Wenn „freiheyt“ sich aus dem Schatten erhebt
Ein opulenter Ausstellungskatalog zum 500. ‚Jubiläum‘ des Bauernkriegs führt zur Ausstellung hin und weit darüber hinaus
Von Jörg Füllgrabe
Dass große Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen, ist ein eingängiger Topos, der allerdings auf einem Trugschluss beruht. Denn festgestellt wird dieses Vorauswerfen eines bedeutungsmächtigen Schattens als unumstößliche Wahrheit immer erst im Nachhinein. Wir kennen einerseits Kassandra (aber was hat es ihr oder Troja genützt?), andererseits waren die zwischen zwei Buchdeckel gepackten Voraussagen eines gewissen Nostradamus ab Mitte der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, also unmittelbar vor der Jahrtausendwende, mit die meistverkauften Titel, die wiederum ein reichliches Vierteljahrhundert später definitiv nicht zur Bewältigung der zeitgenössischen Krisen beitragen konnten.
Wenn nun die Vorausperspektive nicht so recht funktioniert, sollte das Großereignis aber doch zumindest einen langen Schatten werfen, der auch weit über die Aktualität hinaus von Bedeutung ist. Und ein Großereignis, ja ein Flächenbrand, war der Deutsche Bauernkrieg, der auf verschiedenen Schauplätzen insbesondere in Süd- und Mitteldeutschland die Flamme der Freiheit transportierte, gewiss in jeder Hinsicht. Und doch ist manches anders als das andere.
Ein vergleichender Blick auf zwei miteinander verknüpfte Ereignisse und ihre aktuelle Wahrnehmung mag dies verdeutlichen: So war 2017, zum 500. Jubiläum des Thesenanschlags in Wittenberg, bundesweit an Martin Luther nicht vorbeizukommen, und jener Jubiläumstag, der 31. Oktober, wurde erstmals (und einmalig) zum bundesweiten Feiertag erklärt. Demgegenüber werden die Ereignisse des Jahres 1525 zwar gewürdigt – auch über die Ausstellung freiheyt 1525 – 500 Jahre Bauernkrieg in Mühlhausen (April bis Oktober 2025) wurde prominent und zur besten Sendezeit etwa in öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen informiert –, von einer mit 2017 vergleichbaren medialen Dauerpräsenz des Themas kann aber keine Rede sein.
Dass an diesem Umstand die Ausstellung selbst oder der namensgleiche umfangreiche und erkennbar arbeitsaufwendig herausgebrachte Katalog etwas änderten, wäre zwar sehr wünschenswert, erscheint aber, nüchtern betrachtet, als eher unwahrscheinlich. Womöglich ist auch dies ein Phänomen des dieser Tage mitunter doch recht halbherzig bedauerten Unterschiedes zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Westen war Luther in der Öffentlichkeit immer mehr oder minder präsent, während der Exponent der mitteldeutschen Bauernaufstände, Thomas Müntzer, eher randständig wahrgenommen wurde, als Vertreter der ‚frühbürgerlichen Revolution‘ jedoch in der DDR eine wesentliche Rolle auch für die systemische Selbstvergewisserung spielte. So ist Müntzer zwar (nur oder immerhin) mit einem Liedtext etwa im Gesangbuch der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau vertreten, Luther dagegen um ein Vielfaches häufiger.
Aber Müntzer ist nur ein, wenngleich der bekannteste, Exponent des Bauernkrieges, und obgleich die Ausstellung als eine Gemeinschaftsanstrengung der Mühlhäuser Museen organisiert wurde, geht es in Ausstellung wie Katalog selbstverständlich nicht ausschließlich um diesen ehemaligen Anhänger und dann erbitterten Gegenspieler Martin Luthers. Es wird bedauerlicherweise nicht möglich sein, alle Beiträgerinnen und Beiträger in verdientem Maße zu würdigen; sowohl die Erstellung der vorliegenden Rezension als auch ihr endgültiger Umfang würden schlicht den Rahmen sprengen.
Auf drei Seiten nach Vor- und Grußworten wirft der Herausgeber Thomas Kaufmann die Frage auf: „Was ist der Bauernkrieg?“ Hier werden Parameter vorgestellt, anhand derer Besucherinnen und Besucher, Leserinnen und Leser sich gewissermaßen vorantasten können, die Möglichkeit haben, Perspektiven kennenzulernen und womöglich eigene zu entwickeln. Der Autor hält sich nicht damit auf, die Einzelbeiträge vorzustellen, verweist jedoch abschließend auf den eigenen Text, der sich mit der Mediengeschichtlichkeit dieses Großereignisses befasst und damit auf ein Feld verweist, das eines der wichtigsten im Rahmen der ereignisgeschichtlichen Entwicklungen ist und dessen Relevanz in breiteren Kreisen womöglich bislang gar nicht recht wahrgenommen wurde.
