Unter Pessimisten und Naiven
Mit „Die Reise ans Ende der Geschichte“ legt Kristof Magnusson einen nicht nur heiteren, sondern auch höchst aktuellen Roman vor
Von Dietmar Jacobsen
Der eine ist davon überzeugt, dass mit den 1990er Jahren eine Zeit des ewigen Friedens angebrochen ist. Wer wohl sollte jetzt noch ein echtes Interesse an kriegerischen Auseinandersetzungen haben? Jetzt, wo die internationale Atmosphäre nicht mehr von gegenseitiger Angst geprägt war? Jetzt, wo man praktisch das ultimative Ende einer Zeit erreicht hatte, in der die Existenz zweier grundverschiedener Gesellschaftssysteme jederzeit in eine offene Konfrontation münden konnte? Jetzt, wo nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs die Chance auf eine bessere Zukunft für alle Menschen diesseits und jenseits überholter Trennungslinien bestand?
Der andere hält diese Ansichten für puren Idealismus, Naivität eines Schöngeists. „Jetzt ist alles nur noch Wind of Change und Tetris, das kann doch nicht gut gehen“, sagt er bei ihrem ersten Zusammentreffen. Denn die „randalierenden Arbeitslosen in Deutschland“, der „Bürgerkrieg auf dem Balkan“ und „die Putschversuche in Moskau“ scheinen ihm Signale dafür zu sein, dass längst noch nicht zu Ende gekommen ist, wofür er und seinesgleichen sich jahrzehntelang im Verborgenen eingesetzt hatten: „Man konnte ihm doch nicht einfach seine Geschichte unter dem Hintern wegziehen. Was sollten Leute wie er sonst tun? Plötzlich an den Frieden glauben?“
Dieter Germeshausen, der Spion, bekommt „Schnappatmung“, wenn er dem gerade auf einer Welle des Erfolgs schwimmenden Dichter Jakob Dreiser zuhört. Die beiden zentralen Protagonisten des neuen Romans von Kristof Magnusson (Jahrgang 1976) sitzen sich auf dem Gelände der russischen Botschaft in Rom gegenüber. Früher ein hermetisch abgeschirmter Ort, haben die neuen Herren der an die Stelle der UdSSR getretenen Russischen Föderation zu einem Frühlingsfest in ihre römische Vertretung eingeladen. Mit Krimsekt und Piroggen, Borschtsch, Pelmeni und Auberginenkaviar will man im Botschaftsgarten den glorreichen Beginn einer neuen Zeit, „das Ende vom Ende der Welt“, feiern.
Allein Germeshausen traut dem Braten nicht. Und mit dem von seinem Idealismus ganz trunkenen Dreiser hat er auch etwas anderes vor, als sich in dessen naive Tiraden vom endlich erreichbaren Weltfrieden verwickeln zu lassen. Weil er der eigenen sprachlichen Überzeugungskraft misstraut, will er den Schöngeist unter seine Fittiche nehmen und einen Spion aus ihm machen. Das lässt sich Dreiser zunächst gern gefallen, eröffnet sich ihm mit der Welt der Geheimdienste doch ein neues, spannungsreiches Terrain, vielleicht sogar eines, über das sich später schreiben lässt.
Dass es in einem Agentenleben durchaus auch einmal ziemlich rau zugehen kann und Gefahren drohen, vor denen man im normalen Leben geschützt ist, verdrängt der Dichter noch für eine Weile. Denn im ersten Akt seiner Karriere als Topspion geht es gleich einmal nach Almaty, wo Germeshausen einen Hubschrauber der Vereinten Hubschrauberbetriebe Sergei Danilowitsch Luganski erwerben möchte und Dreisers Redefertigkeit benötigt, um die schroffe Betriebsdirektorin Jekaterina Alfredowna Harms gewogen zu machen. Und natürlich glaubt Jakob Dreiser in der Hauptstadt des postsowjetischen Kasachstan den „Wind of Change“ der neuen Zeit besonders kräftig wehen zu spüren.
Der 1976 in Hamburg geborene Kristof Magnusson – ausgebildeter Kirchenmusiker, Autor von Romanen und Theaterstücken sowie Übersetzer aus dem Isländischen, der Sprache seines Vaters – gehört zu jenen seltenen Autoren im deutschsprachigen Raum, die es verstehen, selbst aus den schwierigsten Fragen unserer Zeit noch leicht lesbare, humorvolle Romane zu destillieren. Ob es die internationale Banken- und Finanzkrise von 2008/2009 (Das war ich nicht, 2010), der beklagenswerte Zustand unseres Gesundheitssystems (Arztroman, 2014) oder ein sezierender Blick auf den gegenwärtigen Kunstbetrieb (Ein Mann der Kunst, 2020) ist – Magnussons Gabe, mit wundervoll erfundenen Figuren, viel Witz und kurzweiligen Dialogen dem Schweren sein Gewicht zu nehmen, ohne dass es gleich ins Belanglose abdriftet, sorgt nicht nur dafür, dass seine Bücher unterhaltsam daherkommen, sondern dass sich unterm Strich durch die Lektüre auch wichtige Einsichten und Erkenntnisse ergeben können.
