Wenn die Liebe an politischen Ansichten zerbricht

Nora Haddadas „Blaue Romanze“ zeigt, wie emotionale Intimität und politische Denkweisen miteinander verbunden sind

Von Leonie MeierhofRSS-Newsfeed neuer Artikel von Leonie Meierhof

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Zwei junge Menschen lernen sich in einer warmen Sommernacht in einer Karaokebar in Marseille kennen. Sie verlieben sich ineinander, bleiben aber nicht in Kontakt. Zurück in ihrer Heimat bedauern beide diesen Umstand, bis sie sich durch Zufall ein Jahr später in Berlin begegnen. Und dann feststellen, dass sie auf unterschiedlichen politischen Seiten stehen.

Das ist die Geschichte von Myriam und Julian, die in Nora Haddadas 2025 erschienenen Roman Blaue Romanze erzählt wird. Die in Paris und Berlin lebende Schriftstellerin und Drehbuchautorin veröffentlichte 2023 ihren Debütroman Nichts in den Pflanzen, der Einblicke in die Berliner Filmszene gewährt. Ihr zweiter Roman bewegt sich zwischen Frankreich und Deutschland und portraitiert das Leben eines Paares im urbanen, akademisch geprägten Milieu, das an politischen Diskrepanzen zerbricht. Myriam kommt aus Paris und promoviert in Berlin über postkoloniale Theorie, ihre Dissertation behandelt die Frage nach der Legitimität von Gewalt im Widerstand. Julian lebt in Berlin und möchte Journalist werden. Durch Zufall treffen sich die beiden in der Uni wieder und stellen, als am 7. Oktober 2023 der terroristische Angriff der Hamas auf Israel stattfindet, fest, dass sie (politisch) nicht zueinander passen. Beide sehen sich selbst als links, interpretieren die Einordnung des jeweils anderen jedoch unterschiedlich; Myriam bezeichnet Julians Haltung, die proisraelisch ist, als „koloniale Blindheit“, Julian wirft Myriam aufgrund ihrer Israelkritik Antisemitismus vor.

Der Beginn der Liebesgeschichte ist klischeehaft und wirkt schon fast wie im Film. Kontrastiv dazu stehen die politischen Überzeugungen, die das Paar spalten. Doch es ist nicht erst das politische Ereignis, das zeigt, dass die beiden Liebenden nicht zueinander passen. Ihre Interaktionen weisen bereits zu Beginn Kommunikationsprobleme und unbeholfene Situationen auf. Hadadda zeichnet präzise das Leben von zwei Mittzwanzigern nach, das durch Selbstfindung und Unsicherheiten gekennzeichnet ist und sich um Beziehungen, Freundschaften, mentale Gesundheit und den beruflichen Werdegang dreht. Myriam, die zwei Masterabschlüsse (einen mit Auszeichnung) hat und an hochrangigen Universitäten politische Theorien studiert hat, konstatiert: „Ich kenne immer die großen Thesen […] oder Theorien, aber manchmal habe ich das Gefühl, ich weiß gar nicht, wie die Welt eigentlich […] [funktioniert].“ Die Sprache ist alltagsnah und authentisch, die Dialoge sind witzig. Es werden zahlreiche Anglizismen und zeitgenössische Redewendungen verwendet („no offence“, „what the fuck“, „ja, voll“), was der gegenwärtigen Sprache der Gen Z entspricht.

Die Autorin, die in ihrer Eröffnungsrede der Frankfurter Buchmesse 2025 Israel einen Genozid vorgeworfen hat, entwirft in ihrem Roman eine Erzählweise, in der aus den Perspektiven beider Protagonist:innen erzählt wird, ohne dass eine Figur moralisch privilegiert wird. Haddada legt den Fokus nicht auf das politische Ereignis selbst, sondern präsentiert analytisch den Diskurs darüber; insbesondere im jungen, linken Intellektuellen-Milieu. Und sie zeigt auf, wie sich diese Diskrepanzen auf die Intimität eines Paares auswirkt.

Der Roman ist geprägt von Referenzen jeglicher Art. Myriam und Julian begegnen sich auf einer Feier nach der Preisverleihung der Berlinale, somit wird autoreflexiv auf Haddadas ersten Roman verwiesen, der die Filmszene in Berlin kritisch beleuchtet. Der Roman nimmt daran anknüpfend Bezug auf Filme und Fernsehen, beispielsweise auf den unter Gen Z bekannten Film High School Musical, den Filmklassiker Casablanca und die in Deutschland populäre Sendung Tatort. Auf intellektueller Ebene referiert der Text politische, postkoloniale und philosophische Theorien, etwa von Theodor Adorno, Rashid Khalidi, Edward Said und Karl Popper. Intertextuelle Bezüge zur germanistischen Literatur bestehen beispielsweise zu Max Frischs Biedermann und die Brandstifter, Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame und Thomas Manns Der Zauberberg. Durch die referenzielle Dichte hat der Text ein hohes Potenzial für Wiedererkennungswerte, wenn den Lesenden die Referenzen bekannt sind. Ist das nicht der Fall, kann der Text dadurch schwer und unzugänglich wirken.

Myriam und Julian definieren sich über Theorien, Wissen und kulturelle Codes. Was zunächst für Nähe zu sorgen scheint, wandelt sich zunehmend zu einem Machtinstrument, das Asymmetrie schafft. Diskussionen werden zu rhetorischen Duellen, politische Positionen sind gekoppelt an die eigene Identität. Die politischen Konflikte dienen weniger als Ursache, sondern eher als Beförderer eines bereits zerbrechlichen Beziehungsgefüges. Der Roman ist nicht versöhnlich: Es gibt keine simplen Lösungen und kein harmonisches Ende. Blaue Romanze wirft die historisch bereits bekannte, aber in Zeiten von politischen Konflikten und stetiger Polarisierung dringende Frage auf, ob Liebe unabhängig von politischen Überzeugungen existieren kann. 

Nora Haddada legt einen authentischen Roman über das zeitgenössische Leben von zwei Mittzwanzigern vor, der weniger eine Liebesgeschichte, sondern eine Analyse des politischen Diskurses darstellt. Das macht die Geschichte, die beim Lesen stetige Aufmerksamkeit verlangt, schwer und fordernd. Leser:innen, die Nora Haddadas kritische Beobachtungen über den aktuellen Zeitgeist mögen, werden Blaue Romanze als eine bemerkenswerte Analyse mit interessanten Einsichten schätzen. Der Roman zeigt, dass Intimität und politische Ansichten eng miteinander verbunden sind – und dass die Erkenntnis darüber bei unterschiedlichen Standpunkten schmerzlich sein kann.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Nora Haddada: Blaue Romanze. Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2025.
240 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783103977165

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