Ein Leben so abenteuerlich wie seine Bücher

Zum 150. Geburtstag von Jack London sind seine Reportage über das Erdbeben von San Francisco 1906 und weitere Texte über seine Heimatstadt erschienen

Von Manfred OrlickRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Orlick

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jack London (1876-1916) war ein äußerst produktiver Schriftsteller, der in rund sechzehn Jahren eine riesige Anzahl an Romanen und Kurzgeschichten verfasste, von denen einige Weltruhm erlangten. London zählte zu den meistgelesenen Schriftstellern seiner Zeit. Außerdem war er Zeitungsreporter, Kriegsberichterstatter, Kohlenschlepper, Robbenfänger, Austernräuber, Vagabund, Alkoholiker, Goldsucher, Matrose und sozialistischer Agitator. Er war süchtig nach Abenteuern und seine Biografie, geprägt von Armut, Arbeit und Erfolg, selbst war eine Abenteuergeschichte.

Jack London (eigentlich John Griffith Chaney) wurde als uneheliches Kind eines wandernden irischen Astrologen am 12. Januar 1876 in San Francisco geboren. Nachdem der Vater verstorben war, wuchs er bei der Mutter in ärmlichen Verhältnissen auf. London, der den Namen seines Stiefvaters annahm, war frühzeitig auf sich allein gestellt. Bereits mit 13 Jahren verließ er die Schule, um mit verschiedenen Gelegenheitsjobs zur Unterstützung der Familie beizutragen. Für den Halbwüchsigen ein hartes Leben, das allein durch seinen Lesehunger einige Lichtblicke erhielt. Als 15-Jähriger kaufte er sich eine heruntergekommene Schaluppe und versuchte sein Glück als einer der Austernpiraten, die in der Bucht von San Francisco die Muschelbänke plünderten. Ein lukrativer Job, der ihn aber schon früh zum Alkohol führte.

Wenig später stand er als Patrouillenführer einer Fischereistreife auf der anderen Seite und kämpfte nun gegen seine ehemaligen Kumpanen, gegen Austernräuber und Schmuggler. Mit siebzehn heuerte er auf einem Robbenfänger an, mit dem er bis nach Japan und Sibirien kam. Auch diese Erfahrungen sind in seinen Büchern wiederzufinden.

Bei seiner Rückkehr nach Kalifornien im Jahr 1893 befanden sich die Vereinigten Staaten in einer schweren Wirtschaftskrise, die als „The Panic of 1893“ bekannt ist. London verdiente als Heizer und Kohlenschlepper in einem Heizwerk seinen dürftigen Lebensunterhalt. Schließlich durchquerte er als „Hobo“ (Eisenbahntramp) die USA, worüber er später in seinem autobiographischen Roman Abenteuer des Schienenstranges ausführlich berichtete. Das Leben als Tramp veränderte die Weltsicht des 19-Jährigen, und er kam dabei mit sozialistischen Ideen in Berührung. Das harte Leben und die Ausbeutung der Arbeiterklasse, die er kannte, sollten später sein Werk prägen.

London legte 1895 sein Abitur ab, während er in einer Dampfwäscherei arbeitete, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In dieser Zeit entstanden auf einer geliehenen Schreibmaschine die ersten Geschichten, von denen er allerdings keine verkaufen konnte. Er beschäftigte sich mit den Schriften von Charles Darwin, Karl Marx und Friedrich Nietzsche. Mit neunzehn Jahren bestand er die Aufnahmeprüfung für die University of California, Berkeley. Als jedoch 1897 am Klondike River Gold gefunden wurde, brach London das Studium nach zwei Semestern ab und ging mit einem Schwager nach Alaska, das schnellen Reichtum versprach. Der Legende nach sollen sich in seiner Ausrüstung auch einige Bücher befunden haben, darunter neben der Entstehung der Arten auch Das Kapital, und so war der Sozialismus möglicherweise auch am Klondike River ein Gesprächsthema.

Hunger und eisige Kälte, doch der erhoffte Goldgewinn blieb aus, und so kehrte London nach einem Jahr enttäuscht und völlig mittellos nach San Francisco zurück: „Ich habe nichts aus Klondike mitgebracht außer Skorbut.“ Fast reumütig absolvierte er eine Postausbildung. Nebenbei setzte er jedoch seine literarischen Bemühungen fort – diesmal mit mehr Erfolg, denn eines hatte ihm der Aufenthalt im hohen kalten Norden beschert: Erlebnisse und Geschichten im Überfluss. Nachdem einige seiner Geschichten und Reportagen in Zeitungen gedruckt worden waren, erschien 1900 mit The Son of the Wolf: Tales of the Far North (dt. Der Sohn des Wolfs (1903)) ein erster Sammelband. Seine Storys wurden ein großer Erfolg, da sie die weit verbreitete Aufbruchsstimmung um die Jahrhundertwende aufgriffen.

