Berlin ist nicht Weimar?

Warum Volker Ullrich in „Schicksalsstunden einer Demokratie“ mit seiner These zur Weimarer Republik scheitern muss

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Krise der Demokratie und die Konjunktur der Autokratien sind kaum zu übersehen. Die Idee, dass ein Präsident für sein Handeln nicht einstehen muss, wie sie Trump in den USA durchgesetzt hat, der Erfolg des chinesischen Einparteiensystems und die Aggressivität des neoimperialen russischen Modells sind dabei nur Varianten des Wunsches nach klaren Verhältnissen, starken Machtpositionen, nach einer eindeutigen Trennung verschiedener Entitäten und der Bewahrung eindeutiger Grenzen, seien sie auch „nur“ geschlechtlicher oder ethnischer Art. Dass eine Partei in Deutschland erfolgreich sein kann, die zumindest eine starke völkische Fraktion hat, ist in diesem Kontext kaum erstaunlich. Auch wenn die Behauptung einer deutschen Identität und deren Grundierung in einer ethnischen Grundlage, ja selbst in kultureller Homogenität kaum abstruser sein könnte, bei der Gemengelage, die die Bevölkerung der fraglichen Region schon seit – sagen wir – zweitausend Jahren zeigt. Und dennoch steigt eine Partei auf, die von völkischer Identität plappert und es dem „System“ und ihren Protagonisten mal so richtig zeigen will. Haben wir schon mal gesehen, was wir davon haben.

Aber selbst wenn die Weimarer Republik mit der Bundesrepublik des frühen 21. Jahrhunderts politisch, wirtschaftlich, sozial und auch kulturell wenig gemein hat, bildet die Weimarer Republik die Blaupause der gegenwärtigen Diskussionen, wie mit dem Aufstieg einer radikalen, letztlich antiparlamentarischen und völkischen Partei umzugehen ist und wie eine offene Gesellschaft den Versuch, ihre Errungenschaften und, ja, auch Zumutungen zu zerstören, parieren soll.

Der Historiker und Journalist Volker Ullrich hat diese Grundüberlegung aufgenommen und in seiner thesenhaften Darstellung der Geschichte der Weimarer Republik, von der Novemberrevolution bis zur Kanzlerschaft Hitlers, fruchtbar zu machen versucht. Er bedient sich dabei nicht der gesamten Geschichte der Weimarer Republik, die vielfältige Facetten aufweist, sondern wählt daraus Episoden aus, die für den Nachweis seiner Grundannahme relevant sein können.

Die These Ullrichs findet sich im Untertitel seiner historisierenden Abhandlung: „Das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik“. Was wohl heißen soll, dass ein politisches Handeln, das wenigstens die Lehren aus dem Scheitern der Weimarer Republik zieht, deren fatales Ende vermeiden würde. Respektive dass die politischen Akteure der Zeit Alternativen gehabt hätten.

Nun kann und muss man über die Weimarer Republik nicht so reden, als ob man ihren Repräsentanten noch im Nachhinein gute Ratschläge erteilen wollte, und nichts läge Ullrich auch ferner. Ihm geht es offensichtlich darum, jene historischen Punkte zu bestimmen, die zum einen die fatale Entwicklung vorangetrieben haben und die zum anderen Indizien dafür bereitstellen, dass andere Entscheidungen zu anderen Konsequenzen geführt hätten.

So bleibt wenigstens die Hoffnung, unter halbwegs vergleichbaren Umständen andere Optionen wählen zu können. Freilich ist und bleibt Handeln immer auch in gewissem Maße blind für alle Folgen – was einen historisierenden Optimismus ein wenig ausbremsen muss. Aus der Geschichte lernen wäre demnach nicht möglich, weil sie sich nie wiederholt und zugleich niemand von vornherein sicher sein kann, dass alternatives Handeln weniger desaströs ist. Was freilich nicht die Aufgabe suspendiert, einen genauen Blick auf historische Entscheidungen und Entwicklungen zu werfen, um sich über mögliche Konsequenzen im Klaren zu werden. Ob solches Wissen die damaligen Akteure von nur einer ihrer Entscheidungen abgehalten hätte: Wer kann das wissen?

