Thomas Mann und das Geld

Nach 128 Jahren geht die wahrscheinlich profitabelste Vertragsbeziehung zwischen einem belletristischen Autor und einem Verlag in der Geschichte des deutschen Buchhandels zu Ende

Von Christian SchwandtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christian Schwandt

Für die weltweite Fangemeinde von Thomas Mann war 2025 ein aufregendes Jahr: Der Geburtstag des Dichters jährte sich zum 150. Mal. Das Netzwerk „Thomas Mann International“ listet für das vergangene Jahr in 22 Ländern auf drei Kontinenten 310 Events auf. In seiner Geburtsstadt Lübeck stellte das Buddenbrookhaus eine große, gut besuchte Jubiläumsausstellung auf die Beine. Zum Festakt in der Lübecker Aegidienkirche kam Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Das Jubiläumsjahr zeigte die anhaltende Bedeutung des Autors: künstlerisch, intellektuell – und wirtschaftlich. Aber es war zugleich das letzte Jahr, in dem für seine Werke das Urheberrecht galt. Es erlischt nach deutschem Recht mit Beginn des Kalenderjahres, das auf den 70. Todestag eines Autors folgt. Thomas Mann starb 1955. 

Der Fischer-Verlag ging 2025 noch einmal in die Vollen. Er lieferte eine Thomas-Mann-Playmobilfigur, eine Buchausgabe seiner Rundfunkansprachen während der Nazi-Zeit, eine Neuausgabe aller wichtigen Romane und Erzählungen und fürs Weihnachtsgeschäft eine Luxusausgabe von Buddenbrooks mit Goldprägung für 68 Euro. Alle neun ARD-Rundfunkanstalten ließen auf ihren Kulturwellen Belletristik des Lübecker Nobelpreisträgers vorlesen, NDR Kultur präsentierte allein acht verschiedene Werke. Auch die Theater und Opernhäuser waren nicht untätig. Es gab insgesamt knapp zwanzig Thomas-Mann-Dramatisierungen, herausragend Buddenbrooks in Stuttgart und die Wiederaufnahme von John Neumeiers Ballett Tod in Venedig an der Hamburger Staatsoper. Für alles das kassierten Verlag und Erben noch Tantiemen. 

Seit dem 1. Januar aber dürfen Thomas Manns Texte ohne Erlaubnis oder Lizenzgebühren frei genutzt, vervielfältigt, bearbeitet und verbreitet werden. „Der Markt wird jetzt mit Thomas-Mann-Ausgaben überschwemmt“, sagt Marie Limbourg, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Buddenbrookhauses. Ein Blick in die Kataloge der Buchhandlungen bestätigt das: Allein Buddenbrooks ist als gebundenes Buch oder als Taschenbuch beim Insel Verlag, bei Reclam und bei mindestens zwei kleineren Verlagen erschienen. Dazu kommen E-Book-Ausgaben wie die von Kindle, die es für 99 Cent zu kaufen gibt, und kostenlose Downloads, zum Beispiel beim Projekt Gutenberg. 

Damit ist die wahrscheinlich profitabelste Vertragsbeziehung zwischen einem belletristischen Autor und einem Verlag in der Geschichte des deutschen Buchhandels zu Ende. Der Fischer-Verlag hat im Laufe von 128 Jahren mit Thomas Mann mehrere hundert Millionen Euro Umsatz gemacht. Alles begann im Jahr 1897. Damals schickte der 22-jährige Thomas Mann seine Novelle Der kleine Herr Friedemann, an Samuel Fischers Zeitschrift „Neue Deutsche Rundschau“. Anfang 1901 schlossen Fischer und sein junger Autor den Vertrag über Buddenbrooks, bei dem Thomas Mann die im Verlag üblichen 20 Prozent des Ladenpreises von 12 Goldmark erhielt. Das Buch war teuer, nach heutiger Währung über 90 Euro. Die Erstauflage betrug 1000 Exemplare. 

Zwischen 1897 und seinem Tod 1955 – also 58 Jahre lang – war Thomas Mann bei S. Fischer unter Vertrag. Er veröffentlichte in dieser Zeit acht Romane und dreißig Erzählungen. Und von den 1200 essayistischen Texten erschienen sehr viele spätestens in den fünf deutschsprachigen Gesamtausgaben als Buch. Die zehn Bände Tagebücher wurden 1975 geöffnet und in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts publiziert.

