. Aber selbstverständlich unterzieht sie auch den Roman selbst einer analytischen Lektüre und gesteht ihm eine „subtile Form der Patriarchatskritik“ zu. Dabei kontextualisiert sie den Schwangerschaftsabbruch mit dem damaligen Strafrecht sowie gesellschaftlichen Zwängen und Regeln der Zeit. Und zeigt, wie sich der Roman gegen den vorherrschenden gesellschaftlichen Diskurs „positioniert“ und der von diesem „abweichenden relativierenden Einstellung zum Abtreibungsverbot der breiten Bevölkerung“ zustimmt, der zufolge ein Schwangerschaftsabbruch unter gewissen Umständen „entschuldbar“ ist. So wird der Schwangerschaftsabbruch in dem Roman nur von einer Figur, nämlich dem Kindsvater, „verdammt“.

Zu den Highlights des Bandes zählt das ihn beschließende Gespräch mit Klemm und Kabisch. Letztere kritisiert die „Durchschaubarkeit und Einfallslosigkeit der Bildauswahl“ zum Thema Abtreibung in Zeitschriften und Zeitungen, mit der Schuldgefühle bei Frauen, die abtreiben (wollen) oder es sich überlegen, evoziert werden. In ihrem Dokumentarfilm Getty Abortions zeigt sie das auf humorvolle Weise. Klemm ergänzt in ähnlicher Manier, dass in ihrem Roman Einzeller „diverse Szenen so eine Art feuchter Traum von mir [sind], wo ich mir einfach nur vorstelle, wie man über Abtreibungen reden könnte“, und weist darauf hin, dass Schwangerschaftsabbrüche weltweit nach wie vor zu den „häufigsten gynäkologischen Eingriffen überhaupt [zählen]“. Da sei es „lächerlich und gleichzeitig witzig“, wie sie „spirituell und therapeutisch aufgeladen [werden] mit diesen Symptomen, die es angeblich gibt“. In eine mit dieser Mär des Post-Abortion-Syndroms nahelegende Kerbe schlagen auch viele, die sich für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch starkmachen, wenn sie gebetsmühlenartig wiederholen, keine Frau mache sich die Entscheidung leicht. Denn das insinuiert implizit, es wäre verwerflich, wenn dies der Fall wäre. Dem ist aber eben nicht so.

Insgesamt behandelt der Band das Thema Schwangerschaftsabbruch in der Literatur eher schlaglichtartig als überblicksmäßig. Dafür aber gehen einige Beiträge sehr detailliert auf das Thema in den von ihnen untersuchten Werken ein.

Eine (vielleicht nicht ganz zufällige) Absenz sticht aber doch ins Auge. An keiner Stelle werden die von der DKP zur katholischen Kirche konvertierte intransigente Abtreibungsgegnerin Karin Struck und ihre einschlägigen Romane Lieben (1977) und Blaubarts Schatten (1991) auch nur erwähnt.

Titelbild

Veronika Hofeneder / Carolin Slickers (Hg.): Literatur und Abtreibung. Von der Romantik bis zur Gegenwart.
Frank & Timme Verlag, Berlin 2025.
180 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783732911103

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