Weihnachtsmann und Bienensaug
Clemens J. Setz stellt für „Reclam 100 Seiten“ Rainer Maria Rilke vor – auf eigentümliche, kluge und unterhaltsame Weise
Von Thomas Merklinger
Dass W. H. Auden Rainer Maria Rilke als „The Santa Claus of loneliness“ bezeichnet habe, könnte man anekdotisch zur Kenntnis nehmen. Die amerikanische Variante des jovialen Weihnachtsmanns scheint so absurd und nahezu beliebig weit entfernt von seinem Sachbereich, dass dann genauso gut Attila der Hunnenkönig oder Benjamin Blümchen hätten herhalten können. Doch was in den meisten Darstellungen zu Rilke mit dem bloßen Zitathinweis abgehandelt worden wäre, nimmt bei Rainer Maria Rilke in der Reihe „Reclam 100 Seiten“ – die in der Tat genau 100 Seiten Textteil (Infographik und Bilder eingeschlossen) aufweist – immerhin ganze zwei Prozent ein. Clemens J. Setz ruft solche abgelegenen Zuschreibungen nicht nur auf: Er spürt ihnen unter Zuhilfenahme weiterer abgelegener Texte (in diesem Fall die Charakterisierung des Weihnachtsmanns in Dennis Coopers Roman I Wished) nach, um ihren poetischen Gehalt herauszuarbeiten. Tatsächlich darf man den schmalen Band nicht einfach als publizistische Form eines etwas ausführlicheren Wikipedia-Artikels sehen. Wer nicht viel über Rilke weiß, bekommt zwar durchaus biographische und werkbezogene Einblicke. Darüber hinaus bietet das schmale Bändchen aber vor allem einen durch Setz gefilterten Blick auf den Autor.
Wenn es das Neue der Neuen Gedichte Rilkes ist, dass sich das Ich zurücknimmt und die Dinge in den Mittelpunkt rückt, kann man bei Setz einen gegenläufigen Ansatz erkennen. Statt sachlich Leben und Werk zu präsentieren und sich als vermittelnde Instanz zurückzunehmen, ergibt sich eine ich-zentrierte Herangehensweise, die gerade die persönliche Bedeutung herausstellt. Das ist zuletzt in der medialen Gedenkdichte zum 150. Geburtstag des Autors um den 4. Dezember (sowie im Vorgriff auf den 100. Todestag 2026) aber nicht nur eine schöne Abwechslung – sondern es zeigt, wie Rilke in die poetische Gegenwart wirkt. Dabei offenbaren schon die ersten Seiten, dass die Möglichkeiten des Buches für Setz eigentlich zu eingeschränkt sind. Man bräuchte schon Hyperlinks, um direkt zu sehen, wie Rilke in digitalen Fotogalerien mit sich selbst nicht identisch erscheint. Man müsste zudem zu Videoclips oder Tonspuren von Max Brod und Peter Demetz geleitet werden, um die pragerdeutsche Prosodie ins Ohr zu bekommen, die sich in einigen Spondeen und Vokalqualitäten mancher Reimwörter erhalten habe.
Dadurch wird Rilke in seiner historischen Besonderheit der digitalisierten Gegenwart nähergebracht, wobei sich das Interesse von Setz vor allem auf die Dichtung richtet. Nicht feuilletonistische Ausführungen zu Innovationsmomenten der Lyrik, zur Modernität des Großstadtromans oder zur Adelsfamilienfantasie des Cornet, auch wenn sie erwähnt werden, bilden den Fokus des Buchs. Neben den wichtigsten Informationen zu Rilke ist es vor allem die persönliche Lesebiographie mit ihrem Best-of der schönsten Stellen, Erkenntnisse und mentalen Verlinkungen, die hier aufgeschrieben ist. Daraus ergibt sich eine individuelle und ganz zeitgenössische Sichtweise auf den Dichter, die dessen Werk mit dem eigenen Kosmos verbindet. Setz weist auf die subjektiv besten Passagen hin, zitiert ganze Gedichte und bringt sie mit anderen Lieblingsautoren und -stellen zusammen. Das bedeutet zuletzt aber auch, dass dieses Rilkebuch sehr viel mit Clemens J. Setz zu tun hat. Wer ihn nicht ausstehen kann, wird an diesen 100 Seiten kaum Freude finden. Das sei zum Glück jedoch nicht zu erwarten, auch weil Setz auf unterschiedlichen Ebenen überraschende Bezüge herstellt.
Man erfährt durchaus Biographisches, in erster Linie aber geht es um die Schönheit überraschend auftauchender „Reimwunder“ wie „Bienensaug“ oder Grammatikfehler, die sich Rilke und die österreichische Verfassung teilen. Dabei ergeben sich nicht nur individuelle Geschmacksurteile: Setz geht auch auf eigene Rezeptionsirrtümer ein, etwa wenn der berühmte Panther von ihm immer als schwarz imaginiert worden sei, bis er einmal auf einer historischen Postkarte im Internet gesehen habe, dass Rilke im Jardin des Plantes einem gefleckten Tier begegnet sein muss. Die assoziativen Querbezüge in die eigene Gedankenwelt unterscheiden das Rilke-Buch von ähnlichen Einführungen. Wenn der Dichter die Idee äußert, eine Grammophonnadel an die menschliche Schädelnaht zu setzen, findet Setz nicht nur eine Referenz bei Giorgos Seferis („[e]iner meiner liebsten Dichter“), sondern ruft in Vergangenheit und Zukunft abstrahlende Parallelen und Möglichkeiten des Gedankens auf. Und die in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge aufblitzenden „Gegenstände ohne Hinterseite“, die eine der Duse nachempfundene Bühnenpräsenz umgeben, – „eine der schönsten Beschreibungen von Ruhm und Publikum, die es gibt“ – werden zu einem synergetischen Dritten, indem Setz „eine andere meiner Lieblingsbeschreibungen“, nämlich eine Passage aus dem noch nicht auf Deutsch erhältlichen Computerspielsachbuch Gamelife von Michael W. Clune, hinzufügt. Nur in der ganz eigentümlichen poetischen Welt von Clemens J. Setz werden Rilke-Texte durch den Vergleich mit 2-D-Köpfen in Videospielen aufgeschlossen.
