Jean Paul und die Naturwissenschaften
Hans Esselborns gesammelte Aufsätze vermitteln in „Jean Paul – Eine Neuentdeckung“ ein außergewöhnlich weltzugewandtes Bild des Autors
Von Daniel Wyss
Das von Johann W. Goethe geprägte Bild vom weltabgewandten Sonderling Jean Paul bestimmt die Rezeption bis heute. Die gesammelten Aufsätze des Jean-Paul-Forschers Hans Esselborn liefern einen wichtigen Beitrag zur Korrektur dieses Klischees. Esselborns Forschung zeigt auf, wie die scheinbar hermetische Subjektivität Jean Pauls durchbrochen und für allgemeine literaturwissenschaftliche Forschungsfragen erschlossen werden kann.
Der 2025 erschienene Sammelband mit dem Titel Jean Paul – Eine Neuentdeckung. Der Autor als akribischer Beobachter und avantgardistischer Erzähler umfasst 23 Aufsätze Esselborns, die im Zeitraum von 1987 bis 2023 in unterschiedlichen Publikationen veröffentlicht wurden. Acht Aufsätze widmen sich dem Forschungsbereich Literatur und Wissen und knüpfen thematisch an Esselborns Habilitationsschrift Universum der Bilder. Die Naturwissenschaft in den Schriften Jean Pauls (1989) an. Diese Beiträge bieten jeweils einen konzisen Überblick zu astronomischen, physikalischen und biologischen Wissensbeständen in Jean Pauls Gesamtwerk. Esselborn führt aus, wie früh und radikal Jean Paul bahnbrechende naturwissenschaftliche Erkenntnisse in seine Texte integriert hat. So wird beispielsweise erläutert, wie die von Jean Paul aufmerksam verfolgte Entdeckung neuer Galaxien in den 1780er Jahren mit der Auflösung des personalen Gottesbegriffs verknüpft ist oder wie die Liebesmetaphorik, die vor dem 18. Jahrhundert häufig durch chemische Verbrennungsprozesse beschrieben wurde, bei Jean Paul durch die Bildlichkeit elektrischer Spannungs- und Entladungsvorgänge ersetzt wird.
Im Aufsatz „Jean Paul als Autor des literarischen Umbruchs“ beschreibt Esselborn, wie das moderne biologische Wissen über den tatsächlichen Entstehungsprozess von Perlen auf die Bildlichkeit und Poetologie von Jean Pauls Texten einwirkt. Traditionellerweise wurde die Entstehung der Perle – analog zur dichterischen Inspiration – durch einen göttlichen Gnadenakt erklärt. Jean Paul greift systematisch auf die moderne Erklärung zurück, die die Entstehung der Perle als Reaktion auf eine äußere Verletzung zurückführt. Diese Bildlichkeit wird weiter auf das Entstehungsmodell von Literatur aus einem sozial induzierten Defizit, der Armut, übertragen, wie folgende Textstelle aus einer frühen Satire Jean Pauls illustriert:
Wie der weisse Schleim, womit der Wurm in der Perlenmuschel die Öfnungen seiner Schale stopfet, nach und nach zur Perle reift, ebenso wird der Nervensaft der oftgedachten Schriftsteller, der für schlechte Zwecke und oft blos für die Verbesserung zerissener Kleider verschwendet wird, mit der Zeit in den glänzenden Gegenstand der künftigen Bewunderung sich verwandeln […].
Esselborns klar strukturierte Ausführungen ermöglichen ein besseres Verständnis der obskuren Vergleiche Jean Pauls. Eine große Stärke des Buchs liegt im sachdienlichen Stil und im Verzicht auf dogmatische Interpretationen. Die Aufsätze weisen meist einen ähnlichen schematischen Aufbau auf: Zuerst wird jeweils der historische Stand eines Wissensgebietes konzis und ein breiter – wenn auch nicht mehr ganz aktueller – Forschungsstand überblickend zusammengefasst. Daraufhin werden anhand zahlreicher Textstellen die Schwerpunkte und Entwicklungslinien von Jean Pauls Wissenspoetiken erläutert. Durch den Vergleich mit anderen Autoren wie Georg Christoph Lichtenberg, Goethe, Novalis und Heinrich Heine werden Jean Pauls Positionen zusätzlich konturiert. Dieses Vorgehen erweist sich als aufschlussreich, da die Vergleiche mit anderen Autoren differenzierte Antworten auf umstrittene Fragen der Jean-Paul-Forschung ermöglichen – etwa auf sein wechselhaftes und spannungsvolles Verhältnis zur Romantik.