Auch in seinem neuen Roman Die Reise ans Ende der Geschichte gelingt es Magnusson nun mit bewundernswerter Leichtigkeit, stilistischer Eleganz und mehr als einer Prise Witz, einen Blick auf die Welt zu werfen, wie sie sich Anfang der 1990er Jahre darstellte. Der Kalte Krieg war vorbei. Gorbatschows Perestroika und Glasnost hatten dafür gesorgt, dass der Druck auf jene Staaten, die man in Moskau euphemistisch als „Bruderländer“ bezeichnet hatte, nachließ. Die Folge war der Zusammenbruch eines ganzen Systems. Und die Hoffnung, dass er jetzt endlich anbrechen würde: der große Frieden, den zahlreiche Ismen als ihr Endziel versprochen hatten, ehe sie sich auf dem Weg dahin heillos verhedderten. Nun also sollte Wirklichkeit werden, was der amerikanische Gesellschaftswissenschaftler Francis Fukuyama bereits 1989 in einem vielzitierten Aufsatz, aus dem drei Jahre später sein weltweit rezipiertes Buch The End of History and the Last Man erwuchs, vorhergesagt hatte: Der schnurgerade Weg zu einer weltumspannenden liberalen Demokratie als einzig übrig gebliebene, alternativlose Gesellschaftsform.
Zu diesem paradiesischen Endzustand sind in Kristof Magnussons Roman alle hin unterwegs. Nur hat leider jeder und jede von ihnen einen anderen Zielpunkt im Auge. Während der arbeitslose Doppelagent Germeshausen dank alter Beziehungen noch einmal kräftig abkassieren will – was heißt, dass es bei den Hubschraubern, die er dank der Überredungskunst des Dichters in Almaty billig und gleich im Sechserpack bekommt, nicht bleibt, sondern plötzlich Dinge ins Spiel kommen, die selbst dem überzeugtesten Idealisten kalte Schauder über den Rücken jagen –, sieht der gegenwartstrunkene Dichter Dreiser eine Zukunft voller Abenteuer vor sich. Zwischen den beiden männlichen Protagonisten in Die Reise ans Ende der Geschichte steht mit der italienischen Fremdsprachenlehrerin Francesca Aquatone schließlich eine Figur, die die Dinge nüchterner sieht. Sie ist es auch, die den letzten von Germeshausen geplanten Deal in Sankt Petersburg dank ihrer Verbindungen zum KGB platzen lässt und damit die Welt wahrscheinlich vor einem Supergau bewahrt.
In 26 kurzen Kapiteln erzählt Kristof Magnusson in Die Reise ans Ende der Geschichte von einer Zeitenwende, den Chancen, die sie eröffnete, und den Risiken, die sie barg. „Viele junge Leute aus dem Westen waren damals unglaublich naiv und hatten gedacht, dass die Welt ab jetzt automatisch immer besser wird, ohne dass man etwas dafür tun muss“, hat der Autor in einem von seinem Verlag publizierten Begleitinterview zum Buch gesagt. Und eine Figur in dessen Mittelpunkt gestellt, die sich eine Zukunft gar nicht anders vorstellen kann als friedlich. „Alle hatten sich der Freiheit zugewandt, der Demokratie, den Menschenrechten. Rassismus und Homophobie, das war doch etwas für Altnazis“, glaubt dieser Jakob Dreiser selbst dann noch, als er mit sechs Kampfhubschraubern im Frachtraum eines Großflugzeuges Richtung Westen unterwegs ist. Wir dagegen wissen spätestens heute, gute drei Jahrzehnte nach der in den frühen 1990er Jahren herrschenden Euphorie, dass das, was damals so verheißungsvoll begann, nur allzu schnell wieder Althergebrachtem Platz machte. Und selbst wenn die Geschichte irgendwann einmal – wie es Francis Fukuyama ein wenig übereifrig für das Ende des vorigen Jahrhunderts prophezeite – an ihrem Ende angekommen sein sollte: Die Geschichten sind es noch lange nicht. Und das ist nicht zuletzt für Kristof Magnusson, der ja von ihnen lebt, eine gute Nachricht.
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