In unaufdringlicher Bewunderung führt der Autor in den zehn Kapiteln des Buches durch die wichtigsten Werk- und Lebensstationen, um dabei nahezu unmerklich vor allem von sich zu erzählen. Und doch erfährt man so viel mehr über Rilke, weil die durch Setz gefilterte Erfahrung neue Perspektiven aufscheinen lässt. Die im Malte beschriebene Begegnung mit einer Frau, die ihr Gesicht in ihren Händen verliert, führt Setz zu der Anekdote, wie er eine ähnliche Erfahrung machte, als er in Graz einmal Peter Handke vorgestellt wurde. Die Geschichte lebt vielleicht weniger davon, dass es eine Parallele zu Rilkes Großstadtroman gibt, als von dem Nacherleben der literarischen Erfahrung. Entscheidender ist aber die Tatsache, dass in die Handke-Geschichte auf der nächsten Doppelseite unvermittelt eine bunte Infographik eingefügt ist, die über Rilkes geistiges und biographisches „Netzwerk der Inspiration“ informiert, an dieser Stelle aber so störend wirkt wie eine unvermittelt aufploppende Werbeunterbrechung. Das muss man erst einmal schaffen, so in den Bann zu ziehen, dass der verlagsseitig als Auflockerung der Wissensreihe eingebaute Graphikteil fast schon lästig wird.
Setz kann nicht nur dem absonderlichen Santa-Claus-Vergleich Audens etwas abgewinnen, den er schließlich wieder aufruft, um Rilkes Briefstil zu beschreiben. Das scheinbar Auseinanderstehende findet er auch selbst, wie er in einem bescheiden-selbstkritischen, subtil ironischen Kommentar schreibt. Zu einem in dem Buch wiedergegebenen Vortrag heißt es: „Ich hatte vor lauter Rilke-Menschen über die Elegien gesprochen und dabei sogar den Kannibalen Armin Meiwes erwähnt […].“ In anderem Zusammenhang tauchen in dem Rilke-Buch Andrew Tate und die Ähnlichkeit von Rilke-Versen zu einem Punksong auf. Man könnte diese ostentative Heterogenität der Querverbindungen für eine alberne Masche halten, wenn sie nicht zugleich so authentisch wäre. Und auch die ausgestellte Wissensfülle aus unterschiedlichen Bereichen wirkt seltsam bescheiden, wie die Ich-Bezogenheit des Rilke-Buchs zugleich überhaupt nicht narzisstisch erscheint. Auch weil sie dabei die Kunst Rilkes rühmt und neue Perspektiven eröffnet. Hinzu kommt ein unprätentiöser Duktus, der sich beispielsweise in eingestreuten Ein-Wort-Wertungen äußert („Genial.“, „Puh.“) oder stilistische Fehlkonstruktionen wie den mündlich inzwischen ubiquitär auftauchenden Hilfsverb-Zusatz ‚tun‘ verwendet. Setz nutzt die Struktur, um den Inhalt der Sonette an Orpheus zu beschreiben („Gehen tut es darin um […]“). Aber auch die umgangssprachliche Inversion („Muss man sich echt trauen, so was.“) oder Anglizismen und Netzsprache sind eingewoben. Und doch verbindet sich sprachlich wie inhaltlich eigentlich schwer Kompatibles zu einem harmonischen Ganzen.
Bei Rilke heißt es in dem Gedicht Baudelaire: „Der Dichter einzig hat die Welt geeinigt, / die weit in jedem auseinanderfällt.“ Die poetische Fähigkeit, Gegensätzliches in einen eigenen Sprachkosmos zu integrieren, ist jedoch nicht nur auf den französischen Lyriker zu münzen. Eine Verdichtung der vervielfältigten Wirklichkeit ist auch bei Rilke und Setz gegeben, die sich einerseits im Weltzerfall der Moderne, andererseits in der Weltpluralisierung des Digitalzeitalters bewegen. In ihrem Schreiben sind sie zugleich auf unterschiedliche Art so unverwechselbar, dass man sie mühelos parodieren könnte. Dabei gelangen sie aber zu eindrücklichen Gedanken, wie man sie wohl nur bei ihnen findet. Vielleicht bedarf es daher eines ebenso poetischen Blicks, um das, was man bei Rilke schon längst zu kennen meint, in einem anderen Licht zu sehen. In Setzʼ kundiger und eigentümlicher Sichtweise auf Rilke jedenfalls ist der Anspruch der Reclam-Buchreihe „100 Seiten“, „[u]nterhaltsames Wissen für Neugierige und Fans“ gleichermaßen zu präsentieren, gelungen umgesetzt. Hier findet sich für beide Gruppen Interessantes und Neues.
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