Neben dem naturwissenschaftlichen Themenkreis behandeln vier Beiträge erfreulicherweise auch die politische Seite des Autors, der als Satiriker und Außenseiter dem autonomieästhetischen Diskurs um 1800 durchaus kritisch gegenüberstand. Esselborn informiert fundiert über Jean Pauls Naturrechtsdenken und dessen Verhältnis zur Zensur. Besonders lesenswert ist der materialreiche Aufsatz zu seiner Stadtsoziologie, der eindrücklich demonstriert, dass Pauls Raumdarstellung sozial kodierte Topographien entwirft und nicht als Spiegel einer weltabgewandten Innerlichkeit zu verstehen ist.
Der Buchtitel verspricht neben Erkenntnissen zum „akribischen Beobachter“ auch Einsichten zu Jean Pauls „avantgardistischer Erzählweise“: In zwei umfangreichen Aufsätzen entwickelt Esselborn eine Analyse des Siebenkäs, die auf Bachtins Theorie des Karnevalesken und der Dialogizität aufbaut. Esselborns These lautet, dass die Polyphonie von Jeans Pauls Romanen der Vermittlung gesellschaftlicher Realität diene. Damit widerspricht er der in der Jean Paul-Forschung immer noch verbreiteten Annahme, die von der hermetischen Selbstreferentialität des als Erzähler maskierten Autorsubjekts ausgeht. Die theoretischen Bezüge zu Bachtin werden gründlich und überzeugend dargelegt. Wenn auch nicht abschließend, so doch systematisch demonstriert Esselborn, dass Jean Pauls Roman zu einem großen Teil aus „fremder Rede“ beziehungsweise einer Vielzahl sozial und gattungsspezifisch typisierten Redeweisen besteht. Die Ambivalenz von Bachtins Jean Paul-Lektüren wird von Esselborn jedoch nicht erwähnt. Denn obwohl für Bachtin Jean Pauls Beitrag zur karnevalesken Tradition unbestritten ist, schätzt Bachtin dessen individualisierenden Tendenzen, die er in seinem Rabelais-Buch „jenseits des Lachprinzips“ verortet und als „Flucht aus der Endlichkeit“ bezeichnet, kritisch ein. Der Themenblock „Intertextualität“ wird durch vier rechercheintensive Aufsätze ergänzt, in denen Jean Paul-Bezüge bei Heinrich Heine, Franz Kafka, Niklas Luhmann und der französischen Romantik herausgearbeitet werden.
Da einige Aufsätze des Sammelbandes über dreißig Jahre alt sind, stellt sich die Frage nach der Aktualität des Buchs. Doch die Beiträge zeichnen sich durch methodische Offenheit und ein gutes Gespür für innovative Forschungsthemen aus. Für die ungebrochene Aktualität spricht der Umstand, dass Forscher:innen wie Michael Gamper, Sabine Eickenrodt und Barbara Hunfeld an Esselborns Arbeiten angeknüpft haben. Für aktuelle Forschungsvorhaben, die sich für ökologische Wissensordnungen bei Jean Paul interessieren, wird kein Weg an Esselborns grundlegenden Studien vorbeiführen. Einzig die Aufsätze zu Jean Pauls Verleger-Briefen und zu seinem Frauenbild wirken aufgrund des apologetischen Charakters etwas veraltet. Das Buch hat kein gründliches Lektorat erhalten. Ein Sach- und Personenregister fehlen. Dies ist bedauerlich, denn aufgrund der klaren Struktur, die komplexe Sachgebiete übersichtlich darstellt, eignet sich Esselborns Buch sehr gut als Einstieg und Ausgangspunkt für weiterführende Forschungsvorhaben.
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