Der Band ist in drei große Abschnitte von etwa gleichem Umfang unterteilt: „Die ländliche Gesellschaft um 1525“ (Teil A), „Gesichter des Bauernkriegs“ (Teil B) sowie „Umkämpfte Geschichte“ (Teil C). Diese sind ihrerseits in knappe, aber durch ihre inhaltliche Verdichtung zielführende Textbeiträge unterteilt, in denen detailliertere Einzelaspekte des jeweiligen Hauptthemas zur Sprache gebracht werden. Aufgelockert respektive illustriert werden die informierenden Beiträge durch Abbildungen zum jeweiligen Thema, seien es Gegenstände, Gemälde oder Dokumente.
Und: Ein eigentlicher Katalogteil fehlt; stattdessen sind wesentliche Exponate mit Abbildung und Begleittext hintangestellt, sodass es unmittelbar möglich ist, Sachtext und Quellen miteinander zu vergleichen und somit die entsprechenden Ausführungen der Beiträgerinnen und Beiträger lebendig werden zu lassen. Dass bezogen auf Aufbau und Abfolge dieser Themenblöcke eine wirkungsvolle Dramaturgie entsteht, die Interessierte in ihren Bann zu ziehen vermag, sei an dieser Stelle explizit erwähnt, ist dies doch offensichtlich kennzeichnend für die Publikation im engeren und das Projekt im weiteren Sinne. Dass der Band aus gewichtigen Gründen, die später noch einmal aufgegriffen werden sollen, als Ausstellungsbegleiter kaum infrage kommt, ist wohl das einzige Defizit dieses ansprechenden Buches.
Die Beiträge zur ländlichen Gesellschaft (Teil A) bieten eine Grundlage für die bäuerlichen Lebenswelten der Frühen Neuzeit, die sich trotz gelegentlicher Überschneidungen mit anderen Lebenswirklichkeiten im Kontext der ständischen Gesellschaftsordnung und damit in durch die entsprechenden Abgrenzungen begrenzten Bahnen bewegten. Der Themenblock führt, ausgehend von einem Blick auf die Metaebene bäuerlicher Lebensverhältnisse (Stefan Sonderegger), in kleinere Einheiten: größere Komplexe wie die des Dorfes als sozialer und rechtlicher Gemeinschaft (Christoph Peter) über die privaten Aspekte des häuslichen Lebens (Franziska Zschäck) zu Fragen nach Jagd (Cornelia Oelwein) und Fischerei (Daniel Spretke), die beide wiederum allgemeinere und gewissermaßen ständeübergreifende Kontexte berühren.
Mit einem Beitrag zum Kupferschieferbergbau in der Grafschaft Mansfeld (Kerstin Bullerjahn), der somit eine der ersten Montanregionen prägte, werden wirtschaftliche Aspekte in den Blick genommen, die zumindest hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Geldwirtschaft indirekt die Bauernunruhen zu Beginn des 16. Jahrhunderts auslösten. Der „Handel in der ländlichen Gesellschaft“ (Arman Weidenmann) beleuchtet diesen wirtschaftlichen Aspekt noch kleinformatiger, während der Beitrag zur „Dorfkirche“ (Martin Sladeczek sowie Rainer Müller) den Blick auf den gesellschaftlichen Kristallisationspunkt dörflicher Gemeinschaften der Frühen Neuzeit lenkt. Dieses ‚Dorfzentrum‘ ist durchaus stabilisierend, kann aber auch im Hinblick auf den Aspekt der Einforderung einer theologisch begründeten Gerechtigkeit für die späteren Konflikte eine impulsgebende Rolle spielen, was in den Texten allerdings lediglich implizit anklingt.
Deutlicher werden diese potenziell destabilisierenden Effekte im Beitrag „Bauern unter Waffen“ (Matthias Rogg, Thomas Lang sowie Irina Dudar), der zum einen Grundsätzliches beschreibt, dann aber auch unter dem Begriff der Landesdefension Detailinformationen liefert wie etwa die, dass die entsprechenden Möglichkeiten zur Ausrufung des Verteidigungsfalls von Langensalzaer Aufständischen genutzt wurden, um den Rat der Stadt auf die Zwölf Artikel der Bauern zu verpflichten. In diesem Kontext werden auch Schützengesellschaften in den Blick genommen, die ein weiteres Element subkutaner Widerständigkeit, die dann im Rahmen der Aufstände manifest werden sollte, zu liefern vermochten.
