Kulturkritik in der postfaktischen Ära

Ein Sammelband erkundet „Zeitdiagnosen zwischen Fakten und Fiktionen“ und bietet eine Orientierungshilfe für unsere Gegenwart

Von Linda MaedingRSS-Newsfeed neuer Artikel von Linda Maeding

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Beschleunigung – dieses Wort hatte der Soziologe Hartmut Rosa 2013 zum Schlüsselbegriff seiner kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit auserkoren und damit einen Nerv getroffen. In Zeiten, in denen die sozialen Medien mit ihrem Wisch-Mechanismus immer mehr Anteile an Welt- und Politikvermittlung übernehmen, scheint sich Beschleunigung als soziologisches Paradigma zeitgenössischer Welterfassung nur noch verfestigt zu haben. Hinzu kommt aber eine weitere Tendenz, ohne deren Erörterung heutige Kultur- und Gesellschaftstheorie kaum auskommen dürfte und die mit dem Begriff des „Postfaktischen“ umschrieben wird.

Insofern kommt der von vier Literaturwissenschaftler*innen – Patricia Cifre-Wibrow, Arno Gimber, Ana Ruiz und Toni Tholen – herausgegebene Sammelband zu Zeitdiagnosen zwischen Fakten und Fiktionen genau zur rechten Zeit. Er bietet die Möglichkeit des Innehaltens, um sich kulturkritisch mit dem Wandel grundlegender Kategorien zu befassen; und zwar nicht aus soziologischer Sicht, sondern auf Basis literarischer, theatraler und künstlerischer Perspektiven. Die Herausgeber dieses mittlerweile dritten Bandes zum Thema Fakt und Fiktion, der Arbeiten einer deutsch-spanischen Forschungsgruppe versammelt, verstehen Zeitdiagnosen als „kritisch reflektierte Analysen der kulturellen, sozialen, ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen, die das Leben in einer spezifischen Epoche prägen und strukturieren“. Betont wird auch deren lange Tradition: von Rousseau und Schiller über Nietzsche bis hin zu Jaspers und der Frankfurter Schule. Mehrere Gründe führen die Herausgeber in der Einleitung für die aktuelle Notwendigkeit von (erneuerten) Zeitdiagnosen an, darunter die Klimakrise und die Herausforderungen der Digitalisierung. Es ist jedoch die zunehmende Durchsetzung von Fake News oder sogenannter „alternativer Fakten“ in aufgeheizt-emotionalisierter Umgebung, die Zeitdiagnosen besonders dringlich macht: Hier geht es den Autoren der Einleitung auch um die Frage, wie unter diesen Bedingungen „ein gemeinschaftliches Verständnis von Wahrheit noch erhalten bleiben kann“ – und vor allem, was Kunst und Literatur in dieser Frage zu leisten vermögen.

In insgesamt 15 Kapiteln, die hier nur ausschnitthaft vorgestellt werden können, wird das Verhältnis von Fakt und Fiktion anhand von zeitgenössischen Kulturprodukten in verschiedenen Genres untersucht. Zwei große Achsen lassen sich innerhalb dieses Themenfeldes in der Gesamtschau ausmachen, so unterschiedlich die Herangehensweisen und die untersuchten Texte, Performances und Diskurse auch ausfallen: einerseits der Blick auf das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart, andererseits die Beschäftigung mit der Krise des Wahrheitsbegriffs. Für beide Achsen ist die zunehmende Verflechtung von Faktualität und Fiktion von klarer Relevanz.

Für das autofiktionale Schreiben ist es sogar genrekonstituierend, wie es gleich im ersten Kapitel von Toni Tholen am autobiographischen Romanwerk des norwegischen Schriftstellers Karl Ove Knausgård fokussiert wird. Im Zentrum steht hier der Zusammenhang von mythopoetischen und real-weltgeschichtlichen Entwürfen, ohne dass sich Autor- und Erzähler-Ich vollständig voneinander trennen lassen. Andere Kapitel gehen stärker auf die Darstellung von traumatischer (Zeit-)Geschichte ein, so zum Beispiel Kathrin Kazmaiers Studie zur ästhetischen Aneignung von Geschichte und konkret dem erinnerungskulturellen Erbe des Holocaust. Dies gilt auch für Brigitte E. Jirkus‘ Beitrag zu Ines Geipels faktualer Erzählung Umkämpfte Zone (2019), die Familiengeschichte mit der Geschichte der DDR anhand des Konzentrationslagers Buchenwald – Gründungsmythos der DDR als antifaschistischer Staat – ineinanderflechtet: „Die Verstrickung von persönlicher und staatlicher Geschichte“, so Jirku, „bietet eine kritische Zeitdiagnose und eröffnet Möglichkeitsräume zukünftiger Gegenwarten.“

Von Interesse ist hier ebenso wie in anderen Kapiteln die Konfrontation institutionell-offizieller Erinnerungskultur mit persönlich erlebter oder familiär weitergetragener Geschichte und postmemory. So erkennt Patricia Cifre-Wibrow in ihrer Untersuchung zur spanischen Erinnerungskultur über den Bürgerkrieg einerseits und den ETA-Terrorismus andererseits zwei konträre Konzeptionen von Vergebung und Versöhnung, die anhand literarischer Darstellungen transparent werden: Während Verschweigen und Vergessen bezüglich des Bürgerkrieges lange Zeit als Zeichen von Versöhnung gedeutet wurden, wurde das Schuldbekenntnis der ETA-Täter als unabdinglich für ein Überwinden des gesellschaftlichen Traumas erachtet, ohne dass diese Gegensätze in der Debatte um Wiedergutmachung bewusst thematisiert würden. Literaturwissenschaftlich relevant ist dieser Befund, weil die Autorin in den Bürgerkriegsdarstellungen eine „Fiktionalisierung des Faktischen“ beobachtet, während bei der Behandlung des ETA-Terrorismus viel dezidierter auf Faktisches Bezug genommen werde.