Nun wählt Ullrich für seine thesenhafte Aufarbeitung der Weimarer Republik eben nicht nur die finalen Jahre, die durch den fulminanten Aufstieg der NSDAP, die Erosion der republikfreundlichen politischen und wirtschaftlichen Eliten und die Folgen des Börsenkrachs 1929 geprägt sind, Massenarbeitslosigkeit inklusive. Er beginnt stattdessen mit der Novemberrevolution, setzt mit dem Kapp-Putsch, dem Mord an Rathenau und der Ruhrbesetzung fort, die er mit der Hyperinflation kurzschließt, um dann über die Wahl Hindenburgs, den Bruch der Großen Koalition zwischen DVP, Zentrum und SPD, die wenigen Monate, in denen Wilhelm Frick in Thüringen zeigen konnte, wie NS-Politik aussehen würde, zum Beginn der Präsidialregime unter Brüning, dessen Sturz und Papens Preußenstreich bis hin zur Kanzlerschaft Hitlers zu kommen.

Erkennbar wird also, woran Ullrich besonderes Interesse hat: Ihm geht es nämlich weniger um eine zugleich sozialhistorische, kulturelle und politische Ableitung des NS-Staates aus dem Scheitern der repräsentativen Demokratie, sondern im Wesentlichen um die Aktivitäten der politischen Eliten in und außerhalb politischer Ämter. Dabei geht er extrem kleinschrittig vor: Etwa wenn er die faktische Abschaffung des Parlamentarismus, die Übernahme autokrativer Elemente in politisches Handeln und die sich überschneidenden Strategien der Akteure schildert. Das Vorgehen ist freilich nicht ganz profan, blendet er doch auf diese Weise auffallend große Teile auch der politischen Geschichte der Weimarer Republik aus. Und so geht’s weiter: Das Wahlvolk? Eigentlich nicht vorhanden und in formelhaft vorgetragenen psychischen Ängsten befangen. Das Parlament? Lähmt sich selbst. Der Aufstieg des Nationalsozialismus? Kaum behandelt, solange die NS-Größen keine relevanten institutionalisierten Positionen innehatten, dann aber unaufhaltsam und aggressiv, immer noch jenseits der politischen Kabinette agierend, auf die es Ullrich ankommt. Auch die Nazis sind, wenngleich unberechenbare und unbeherrschbare, Objekte politischer Strategien anderer Akteure. Das ändert sich wenigstens graduell auf den Zielgeraden der Weimarer Geschichte, aber eben erst dann.

Damit aber fokussiert Ullrich entschieden auf den institutionalisierten politischen Handlungsraum. Man kann vielleicht wohlwollend formulieren: Auf jene Eliten, deren Abwendung von der Weimarer Republik – wenn man Hagen Schulze etwa folgen darf – man die Hauptverantwortung für deren Untergang zuschreiben müsse.

Das ist angesichts der heutigen Diskussionen um den Aufstieg der AfD ein naheliegender Ansatz: Wie kann die politische Klasse, wie können die politischen Institutionen auf den Aufstieg einer Partei reagieren, die offensichtlich auf die Abschaffung des politischen Systems und der offenen Gesellschaft abzielt und die zugleich beansprucht, Ausdruck des Wählerwillens zu sein – was Analogiebildungen mehr als nahelegt? Was können die etablierten politischen Parteien tun und was sollten sie besser lassen?

Wie aus Ullrichs Skizzen zu entnehmen ist, kann die Antwort sicher nicht in der Adaption politischer Motive oder Themen liegen, wie sie gerade in konservativen Kreisen anscheinend opportun zu sein scheint – oder in der demonstrativen Tatkraft politischer Verantwortlicher, die gerade an vergleichsweise schutzlosen Zielgruppen ausagieren, was ansonsten in einem System, das auf Gewaltenteilung und rechtlich ausdifferenzierten Schutzräumen aufbaut, nicht opportun ist.

Andererseits blendet Ullrich in seinen Überlegungen derart große Bereiche politischen Handelns (wie zum Beispiel die Motive, aus denen Menschen eine Partei wie die AfD wählen) aus, dass der Ansatz wie der Fragehorizont dann doch wenig tauglich erscheint.

Dem ließe sich entgegenhalten, dass Ullrich eine aktualisierte Analogiebildung überhaupt nicht anstrebt, sondern auf mögliche offene Punkte in der historischen Entwicklung der Weimarer Republik abzielt, an denen alternative Entscheidungen möglich gewesen wären: von einer gelingenden Revolution 1918/19, der Abgrenzung von der reaktionären Soldateska, auf die die Sozialdemokratie nicht verzichten zu können glaubte, bis hin zur Abwendung der Kanzlerschaft Hitlers und des nachfolgenden kalten Putsches. Aber selbst unter dieser Perspektive scheint Ullrich am Ende doch eher zu scheitern.

Titelbild

Volker Ullrich: Schicksalsstunden einer Demokratie. Das aufhaltsame Scheitern der Weimarer Republik.
Verlag C.H.Beck, München 2024.
382 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783406821653

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