Gegen Hausmütterchen, gegen Blaustrümpfe
In Frank Wedekinds dystopisch eingefärbter Utopie „Mini-Haha“ wird das Ideal der Frau als schönes, domestiziertes Tier entworfen
Von Günter Helmes
Die vorliegende Edition präsentiert den u.a. auf zeitgenössische Emanzipationsbestrebungen mit einem ästhetizistischen Gegenprogramm reagierenden Erzähltext Mine-Haha. Oder über die körperliche Erziehung der jungen Mädchen. Bei diesem, der im Kern nahezu allem Geistigen abhold ist, hingegen Schönheit anbetet und die Zucht und artistische Entfaltung des Körpers feiert, handelt es sich nach einem Selbstzeugnis Frank Wedekinds um das Fragment eines utopischen Romans.
An den dem Nachwort „Minima Aesthetica“ des Herausgebers nach am Diskurs der „bürgerlichen Pädagogik für eine neue Ordnung der Geschlechter“ teilhabenden, auch als „Traktat“ zu lesenden Erzähltext selbst schließen sich eine Reihe von Para- bzw. Metatexten an: u.a. eine „Editorische Notiz“, umfangreiche Erläuterungen vor allem zu den vielen sprechenden Namen im Text, Selbstzeugnisse des Autors, zahlreiche frühe Rezeptionszeugnisse, besagtes Nachwort, ein ca. 70 Titel umfassendes Literaturverzeichnis sowie ein ca. 190 Einträge aufweisendes Personenregister.
Die Edition ist in weiten Teilen vorbildlich, einige Satzfehler (bspw. „Der Mückenprovinz“) sind erfahrungsgemäß unvermeidbar. Diskutieren kann man neben der einen oder anderen Aussage des Nachworts zum einen ggf. über Eingriffe in die „teilweise sehr willkürliche Interpunktion und Orthographie im selbständigen Erstdruck“, sollte deren Anzahl die in der „Editorischen Notiz“ aufgelisteten, nachvollziehbaren 12 Eingriffe übersteigen. Zum anderen insbesondere über jene Erläuterungen, die die Biographien der nachfolgend näher vorgestellten, den verstreuten Hinweisen im Text nach eher als identisch anzunehmenden Figuren Helene Engel und Hidalla betreffen. Hier weiche ich von der Ansicht des Herausgebers ab.
Erste Notizen Wedekinds zum vorliegenden Erzähltext gehen auf das Jahr 1890 zurück. 1901 wurde er erstmals in der Zeitschrift Die Insel abgedruckt. 1903 dann erschien er in selbstständiger, um einen Untertitel, eine »Nachschrift« und ein unvollendetes viertes Kapitel erweiterter Form als Buch (bei in »« gesetzten Zitaten handelt es sich um Text Wedekinds oder anderer Originalquellen). Dessen Text liegt der vorliegenden Edition „in kritischem Vergleich“ mit der Kritischen Studienausgabe und den Gesammelten Werken zugrunde.
Der Erzähltext ist raffiniert gebaut, auch wenn er sich, wie schon ein zeitgenössischer Rezensent bemerkte, einer »romanhaft abgenutzten Schablone, einer fingierten Verfasserin« (Paul Friedrich) nämlich bedient. Entscheidend ist hier die Virtuosität, mit der diese »Schablone« – Stichworte: Vexierspiele mit Identität und Differenz, unzuverlässiges Erzählen – variiert wird.
In der vorliegenden Ausgabe besteht der Text aus einem Rahmen des Herausgebers Frank Wedekind und einer Binnenerzählung. Den Rahmen bilden eine gut zweiseitige, titellose „Kurzerzählung“ mit der Funktion einer Orientierung und Einordnung vermittelnden Vorbemerkung und eine zehnzeilige »Nachschrift«. Gerahmt wird ein knapp 60seitiger, mit vier Punkten am Ende als Fragment ausgewiesener Binnentext. Dessen drittes Kapitel enthält noch die ca. zehn Seiten lange, grotesk anmutende Tanzpantomime Der Mückenprinz.