Im Themenblock „Gesichter des Bauernkriegs“ (Teil B) werden nicht nur Gesichter, also handelnde Personen, sondern auch die Ereignisse der Bauernkriegsunruhen vorgestellt. Gerd Schwerhoff beschreibt in diesem Zusammenhang einleitend „Räumliche und zeitliche Umrisse des Bauernkrieges“, wobei die „Vorzeichen des Bauernkrieges“ (Thomas Kaufmann) im Allgemeinen sowie der „Bildersturm“ (Susanne Kimmig-Völkner) als ein Spezifikum ‚renitenten Verhaltens‘ dargestellt werden. Horst Carl thematisiert den „Bauernkrieg im Südwesten“, unter dem dann auch zunächst in Beiträgen zu Herzog Ulrich von Württemberg (Peter Rückert) und Hans Stockar (Hartmut Kühne) zwei „Gesichter des Bauernkriegs“ vorgestellt werden.
Etwas weiter führend und tatsächlich nicht nur einzelne Gesichter präsentierend werden der „Schwäbische Bund“ (Horst Carl) sowie – die Perspektive verschärfend – „Bündnisse in Oberschwaben – Beginn der Gewalt“ (Gerd Schwerhoff) untersucht. Der Komplex umfasst ferner „Die Eidgenossen und der Bauernkrieg“ (Gerd Schwerhoff) – wobei im eingearbeiteten Katalog-/Abbildungsrahmen ein Brief Konrad Grebels an Thomas Müntzer erläutert wird – sowie „Memmingen – Versammlungsort der Bauern“ (Christoph Engelhardt). Hier werden auch Manifeste des bäuerlichen Widerstandes in Bild und Kommentar vorgestellt.
Mit Peter Rückerts Beitrag zu „Abt Jacob von Murnau und seine Bilderchronik des Bauernkrieges“ rückt ein lediglich mittelbar Beteiligter ins Zentrum, der aber als definitiv nicht unvoreingenommener Chronist der Ereignisse wesentliche Informationen beisteuern konnte. Die „Weinsberger Bluttat“ (Lea Wegner) beendet schließlich das ‚schwäbische Kapitel‘. Die Bedeutung dieses Ereignisses lag darin, dass einerseits die erfolgreiche Eroberung der Stadt den Fürsten die Fragilität ihres ausgeklügelten Regierungssystems vor Augen führte, andererseits aus der Brutalität des bäuerlichen Vorgehens die Legitimation der eigenen Vergeltungsmaßnahmen – hier illustriert unter anderem durch Luthers Schrift Wider die mordischen und reubischen rotten der Pauern – abgeleitet werden konnte.
Der folgende einleitende Text „Der Bauernkrieg in Mitteldeutschland“ (Lucas Wölbing) lenkt den Blick nach Nordosten, zunächst in Richtung „Mühlhäuser Stadtpolitik und Bauernkrieg“ (Thomas T. Müller), die dann vom selben Autor anhand der Rolle eines Einzelnen („Der Mühlhäuser Jurist Johann von Opthera als geschickter Politiker“) personalisiert wird. Übergreifender fügt Stefan Michel „Thüringer Forderungskataloge“ an, bevor Matthias Rogg den sechsten Abschnitt einleitend „Militärische Auseinandersetzungen“ betrachtet. „Straff organisiert und gut bewaffnet – das Beispiel des Bildhäuser Haufens“ (Johannes Mötsch) steht am Anfang dieses militärischen Abschnitts, der durch „Paul Dolnstein – Landsknecht und Brückenbaumeister“ (Thomas Lang) insofern eine interessante Variation erfährt, als dieser erfolgreiche Truppenführer teilweise Luthers Billigung erfahren hatte, da er neben dem Kriegshandwerk im zivilen Leben tatsächlich etwas Sinnvolles leistete: eben Brücken zu konstruieren.
Da Dolnstein auch in der Schlacht kämpfte, in der der berühmt-berüchtigte Götz von Berlichingen seine Hand verlor, ist es folgerichtig, dass Oliver Auge mit einem Beitrag zu „Götz von Berlichingen und die Belagerung von Würzburg“ anschließt. Mit Thomas Lang schließlich blicken wir auf „Asche von Cramm und die Schlacht von Frankenhausen“ und damit einerseits auf das Ende der mitteldeutschen Bauernerhebungen zurück – aber auch auf einen am Sieg der Fürsten Beteiligten, der späterhin offenbar von Schuldgefühlen geplagt wurde und sich mit seinen Bedenken an Luther selbst wandte. Ein bemerkenswerter Aspekt, der jedoch selbstverständlich keine Auswirkungen auf das bereits Geschehene haben konnte.