Was folgte, war ein umfangreiches literarisches Werk, das wie im Akkord entstand. Wie früher bei seinen miesen Gelegenheitsjobs schuftete London jetzt am Schreibtisch, scheinbar mit der Stechuhr im Rücken. Von 1900 bis zu seinem Tod 1916 verfasste er über fünfzig Romane und Sachbücher – darunter solche Klassiker der Abenteurerliteratur wie The Call of the Wild (1903, dt. Ruf der Wildnis (1907)), White Fang (1906, dt. Wolfsblut (1912)) oder Burning Daylight (1910, dt. Lockruf des Goldes (1926)). In The Sea-Wolf (1904, dt. Der Seewolf (1906)) erforschte er die menschliche Psyche unter extremen Bedingungen und setzte sich mit Fragen der Moral auseinander, während er mit Martin Eden (1909, dt. Martin Eden (1927)), The Road (1907, dt. Abenteuer des Schienenstranges (1924)) und John Barleycorn (1913, dt. König Alkohol (1925)) drei autobiografische Romane schuf, in denen er offenherzig und schonungslos seine unkonventionelle Lebensgeschichte reflektierte.

Weiterhin entstanden zahllose Kurzgeschichten und Artikel mit einem breiten Themenspektrum. Das erreichte der Autodidakt nur durch eine beispiellose Arbeitsdisziplin; so soll sein tägliches striktes Schreibpensum, das er sich selbst auferlegt hatte, 1000 Wörter betragen haben. Sein Motto lautete: „Man kann nicht darauf warten, dass die Inspiration kommt; man muss sie mit dem Knüppel jagen.“

Sein unstetes Privatleben in diesen anderthalb Jahrzehnten war ebenfalls turbulent. London war zweimal verheiratet. Trotz seines Welterfolgs hatte er kein Glück im Umgang mit Geld. Er machte sich zum Tagelöhner, zum Sklaven des Schreibens, denn immer galt es, Schuldenberge abzutragen. Als Underground-Reporter lebte er einige Wochen in den Elendsvierteln des Londoner East End. In seinem Tatsachenbericht The People oft he Abyss (1903, dt. In den Slums (?)) beschrieb er das Elend in den Londoner Slums und prangerte die Ungerechtigkeit des kapitalistischen Systems an, was ihn zu einem glühenden Sozialisten machte. Im Russisch-Japanischen Krieg geriet er als Kriegsberichterstatter sogar in Gefangenschaft. 1901 war London der neu gegründeten „Socialist Party“ beigetreten und kandidierte zweimal (erfolglos) für das Bürgermeisteramt von Oakland.

Beeinflusst von den sozialen und ideologischen Widersprüchen der frühen sozialistischen Bewegung unternahm er im Winter 1905/06 mehrere Vortragsreisen, auf denen er sich für den Sozialismus aussprach. Seine sozialistischen Ansichten werden in dem dystopischen Roman The Iron Heel (1908, dt. Die eiserne Ferse (1922)), der den Aufstieg einer oligarchischen Tyrannei in den Vereinigten Staaten beschreibt, deutlich sichtbar.

Doch dann kaufte sich der Sozialist London die Yacht „Snark“ und entfloh der amerikanischen Wirklichkeit mit einer geplanten Weltumseglung, die er jedoch nach zwei Jahren abbrechen musste. Danach zog sich London auf eine Farm zurück, die er „Wolf House“ nannte und die er 1910 erworben hatte. Er betrachtete sie als sein eigentliches Lebenswerk. Die Schriftstellerei sah er lediglich als Einnahmequelle zur Aufrechterhaltung seiner Ranch an, die er als modernen Landwirtschaftsbetrieb führen wollte.

In den letzten Jahren seines Lebens war Jack London immer häufiger von Depressionen betroffen. Der einstige Abenteurer und Erfolgsschriftsteller war müde geworden. Sein materieller und literarischer Erfolg erschien ihm jetzt nichtig und eitel. Geschwächt von harter Arbeit und Krankheit, aber auch von jahrelangem Alkoholkonsum, starb Jack London am 22. November 1916 im Alter von vierzig Jahren. Die New York Times betitelte ihren Nachruf mit WROTE HIS LIFE OF TOIL (Er schrieb über sein arbeitsreiches Leben). Um seinen Tod ranken sich verschiedene Gerüchte: Lange kursierte die Vermutung eines Selbstmords, die sich jedoch nach neueren Erkenntnissen als haltlos erwiesen hat.