Verfasserin dieses Binnentextes, den Erinnerungen der genannten Hidalla, ist ihrer eigenen Aussage nach die ebenfalls bereits genannte Helene Engel. Sie will den Text »selber vor langen Jahren einmal niedergeschrieben« haben. Zu beachten ist allerdings, dass diese Aussage vom Herausgeber in seiner Vorbemerkung kolportiert wird, diesem also wie Helene Engel selbst Glauben geschenkt werden muss, wenn es um ‚Wahrheit‘ und Verantwortlichkeit geht. Ist ihnen Glauben zu schenken? Bei Helene Engel jedenfalls handelt es sich um eine 84jährige ehemalige Lehrerin und Zimmernachbarin des Herausgebers, die sich, so erzählt es die Vorbemerkung bzw. legt sie es nahe, vom Erscheinungsdatum der Erzählung aus gesehen vor nicht allzu langer Zeit durch einen Sturz aus dem vierten Stock das Leben genommen hat. Warum sie den Freitod gewählt hat, wird nicht erörtert. Ob es einen Zusammenhang zu dem ihr zugeschriebenen Manuskript gibt? In dem wird jedenfalls von der Ich-Erzählerin Hidalla ausdrücklich ein enger Zusammenhang zwischen eigenem Tod und eigenem Text hergestellt.
Die Vorbemerkung: Der ist unter anderem zu entnehmen, dass die »als Kind sehr begüterter Eltern« geborene Helene Engel ab ihrem 17. Lebensjahr – mehr erfährt man nicht über ihre ersten 16 Lebensjahre, es sei denn, diese wären identisch mit denjenigen Hidallas – ein abenteuerlich zu nennendes Leben geführt hat. Das erinnert an dasjenige von Frank Wedekinds Mutter Emilie, so wie es an späterer Stelle auch eine Anspielung auf Wedekinds Bruder Donald gibt. Zu entnehmen ist der Vorbemerkung auch, dass bei Helene Engel von »irgendwelcher Parteinahme für die Ziele der heutigen Frauenbestrebungen« nichts zu spüren war. Zuweilen vermutete, wie auch immer geartete Anspielungen auf die Frauenrechtlerin Helene Lange und sogar auf Friedrich Engels sind angesichts dieser Aussage eher unwahrscheinlich.
Wichtiger ist aber, dass der Herausgeber ein Buch Frühlings Erwachen geschrieben hat und dass der Text Helene Engels’ aus deren Sicht »etwas Ähnliches« darstellt. Das sollte, einerseits, schon aus erzähltheoretischen Gründen nicht dazu verleiten, den als Figur zu begreifenden Herausgeber Frank Wedekind mit dem Autor Frank Wedekind in eins zu setzen, auch wenn beide zudem betonen, eine Veröffentlichung des Helene Engels zugeschriebenen Textes sei wohl aufgrund »seiner stilistischen Eigenart« gerechtfertigt. Andererseits sollte der Wink mit dem Zaunpfahl nicht überlesen werden, zwischen Frühlings Erwachen und Mine-Haha gebe es intertextuelle Bezüge. Diese Bezüge liegen, wenn es um Inhaltliches geht, auf der Hand. Aber will Helene Engel an dieser Stelle vielleicht mehr andeuten, dies nämlich, dass es sich bei ihrem Text nicht um ihr Memoire handele, sondern um Literatur? Wie passte das aber zu jenen biographischen Aussagen im Binnentext, die mit denjenigen korrespondieren, die Helene Lange betreffen?
Der Binnentext: Auch dieser, der sich als Bericht versteht, beginnt mit einer nicht eigens ausgewiesenen Vorbemerkung, in diesem Falle derjenigen einer Ich-Erzählerin, die an späterer Stelle als Hidalla identifiziert wird. Obwohl ihr – man denke an Helene Engel – Blaustrümpfe »verhaßt« seien und sie eine Dirne höher achte »als eine, die sich soweit erniedrigt, Feuilletons oder gar Bücher zu schreiben«, lege sie ihre »Lebensgeschichte« vor. Zum einen, weil ihr Leben so außergewöhnlich verlaufen sei, zum anderen, weil ihr im Alter »nichts Besseres mehr zu tun übrig« sei. Am Schluss des Erzähltextes, zu Beginn des vierten Kapitels, wird Hidalla als weitere Begründung noch hinzufügen, dass sie ihre »Mitlebenden« an das gemeinsam Durchlebte erinnern möchte.
Im Fortgang des thematisch sowie kultur- und literaturgeschichtlich sehr dichten, diesbezüglich hier allenfalls ansatzweise in den Blick gerückten Textes geht es dann um Hidallas frühe Lebensjahre in einer Art Landheim oder auch Kindergarten. In dem werden sie und andere jüngere Kinder, darunter auch Jungen, von älteren Kindern und jungen Frauen erzogen – von irgendwelchen Eltern ist an keiner Stelle die Rede. Erzogen werden: In den »Unterrichtsstunden« dieser Erziehungsanstalt geht es ausschließlich darum, richtiges, das heißt ästhetisch einwandfreies Stehen, Gehen, Laufen, Stelzengehen und Springen mit dem Springseil zu erlernen. In diesem Zusammenhang ist auch immer wieder von Bestrafungen die Rede, wobei sadistische und sadomasochistische Anklänge nicht zu überhören sind. Überhaupt spielt (kindliche) Erotik bereits hier – Stichworte u.a.: Fetisch, Androgynität, Voyeurismus, Exhibitionismus – eine bemerkenswerte, von Kapitel zu Kapitel explizitere Rolle.