Dass es sich lohnt, den Zeitdiagnosen im Spannungsfeld von Fakt und Fiktion komparatistisch nachzugehen, zeigt Loreto Vilar in ihrem Beitrag zu Krimis als Gegenwartsdiagnose und (negativer) Zukunftsprognose: Behandelt werden drei Kriminalromane der deutschen, österreichischen und spanischen Literatur, die diverse historische Szenarien der Zeit nach dem NS-Regime und dem Bürgerkrieg aufmachen.

Der performativen Kunst widmen sich ebenfalls mehrere Beiträge. Arno Gimber analysiert das Stück Der Elefantengeist (2018) von Lukas Bärfuss und erkennt in dessen Thematisierung bundesdeutscher Geschichte – insbesondere der unbewältigten NS-Geschichte – mittels dokumentarischer Materialien, Reenactments und dystopischer Perspektive eine Art Laborversuch. Entscheidend sei das Hinausgehen über die faktenbezogene Darstellung durch Verfremdung, woraus die Zeitdiagnose ihre Relevanz beziehe. Juanjo Monsell Corts wiederum analysiert, wie der Schweizer Dramatiker Milo Rau in Five Easy Pieces (2016) die belgische Kolonialgeschichte durch Performance, Montage und Reenactment, Körperlichkeit und Intermedialität auf die Bühne bringt. Auch hier werden die historischen Ereignisse somit einer „Mediatisierung“ und damit auch einer Fiktionalisierung unterworfen, um ihre Präsenz in der Gegenwart zu zeigen.

Zwei Beiträge widmen sich einer anderen Spielart der Zeitdiagnosen, indem sie mit dem Begriff des Postdigitalen operieren und dabei unterschiedliche Schwerpunkte setzen, die sich durchaus komplementär lesen können: So beschäftigt sich Johanna Vollmeyer mit dem unter anderem durch die Logik der sozialen Medien indizierten Wandel der Erinnerungskultur. Diesen untersucht sie anhand eines der Figur Sophie Scholl gewidmeten Instagram-Accounts und beschreibt, wie dessen auf Affekte und User-Bindung abzielende Inhalte ins Postfaktuale abgleiten. Postdigitale Literatur und ihre Ästhetik sind Untersuchungsgegenstand von Miriam Llamas Ubieto, die das charakteristische Kennzeichen der Zeit in der Allgegenwärtigkeit des Digitalen sieht, die mit einer eigenen Verknüpfung von Faktualem und Fiktivem einhergeht. Die Autorin spricht von einer hybriden postdigitalen Praktik, in der das Digitale auf reale Figuren einwirkt, ebenso wie aber auch umgekehrt eine Rekontextualisierung stattfindet.

In einer ganzen Reihe von Beiträgen entwickeln die Reflexionen über Zeitdiagnosen zwischen Faktualem und Fiktivem politische Spannkraft. Dies ist auch der Fall im abschließenden Beitrag von Ana Ruiz zur kognitiven Rahmung von Migration. Ruiz nimmt Hannah Arendts heute noch – oder wieder – aktuellen Essay We Refugees über die (jüdischen) Flüchtlinge der NS-Zeit zum Anlass einer mit Giorgio Agamben geleisteten Relektüre der Erfahrung von Deterritorialisierung in der Gegenwart und der Bedeutung von Literatur oder fiktionaler Bearbeitung bei ihrer Gestaltung.

Dass Zeitdiagnosen im besten Fall tatsächlich die „Kraft eines Brennglases“ (Habermas) entfalten, wie Arno Gimber angibt, macht das Buch trotz seiner heterogenen Zusammenstellung, wie sie für akademische Sammelbände nicht untypisch ist, überdeutlich. Das Einreißen der Grenzen zwischen Fakt und Fiktion wird an vielen der untersuchten Texte und Phänomene detailliert kenntlich gemacht und auch theoretisch begründet. Der performative Wahrheitsbegriff, den Wiebke von Bernstorff in ihrem Beitrag zu sozialen Autofiktionen in Performance und Theaterpädagogik einbringt, kann nur ein Ausgangspunkt sein für die Erkundungen der gegenwärtigen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Krise: „Faktisch (und wahr) ist, was geschieht. Was geschieht, dient der Erforschung der Potentiale des Fiktionalen/Ästhetischen.“ In diesem Sinne bietet sich der kultur- und literaturwissenschaftlich informierte Band an als eine Art offenes Logbuch beim Navigieren einer Gegenwart, die auf wackligem Boden steht.

Titelbild

Toni Tholen / Ana Ruiz / Arno Gimber / Patricia Cifre-Wibrow (Hg.): Zeitdiagnosen zwischen Fakten und Fiktionen.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2025.
320 Seiten, 44,00 EUR.
ISBN-13: 9783826085840

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