Seinem Nachruhm hat dies nicht geschadet: Noch heute ist der Name Jack London ein Synonym für Freiheit, Wagemut, Entfaltung des Individuums, wilde unberührte Natur … und für spannende und unterhaltsame Lektüre. Seine Bücher üben weiterhin eine beträchtliche Anziehungskraft aus; seine Abenteuergeschichten voller Action, Dramatik, fesselnder Naturbeschreibungen und mit dem unverwechselbaren Jack-London-Stil begeistern weiterhin Leser weltweit. Doch „die größte Geschichte, die Jack London je schrieb, war die seines Lebens“, urteilte einst der amerikanische Literaturkritiker Alfred Kazin. Jack Londons schriftstellerischem Werk liegt jedoch ein Widerspruch zugrunde: Seine Gesellschaftskritik am Kapitalismus steht im Gegensatz zu einem Teil seiner chauvinistischen und sozialdarwinistischen Überzeugungen.

Anlässlich des 150. Geburtstags von Jack London und 120 Jahre nach dem verheerenden Erdbeben von San Francisco hat der Limbus Verlag Innsbruck ein Bändchen mit Texten herausgebracht, die sich mit diesem Ereignis oder seiner Heimatstadt beschäftigen. Am 18. April 1906 wurde die Metropole an der nordkalifornischen Küste durch eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der US-Geschichte verwüstet. Die bekannte amerikanische Zeitschrift Collier’s National Weekly bat London, einen Bericht über das tragische Unglück zu verfassen. Er kehrte sofort in seine Heimatstadt zurück, um das Ausmaß der Katastrophe festzuhalten und seine Erfahrungen zu teilen. Vor Ort machte er Fotos und schilderte in The Story of an Eyewitness (5.5.1906, dt. Der Bericht eines Augenzeugen) neben der vollständigen Zerstörung der Metropole das Elend und den Überlebenswillen der Menschen.

Das Feuer, das nach dem Erdbeben ausbrach, verursachte einen weitaus größeren Schaden als das Beben selbst. Es vernichtete Sachwerte in Höhe von Hunderten von Millionen Dollar: „Nichts ist von Francisco übrig geblieben außer Erinnerungen und einem schmalen Streifen Wohnhäuser am Stadtrand.“ Außerdem flohen Zehntausende, die ihr Zuhause verloren hatten, vor den Flammen. Noch nie in der Geschichte wurde eine moderne Großstadt so vollständig zerstört. Für seine lebendige Schilderung nutzte London die Ich-Perspektive, um die Leser enger in die Erzählung einzubinden und seine persönlichen Erfahrungen nachvollziehbar zu gestalten. „Am Mittwoch um acht Uhr abends ging ich über den Union Square. Der Platz war voller Flüchtlinge. Tausende von ihnen hatten sich auf den Rasen gelegt, um zu schlafen.“

In der Kurzgeschichte South of the Slot (Mai 1909, dt. Südlich von The Slot) für das Magazin The Saturday Evening Post beschreibt London die Entwicklung des College-Professors und Soziologen Freddie Drummond, der mit einer wohlhabenden Aristokratentochter verlobt ist. Um die Arbeiter südlich der Market Street („The Slot“) in San Francisco zu studieren, verkleidet er sich als Landstreicher „Big“ Bill Tott. Er engagiert sich in der Gewerkschaft, wo er Mary Condon, die Präsidentin der Internationalen Handschuharbeitergewerkschaft, kennenlernt und eine Beziehung mit ihr beginnt. Freddie/Bill erkennt jedoch bald, dass er sein Doppelleben nicht länger aufrechterhalten kann. Am Ende setzt sich die Persönlichkeitsseite von Bill Tott durch.

Die Neuerscheinung wird durch kurze Auszüge aus zwei Kurzgeschichten ergänzt. In White and Yellow (1914, dt. Weiß und Gelb) berichtet London von seiner Arbeit auf einem Patrouillenboot der Fischereiaufsicht, während er in Small-Boat Sailing (1912, dt. Jollensegeln) den jugendlichen Segelspaß in der San Francisco Bay beschreibt.

Alle vier Texte liegen in einer Neuübersetzung des Herausgebers Alexander Kluy vor, der in seinem Nachwort San Francisco gibt es nicht mehr einen Überblick zu Londons Biografie gibt und weitere Details (mit einigen historischen Aufnahmen) zu dem Erdbeben von 1906 bietet.

Titelbild

Jack London: Das Erdbeben in San Francisco. Geschichten aus der Bay Area.
Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Alexander Kluy.
Limbus Verlag, Innsbruck 2026.
96 Seiten , 15,00 EUR.
ISBN-13: 9783990392850

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