Ohne Sympathie für den Gegenstand

Herbert Kraft gibt in „Vom uneigentlichen Leben“ einen Überblick über Leben und Werke Ferdinand von Saars – und mehr auch nicht

Von Karin S. WozonigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Karin S. Wozonig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Jedes Unterfangen, Ferdinand von Saar (1833-1906) – einen der markantesten österreichischen Erzähler des neunzehnten Jahrhunderts, traditionell dem poetischen Realismus zugerechnet – wieder ins Gedächtnis der Leserschaft zu rufen, ist zu begrüßen. Befeuert durch das Interesse und die Übersetzungen des Germanisten Jacques Le Rider, erfährt der Autor mit Hang zur guten alten Zeit, der in manchen seiner Novellen den Naturalismus und die Wiener Moderne hinter sich lässt, gerade eine Renaissance in Frankreich. Saars meisterhafte psychologische Novelle Leutnant Burda wurde 2018 schön ausgestattet und mit einem Nachwort von Daniela Strigl versehen vom Kampa Verlag herausgegeben. Der geltungssüchtige Protagonist ist in seinem wahnhaften Narzissmus ein Pendant zum viel bekannteren Leutnant Gustl von Schnitzler. Lesenswert bleibt auch die sozialkritische Liebesgeschichte Die Steinklopfer, die die Schwerstarbeit beim Bau der Semmeringbahn behandelt, Saars einzige Novelle mit „Happy End“. Dagegen zeichnet Schloss Kostenitz, ein Zeitbild mit Hysterie-Element, nicht nur das Ende einer Ehe, sondern das einer ganzen Epoche. Saars einzige Versdichtung von Bedeutung, die 1893 veröffentlichten Wiener Elegien („Singen will ich ein Lied dir noch als treuster der Söhne – / Und wo die Wiege mir stand, find‘ ich zuletzt auch ein Grab!“), waren sein größter Erfolg zu Lebzeiten.

Das Buch von Herbert Kraft kann einen ersten Überblick über Saars Werk und einen Einblick in sein Leben geben, mehr aber auch nicht. Durch seine Anlage, aber vor allem durch die Haltung seines Verfassers bleibt die Darstellung oberflächlich. Sie zerfällt in zwei Teile: eine biographische Skizze und eine chronologische Behandlung der meisten von Saars rund 30 Novellen, von Gedichten und einem seiner Dramen. Dieser zweite Teil ist hauptsächlich Inhaltsangabe, mit verhaltenen sozialhistorischen Deutungen.

Für die biographische Darstellung bedient sich Kraft der Zitate aus Saars Werk, das Leben des Autors bettet er in den sozialhistorischen Kontext einerseits und das literarische Schaffen andererseits ein. Von Saars vergeblichem Ringen um Anerkennung als Burgtheaterautor erfährt man hier weniger als von seiner Kunst, auf Kosten anderer zu leben: Als früh verschuldeter k.u.k. Leutnant außer Dienst war der Schriftsteller auf die Gaben adeliger und bürgerlicher Mäzeninnen angewiesen. Als writer in residence wurde er auf deren Landsitze eingeladen, wo er teils Monate verbrachte. Seine Kolleginnen Marie von Ebner-Eschenbach und Betty Paoli schätzten den Spätberufenen und waren ihm freundschaftlich verbunden.

Der Biograph indessen gibt ein unsympathisches Bild von seinem Gegenstand – und bedient sich dabei eines seltsamen, nicht wirklich nachvollziehbaren Verweissystems. Zeitgenössische Quellen, alte und neuere Forschung und vermeintlich autobiographische literarische Zeugnisse stellt er gleichrangig nebeneinander. So insinuiert er, Saar trage die Schuld am Selbstmord seiner depressiven Frau. Ans Ende des ganzen Buches setzt Kraft den vom Arzt nach Saars eigenem Suizid ausgestellten Totenzettel und den rätselhaften Satz: „Ferdinand von Saars besondere Eigenschaft war seine Aufrichtigkeit“.

Nach der biographischen Einleitung, in der Saar schlecht wegkommt und man sich fragt, warum sich der Biograph ausgerechnet diesen Autor ausgesucht hat, werden dessen Werke als Zeit- und Gesellschaftsbilder analysiert. Die erläuternde Wiedergabe des Plots steht unter sprechenden Titeln, beginnend bei „Von den Gewalten des Lebens – und der Pflicht“ (Innocens, 1865) bis „Je größer die Armut, desto größer die Unbarmherzigkeit der Armen“ (Die Pfründner, 1905). Was unter ihnen subsumiert wird, sind überwiegend konventionelle Interpretationen, die kaum neue Aspekte eines komplexen Werks erhellen, das eigentlich viele Möglichkeiten der Analyse von narratologischem Raffinement, Raumkonzepten, Geschlechterbeziehungen und Fortschrittsskepsis böte.

Krafts Eigenheit, wörtliche Zitate kursiv zu setzen, erschwert die Lektüre, die genauen Belege zu den Stellen fehlen; der Fußnotenteil beschränkt sich einerseits auf das Notwendigste, enthält andererseits aber auch Exkurse. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Buch trotz seiner Schwächen einen nachdrücklichen Hinweis auf Saars Werke gibt, von denen wahrscheinlich viele moderner und vielschichtiger sind, als der Autor wollte.

Titelbild

Herbert Kraft: Vom uneigentlichen Leben. Der Schriftsteller Ferdinand von Saar.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2024.
207 Seiten , 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783826089596

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