Damit wird übergeleitet zu Abschnitt 7 der Publikation, die sich mit den unmittelbaren und mittelbaren Folgen der Bauernunruhen befasst. Eingeleitet von Thomas Kaufmann („Nachwirkungen und Folgen des Bauernkrieges“) stellt Gerd Schwerhoff die „Opfer des Bauernkrieges“ ins Zentrum, während anschließend „Hans Huth und die Täuferbewegung“ (Martin Rothkegel) eine Weiterführung des religiös-revoltierenden Denkens darstellt. Dass eine ‚militärische Erledigung‘ eines Problems bei Weitem keine Lösung darstellt, macht Gerd Schwerhoff anhand seines Beitrags zu „(Über-)Leben und Streiten nach dem Bauernkrieg“ deutlich. Abschließend beschäftigt sich Arnd Reitemeier mit dem „Untergang von Klöstern und Burgen“ und greift damit noch einmal Militärisches auf, das aber vielleicht im Gesamtkomplex weiter vorne besser aufgehoben gewesen wäre.
Der dritte Großabschnitt, nicht ganz unpassend überschrieben mit „Umkämpfte Geschichte“ (Teil C), ist in insgesamt zwölf Untereinheiten diverser ‚Erinnerungsstationen‘ oder ‚Erinnerungsepochen‘ unterteilt, beginnend mit dem etwas unglücklich betitelten Einleitungskapitel „Der Bauernkrieg als deutscher Erinnerungsort“ (Gerd Schwerhoff). Nun sind ‚Erinnerungsorte‘ zwar in Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik gängige Begriffe, gleichwohl ist es eigentümlich, ein Großereignis als Ort bezeichnet zu lesen, nicht zuletzt, weil Ereignisse per se dynamisch sind, ‚Orten‘ hingegen eine grundsätzliche Statik anhaftet. Dies gilt auch für das von Gerd Schwerhoff und Lothar Berndorff angehängte Überblickskapitel („Wahrnehmen und Erinnern zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert“) und wohl erst recht für Martin Rothkegels Blick auf die Täuferbewegung („Die Täuferbewegung – Eine alternative Wahrnehmung des Bauernkrieges“), der ja zumindest implizit über die lokale Verankerung hinausgeht.
Wo eben noch ereignisunmittelbares Erinnern und entsprechend zeitnahe Exponate und Dokumente im Fokus standen, lenkt Barbara Leven den Blick auf die Erinnerungskultur des 19. Jahrhunderts mit einem besonderen Schwerpunkt auf nicht nur „wissenschaftliche und gesellschaftliche Annäherung“, sondern insbesondere auch „künstlerische Annäherung“, wobei die ausgewählten Bilder von nachgerade folkloristischer Perspektive bis zu einem zielorientierten ‚politischen Blick‘ reichen, der die Dynamik zweier Unruheepochen (Bauernkrieg und Arbeiterbewegung) zu verbinden sucht. Ähnlich agiert Nora Hilgert in ihren „literarischen Annäherungen an den Bauernkrieg“, in denen insbesondere auch Gerhart Hauptmanns Florian Geyer im Fokus steht. Nora Hilgert zeichnet auch für das „Wahrnehmen und Erinnern zwischen 1900 und 1925“ verantwortlich, in dessen Rahmen nicht nur die bereits im 19. Jahrhundert erkennbare revolutionäre Attitüde beziehungsweise politische Indienstnahme betont werden, sondern auch Notgeld, das Motive aus dem Bauernkrieg zeigt, vorgestellt wird.
Ein düsteres Kapitel der Bauernkriegsrezeption schlägt Daniela Münkel („Wahrnehmen und Erinnern im Nationalsozialismus“) auf, in dem Gegenstände wie die „Florian-Geyer-Festspiele in Giebelstadt“ (Friederike Langeworth), „Das Puppenspiel ‚Der Bauer im Joch‘“ (Hartmut Kühne) oder „Günther Franz’ Bauernkrieg“ (Gerd Schwerhoff) ihren ‚Sitz im Leben‘ erhalten. Hier wäre sicherlich auch noch mehr denk- und vorstellbar gewesen, es gibt aber wohl gute respektive schlechte Gründe für die eher überschaubare Präsenz der ‚Erinnerungskultur‘ jener Jahre.