Als Hidalla im siebten Lebensjahr steht, wechselt sie mittels eines makabren, traumatischen Rituals in ein weitläufiges, »Park« genanntes Gelände. Auf diesem Gelände, das ein »hohes eisernes Gitter« von einer wohl nahegelegenen Stadt abschirmt, leben »hunderte« von uniform gekleideten Mädchen in 30 verschiedenen, antikisierten Häusern. Co-Edukation spielt nun keine Rolle mehr, wohl aber das Prinzip ‚Kinder/Jugendliche erziehen Kinder‘. Im »Park« wird die Erziehung durch das Erlernen des Schwimmens, des Musizierens und des Tanzens fortgesetzt. Alles dreht sich für Hidalla nun, nicht zuletzt durch häufigeres Nacktsein weiterhin erotisch aufgeladen, um »Wunderwerke von Schönheit und Sinnenreiz«, verkörpert u.a. in den Erzieherinnen-Figuren Gertrud und Simba. Gertrud wird über eine knappe Seite hinweg sogar detailliert mit einem Pferd im Geschirr verglichen – sie wie die anderen Erzieherinnen arbeiten für eine zwar anonym bleibende, doch offensichtlich autoritäre staatliche Macht –, das wiederum als »menschliches Wesen« wahrgenommen wird. Hidalla wird aber auch zur Kenntnis gebracht, dass falsches Verhalten gerade in erotischen Angelegenheiten – Stichwort: gleichgeschlechtliche Regungen – mit drakonischen, das Leben ruinierenden und abgrundtiefe Hässlichkeit nach sich ziehenden Strafen belegt wird. Und sie erfährt von einem »Theater« im »Park«-Gelände.
Was es mit diesem Theater auf sich hat, erzählt das dritte Kapitel. Diesem, in dem u.a. auch von Benachteiligungen, Ungerechtigkeiten und Eifersüchteleien und damit von allzu Menschlichem, aus sozialtechnologisch-utopistischer Sicht freilich Auszumerzendem die Rede ist, ist eingangs ebenfalls zu entnehmen, wohin die rein aufs Physische abhebende, diesbezüglich allerdings imponierend erfolgreiche Erziehung auch geführt hat:
Wir waren glücklich […], aber das war auch alles. […] Infolge der gänzlichen Unwissenheit, in der wir lebten, war unser Verkehr auf die einfachsten Elemente beschränkt. So erinnere ich mich auch nicht, daß mir all die Mädchen im Park jemals als geistig voneinander verschieden erschienen wären. Eine dachte und fühlte wie die andere, und wenn eine den Mund auftat, wußten immer alle übrigen schon, was sie sagen wollte. […] Nur an den körperlichen Unterschieden kannte man sich gegenseitig auseinander. Wenn eine »Ich« sagte, so meinte sie sich immer ganz damit, von Scheitel bis zur Fußspitze.
Faktisch handelt es sich also um eine Gesellschaft von geistig unentwickelten kindlichen und jugendlichen Klonen. Die bzw. die besten unter ihnen haben die Aufgabe, ständig im besagten, kostspieligen Theater – eher eine antike Arena – um der Finanzierung des »Parks« willen vor anonymisiertem, durch Gitter zurückgehaltenem städtischem Publikum aufzutreten. Und zwar in Darbietungen wie der Pantomime Der Mückenprinz, die mit Entblößungen nicht sparen und vor Erotik, Sex und Gewalt nur so strotzen. Dabei besteht ein sich an den Leser des Textes richtender Kick darin – soll darin bestehen –, dass die Darstellerinnen als so unschuldig behauptet werden, dass sie keinerlei Ahnung davon haben, was sie spielen.
Das Publikum: Das wird ein ums andere Mal mit Wörtern wie »fürcherliche[s] Getrampel«, »Getöse«, »Beifallsgeheul«, »Schwadronieren« und »Wonnegebrüll« in Verbindung gebracht und dergestalt als ein enthemmter, voyeuristischer Haufen markiert, dem die jungen Mädchen quasi zur Fleischbeschau und zum Aufgeilen vorgeworfen werden. Hier wie im Schlusskapitel spricht aus dem Munde Hidallas offensichtlich der Gesellschaftskritiker Frank Wedekind, der die Heuchelei, die allumfassende Brutalität und nicht zuletzt auch die Kunstferne des Bürgertums geißelt – und dystopisch fortschreibt.
