Shakespeares Sonette neu gelesen und übertragen
Kurt Kreiler legt eine erste kommentierte Ausgabe des berühmten Sonett-Zyklus vor
Von Manfred Orlick
William Shakespeares Sonett-Zyklus hat wie kaum ein anderes lyrisches Werk der Weltliteratur Dichter, Übersetzer, Literaturwissenschaftler sowie Leser angeregt. Dieses Monument der europäischen Dichtkunst markierte vor über vierhundert Jahren den Beginn der „modernen Lyrik“. Shakespeares Dichtung steht in der langen Tradition europäischer Sonettdichtung, die im 14. Jahrhundert mit Francesco Petrarca ihren Anfang nahm. Im Unterschied zu Petrarca verwendete Shakespeare nicht nur ein anderes Reimschema, sondern auch eine veränderte Figurenkonstellation, indem er die idealisierte Liebesbeziehung mit realer Leidenschaft konfrontierte und variierte. Neben Liebe und Schönheit gehören Mensch und Natur, Leben und Tod, Zeit und Vergänglichkeit zu den zentralen und existenziellen Themen des Sonett-Zyklus.
Diese 154 Gedichte faszinieren bis heute immer neu; selbst Shakespeare-Kennern geben sie immer wieder Rätsel auf. Shakespeare beschreibt in seinen Sonetten die verschiedenen Ausprägungen der Liebe – von der sexuellen Hörigkeit bis zur philosophischen Abstraktion. Echte Liebe, Sehnsucht, Freundschaft, Sinneslust, aber auch Hass und Überdruss, ja Leben und Tod – all das findet sich in den 154 Sonetten, die sowohl einem Freund als auch einer unbekannten „dark lady“ gewidmet sind. Der Zyklus erschien 1609 im Verlag von Thomas Thorpe in London unter dem Titel SHAKE-SPEARES Sonnets – Neuer before Imprinted. Das „u“ in „Neuer“ ist als „v“ zu lesen, sodass der Untertitel „Nie zuvor gedruckt“ lautete.
Shake-Speares Sonette sind nicht nur das meistbewunderte Werk der Weltliteratur, sondern auch (nach der Bibel) das am häufigsten übersetzte. Sie wurden unzählige Male ins Deutsche übersetzt, in weit über hundert verschiedenen Versionen, darunter klassische von August Wilhelm Schlegel (gemeinsam mit Ludwig Tieck) und neuere von Frank Günter und Christa Schuenke, die eine zweisprachige Gesamtausgabe schufen. Berühmte Literaten wie Stefan George, Karl Kraus oder Paul Celan haben sich ebenfalls an Nachdichtungen versucht, während Dorothea Tieck 1826 die erste vollständige Übersetzung lieferte. Daneben existieren bereits seit 1787 mehrere Prosa-Übersetzungen.
Der Schriftsteller und Übersetzer Kurt Kreiler hatte 2009 die vieldiskutierte Biografie Der Mann, der Shakespeare erfand vorgelegt, in der er sich mit dem Mythos um den Dichter aus Stratford-upon-Avon auseinandersetzte und die Theorie vertrat, dass der elisabethanische Aristokrat Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, der wahre Verfasser der Werke Shakespeares war. Nun hat er eine erste, umfangreich kommentierte, zweisprachige Ausgabe von Shakespeares Sonettsammlung herausgebracht. Bereits in seinem Vorwort betont der Autor, dass der Sonettzyklus mehr Fragen aufwirft als jedes andere Werk von Shakespeare – und die bisherigen Antworten darauf waren äußerst widersprüchlich.
Der Zyklus, über den so viel gerätselt, geschrieben und gestritten wurde, besteht aus zwei Teilen: die Sonette 1 bis 126 wenden sich ohne Zweifel an einen jungen Mann, dem Shakespeare seine Bewunderung zollte. In der Literaturgeschichte wird schon lange darüber diskutiert, an wen diese homoerotischen Verse gerichtet sind. Mit Sonett 127 erscheint eine „black beauty“, die als „Dark Lady“ bekannt ist und der der Autor leidenschaftlich verfallen ist. Die Sonett-Lady wird als rätselhafte Herrin dargestellt, während der Dichter ihr Diener ist.
Kreiler beschreibt das Übersetzen der SONNETS als „ein Ritt über den Bodensee“, was für ihn ein Übersetzen bedeutet. Jede poetische Übersetzung sollte die Substanz und Struktur des Originals erhalten. Das Hauptproblem besteht oft darin, dass die Übersetzung auch gereimt sein sollte, um eine ähnliche Wirkung wie das Original zu erzielen. Allerdings müssen oft unter dem Diktat des Reims Kompromisse eingegangen werden, die zu Verfälschungen führen können. Deshalb sollte der reine Reim bei heutigen Übertragungen nicht mehr höchste Priorität besitzen.
Trotz möglichst wortgenauer Übertragung versuchte Kreiler, „der Idee und dem Puls der Originale nachzuspüren“. Dabei ist es ihm gelungen, den Wortklang und die sprachlichen Besonderheiten weitgehend zu bewahren. Es geht ihm nicht um eine Interpretation des Gesagten, sondern darum, was der Dichter gesagt hat. Jedes Sonett wird auf einer Doppelseite präsentiert. Auf der rechten Seite sind das Original und die Übersetzung zu finden, während Kreiler auf der linken Seite einen detaillierten Stellenkommentar anbietet, der Informationen über Inhalt, Komposition, thematische Hintergründe oder Äußerungen anderer Literaturwissenschaftler liefert. Hier versucht er, die Sonette zeitlich einzuordnen und die literarischen Quellen schlüssig zu beantworten.
Die Neuerscheinung wird durch das umfangreiche Nachwort „Das Lächeln der Dark Lady“ ergänzt, in dem Kreiler u. a. offene Fragen diskutiert und das Problem der Autorenschaft beleuchtet. Außerdem werden in zwei Tabellen die zahlreichen Werke der englischen Sonneteers (Sonettisten) im Zeitraum von 1590 bis 1599 festgehalten. Zum Schluss folgen dann prägnante inhaltliche Zusammenfassungen sämtlicher 154 Sonette, die vor mehr als 400 Jahren verfasst wurden und durch diese Übersetzung einen neuen interpretativen Reiz erhalten.
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