Mit Beiträgen von etwa Arnd Bauerkämper („Der Bauernkrieg als Projektionsfläche in der SBZ und der frühen DDR“ sowie „Junkernland in Bauernhand“), Hartmut Kühne („Ein Geschenk für Stalin – Das Schicksal des ‚Müntzer-Nachlasses‘ im Staatsarchiv Dresden“) und Nora Hilgert („Wahrnehmen und Erinnern in den 1950er Jahren der DDR“) werden die Wahrnehmung und Indienstnahme der Ereignisse um das Jahr 1525 in der damaligen DDR betrachtet. Deren politische Führung, obgleich das Wappen der DDR eben nicht Hammer und Sichel, sondern Hammer und Zirkel einschloss, vertrat bekanntermaßen den Anspruch, der erste ‚Arbeiter-und-Bauern-Staat‘ der deutschen Geschichte zu sein.
Dass die Rezeption demgegenüber in der Bundesrepublik eher randständig ausfiel, wurde eingangs bereits erwähnt. Dementsprechend knapp ist deren Niederschlag im Werk („Wahrnehmen und Erinnern in der Bundesrepublik bis 1989“ von Nora Hilgert). Und auch die letzten beiden Abschnitte („Künstlerische Rezeption in Ost und West“ von Ulrike Pennewitz sowie „Der Bauernkrieg auf Celluloid in Ost und West bis 1989“ von Nora Hilgert) sind nicht wirklich umfangreich. Es erhebt sich der leise Verdacht, dass es den Herausgeberinnen und Herausgebern hier vielleicht nicht zuletzt darauf ankam, mit den insgesamt zwölf Themenkapiteln eine Art Adaption der Zwölf Artikel der Bauern zu schaffen, da das eine oder andere durchaus in vorangehende Kapitel hätte integriert werden können. Daran an- und die Publikation abschließend werden Autorinnen und Autoren aufgelistet und ein Bildnachweis sowie ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis geboten, das auch entsprechende Verweise auf Internetseiten umfasst. Gerade Letzteres ist von besonderem Wert und weist deutlich über die bei ‚Katalogproduktionen‘ gewohnten Belegumfänge hinaus.
Freiheyt 2025 ist eine in vielerlei Hinsicht überzeugende Hybridin, nicht wirklich Tagungsband, aber doch mehr als viele Kataloge. Aufgegriffen und immer wieder vertieft werden Einzelaspekte, denen zumeist eine überzeugende Einführung vorangestellt ist. Der Umfang und die Qualität der Abbildungen überzeugen und bieten die Möglichkeit, einen Ausstellungsbesuch Revue passieren zu lassen oder – auch wenn die Ansicht der Objekte in der Realität nicht wirklich ausgeglichen werden kann – zumindest einen prägenden Eindruck des Ausgestellten zu gewinnen. Die ereignis- und ideengeschichtliche Darstellung überzeugt, auch wenn der Rezensent als bekennender Müntzerianer sich vielleicht doch noch etwas mehr Thomas Müntzer vorstellen könnte. Die „[u]mkämpfte Geschichte“, also der dritte Teil, der sich mit der Rezeption von der unmittelbaren und mittelbaren Zeitnähe bis in die (Vor-)Wendezeit befasst, verliert gegen Ende hin etwas an Stringenz, und es wäre in der Tat auch vorstellbar beziehungsweise wünschenswert, die seither vergangenen mehr als drei Jahrzehnte in einem Fazit etwa mit dem Titel ‚Bauernkriegsrezeption heute‘ zusammenzufassen – auch auf die Gefahr hin, dass das Ganze sehr knapp ausfallen würde.
Dennoch ist der Gesamteindruck in vollem Umfang ein positiver. Die inhaltliche Qualität wurde bereits ausführlich besprochen, also bleibt noch der Blick auf das Handwerkliche: Diese in jeder Hinsicht opulente Publikation besticht durch ihren soliden Einband, der auch dringend notwendig ist – denn das Werk entspricht dem, was gemeinhin mit dem Begriff des ‚Folianten‘ in Verbindung gebracht wird, und ist somit nicht nur inhaltlich gewichtig, sondern tatsächlich auch sehr schwer. Wer die freiheyt also ‚frei Hand‘ zu lesen versucht, wird schnell an die Belastungsgrenzen des Bewegungsapparates stoßen, auch nur rasches Durchblättern ist aussichtslos. Ohne eine solide Unterlage wird das Buch seine Geheimnisse kaum preisgeben, aber das sollte niemanden daran hindern, sich dieser ausgesprochen lohnenden Herausforderung zu stellen.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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