Dann der schließlich von der mittlerweile 15jährigen Hidalla ersehnte Abschied aus dem »Park« und die Ankunft im vermeintlich »Freie[n]«, das heißt in der Stadt. Es erweist sich, dass sie und die mit ihr reisenden Mädchen völlig unvorbereitet auf das wirkliche Leben sind, können sie doch nicht einmal lesen. In »des Wortes grausamster Bedeutung« werden sie, von »bangen Schauer[n]« geschüttelt, »hilflos« auf einem eigens organisierten »tobenden Volksfest« »ausgesetzt«, wo sie »zur Belustigung einer besinnungslosen, wollusttrunkenen, rohen Menschenwelt« dienen und »in wenigen Tagen zu völlig anderen Geschöpfen« umgestaltet werden. Einige der Mädchen scheitern denn auch recht bald.
Angesichts der im Vergleich zu den »bald nur mit spöttischem Lächeln« abgetanen »Schrecknisse[n]« des Volksfestes ungleich gewaltigeren »Schicksale des Lebens« und überhaupt der Fragwürdigkeit der »gesamten« gegenwärtigen »menschliche[n] Kultur« fragt sich Hidalla allerdings – Stichworte: Kulturkritik, Utopie –, ob nicht doch insbesondere für Frauen die Welt »in der Tat weniger brutal eingerichtet sein könnte«, wenn so erzogen werden würde wie von ihr erlebt.
Von den „Selbstzeugnissen“ wurde das wichtigste eingangs bereits erwähnt. Für die zeitgenössischen Rezeptionsdokumente gilt, dass sie, zum Teil aus prominenter Hand wie derjenigen Theodor Heuss’, den Erzähltext vor allem aus inhaltlichen Gründen kontrovers beurteilen. In der Mehrzahl der Fälle wird hingegen ganz zu Recht der Stil bewundert. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf Wedekinds hier nicht weiter thematisierte Kunst, Landschaften, Interieurs und ein ums andere Mal Kleidung zu beschreiben. U.a. ist von einem »zweifellos degenerierten Schwelgen in Wüstlings-Vorstellungen« (Monty Jacobs) und einer »seelenlosen Konzeption« (Münchener Zeitung) die Rede. Gesprochen wird aber auch von einem »Erziehungsroman[]« (Raimund Pissin) in der Nachfolge Goethes (Georg Fuchs), vom »Griechentum Wedekinds« (Wilhelm Worringer), von der »Forderung von sozialistischen Erziehungsbedingungen« (Leo D. Trotzki), vom »Ideal der absoluten Körperkultur« (Julius Bab) und vom »Protest gegen den Geist« (Joachim Friedenthal). Besondere Aufmerksamkeit verdient die These, Mine-Haha sei »nicht zufälliger-, sondern notwendigerweise ein Fragment geblieben, weil der Weg nicht weiter wies«. (Josef Adolf Bondy)
Das ausdrücklich zur Lektüre empfohlene, ebenso kenntnisreiche wie kontextgesättigte und perspektivenreiche Nachwort des Herausgebers Hartmut Vinçon kann an dieser Stelle nicht angemessen gewürdigt werden. Es rekonstruiert zunächst die „verwickelte Entstehung des Werkes“, dessen Publikationsgeschichte, die „Textgeschichte“ des in allen Teilen vieldeutigen Titels sowie die dieser zugrundeliegenden konzeptionellen Veränderungen. Mit Blick auf diese behaupteten Veränderungen – Stichwort: Utopie-Projekt – wären allerdings Nachfragen anzumelden. Das Nachwort beschäftigt sich dann ausgiebig mit dem „Bauplan des Werkes“ und dessen Fiktionsstrukturen. „Die Autorschaft“ werde, so ein zentrales, doch im ersten Teil zu kritischem Bedenken Anlass gebendes Thesenbündel, „im Rahmen der Herausgeber- und Erzählerfiktion zum Verschwinden gebracht.“ Niemand sei für den Text „moralisch verantwortlich“, die Erzählung selbst „moralisch indifferent konstruiert.“ Es liege ein Text vor, „der sich vor seinem Lesepublikum selbst verantwortet.“ Im Fortgang geht es schließlich um Einflüsse auf bzw. Lektüren von Frank Wedekind in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre in Zürich, Berlin und München, des Näheren u.a. um zeitgenössische Sexualdiskurse, „Machtverhältnisse geschlechtlicher Ordnung“, „Sex und Gender“, „Körperdiskurse“, Turn- und Tanzkulturen, die Frauenbewegung am Ausgang des 19. Jahrhunderts und das Verhältnis von Mine-Haha zur ungleich bekannteren „Parallelerzählung“ Frühlings Erwachen.
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