Wortmeldungen eines Autors von Weltrang, dem im US-amerikanischen Exil seine Leserschaft abhandengekommen war
Der unter anderem von Bernhard Veitenheimer herausgegebene Band „Essays und Publizistik“ sammelt Heinrich Manns literarische und politische Werke der Jahre 1940 bis 1950
Von Horst Schmidt
Wie sein jüngerer Bruder Thomas Mann (1875-1955) war auch Heinrich Mann (1871-1950), dessen satirischer Roman Der Untertan (1918) noch heute zur Pflichtlektüre im Deutschunterricht zählt, ein ungeheuer produktiver Autor. Beide glänzten nicht nur als Verfasser von Romanen und Erzählungen, sondern betätigten sich auch rege essayistisch und publizistisch. Inhaltlich widmeten sich ihre zahlreichen Reden, Aufsätze, Artikel, Essays und Briefe vor allem literarischen, kulturellen und politischen Themen.
Seit 2009 erscheint beim Bielefelder Aisthesis Verlag eine auf zehn Bände angelegte, von Wolfgang Klein, Amme Flierl und Volker Riedel editorisch betreute kritische Gesamtausgabe der Essays und Publizistik aus der Feder von Heinrich Mann. Die Ausgabe ist um Vollständigkeit bemüht und präsentiert die Texte in chronologischer Reihenfolge nach dem Datum ihres Erscheinens beziehungsweise bei bislang unveröffentlichten Texten nach dem Zeitpunkt ihrer Entstehung. Die ausführlichen Kommentare der Herausgeber erläutern die Texte vorbildlich, ordnen sie in den zeithistorischen Zusammenhang ein und zeigen den biographischen Kontext Heinrich Manns auf.
Einziges Manko der Gesamtausgabe ist der hohe Verkaufspreis der einzelnen Bände, der das Budget der meisten Leserinnen und Leser sowie vieler kleinerer öffentlicher Bibliotheken übersteigen dürfte.
Der von Bernhard Veitenheimer unter Mitarbeit von Wolfgang Klein herausgegebene 9. Band (in zwei Teilbänden) der Gesamtausgabe von Heinrich Manns essayistischem und publizistischem Werk versammelt nun mustergültig edierte und kommentierte Texte von Oktober 1940 bis 1950. Er umspannt somit den Zeitraum von Heinrich Manns Exil in den USA, das bis zu seinem Tod währte.
Der erste Teilband enthält auf gut 400 Seiten 139 in der Regel recht kurze Texte von Heinrich Mann. Darunter sind viele Beiträge zu Sammelbänden und Exilzeitschriften, Stellungnahmen und Aufrufe zu politischen Themen, offene Briefe, Dichter-Portraits und Autobiographisches, Nachrufe oder Vor- und Nachworte zu Büchern sowie Essays, in denen sich Mann als engagierter Antifaschist, Europäer aus Überzeugung und Freund der Sowjetunion präsentiert. Einige der Texte erscheinen hier erstmals im Druck, viele Texte wurden seinerzeit nur in auflagenschwachen Exil-Zeitungen und -zeitschriften oder in Büchern mit Kleinauflage veröffentlicht.
Sensationelle Neuentdeckungen bietet das Buch allerdings nicht. Vielmehr bestätigt die Lektüre die Vermutung, dass Heinrich Mann im amerikanischen Exil viel von seiner Schaffenskraft eingebüßt hat. Große literarische Würfe wie die beiden Henri Quatre-Romane aus dem französischen Exil gelangen ihm nicht mehr, auch sein publizistischer Furor ließ merklich nach.
Im amerikanischen Exil blieb Heinrich Mann, der sich als Publizist der deutschen und der französischen Sprache bediente, der schriftstellerische Erfolg bekanntlich versagt. Er beherrschte kein Englisch, seine Bücher und Aufsätze wurden nicht übersetzt. Anders als sein Bruder Thomas war er in den USA ein literarischer Nobody. Seine deutsche und seine französische Leserschaft waren ihm im amerikanischen Exil abhandengekommen. Hinzu kamen widrige Lebensumstände. Vor allem der Tod seiner um etliche Jahre jüngeren Ehefrau Nelly machte ihm erheblich zu schaffen. Finanziell war er auf die Unterstützung durch seinen Bruder Thomas angewiesen.
Dem zweiten Teilband des 9. Bandes der verdienstvollen Gesamtausgabe des essayistischen und publizistischen Werkes Heinrich Manns gebührt dagegen höchstes Lob. Auf rund 1200 Seiten gelingt den Herausgebern eine editorische Glanzleistung: Nicht nur seine Texte werden editionsphilologisch erschlossen, auch die zeithistorischen und biographischen Hintergründe und Zusammenhänge werden ausführlich und detailliert aufgezeigt. Nach der Lektüre ist man informierter als je zuvor über das Leben und Schreiben Heinrich Manns in seinem unfreiwilligen, dem Hass seiner vom Nazismus vergifteten deutschen Landsleute geschuldeten amerikanischen Exil.
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