Verleger wie Autor machten mit diesem Vertrag ihr Glück. Buddenbrooks entwickelte sich nach Aussage des Verlages „zum Dauerbrenner mit Millionenauflage“. Der Zauberberg, die frühen Erzählungen, Tonio Kröger, Tod in Venedig, die vier Bände Joseph und seine Brüder und Doktor Faustus kamen dann jeweils auf über hunderttausend Exemplare Auflage, und lange nach seinem Tod auch die Tagebücher. 

Vom Kleinunternehmen wuchs der 1886 in Berlin gegründete S. Fischer-Verlag bis 1933 zum großen Mittelständler: Seine wichtigsten Autoren waren neben Thomas Mann Gerhard Hauptmann, Hermann Hesse und Hendrik Ibsen. Die ersten drei gewannen als Fischer-Autoren den Literatur-Nobelpreis. 1903 eröffnete Fischer einen eigenen Bühnenvertrieb. 1913 wurde der Vertrieb durch reisende Verlagsvertreter gestärkt. Die Beteiligung an einem Filmunternehmen wurde geprüft und verworfen. Dafür gab es ab 1920 eine Abteilung, die sich auf den Verkauf der Buchrechte ins Ausland spezialisierte. Devisen waren werthaltiger als die deutsche Währung und entsprechend begehrt. 

In den Jahren der Weimarer Republik stellte Samuel Fischer seine beiden Nobelpreisträger Mann und Hauptmann finanziell noch einmal besser als andere Autoren. Es gab großzügige Vorschüsse, Extraprämien. 1920 erhielt Thomas Mann eine Zeit lang 50 Prozent des mit seinen Büchern erzielten Nettogewinns (nach Abzug aller Kosten). 1930 wurde der dem Autor zustehende Prozentsatz vom Ladenpreis auf 25 Prozent festgesetzt. Dies war aber schon 1932 kaufmännisch nicht mehr zu rechtfertigen. Thomas Mann gab in seinen finanziellen Forderungen nach. Der Fischer-Verlag und sein bester Autor überstanden mit so einer durch gegenseitiges Verständnis geprägten Geschäftsbeziehung Inflation, Währungsverfall, politische und Wirtschaftskrisen. Trotz zweier Weltkriege und des Exils hielt die Beziehung das ganze Leben des Autors. Der Verlag prägte die Formel: Thomas Mann sei „immer zeitgemäß, weil er zeitlos ist“. Manns Erben profitierten dann bis Ende 2025 noch weitere 70 Jahre von der 1897 begründeten Vertragsbeziehung. 

Runde Geburtstage führten jeweils zu besonderen Anstrengungen der Marketing-Abteilung des Fischer-Verlages. Dann die Verfilmungen: Buddenbrooks ist vier Mal verfilmt worden, die anderen großen Romane und Erzählungen mindestens einmal, Felix Krull zwei Mal, nämlich 1957 und 2021. Der Verlag, zu seinen Lebzeiten Thomas Mann und danach die Erben verdienten immer mit. Luchino Visconti bezahlte zum Beispiel im Jahr 1970 für die Filmrechte seines Klassikers Tod in Venedig 72.000 US-Dollar. Es gibt Thomas Mann-Bearbeitungen fürs Schauspiel oder für Ballett, Radio-Lesungen oder Hörspielfassungen. 

Das nächste Thomas-Mann-Jubiläum steht schon in diesem Jahr an: 125 Jahre Buddenbrooks. Das Buddenbrookhaus hat für Ende Oktober dazu eine Ausstellung angekündigt. Für das Museum ändert sich nicht viel: Es musste für seine Ausstellungen ohnehin nie Tantiemen zahlen. Die Verwendung der Originaltexte fiel hier unter das Zitatrecht, das Ausnahmen vom Urheberrecht erlaubt. Aber das Zitatrecht gilt nicht für Merchandise-Produkte im Museumsshop. Bisher ging für jedes Thomas-Mann-Zitat, das auf eine Tasche oder einen Becher gedruckt war, ein kleiner Anteil des Verkaufspreises an Verlag und Erben. Das Auslaufen des Urheberrechts „bedeutet für uns mehr Freiheit und Flexibilität“, erklärt Ines Glück, Shopleiterin der Lübecker Museen. „Gerade zu Sonderausstellungen haben wir eigene Produkte. Und Zitate sind besonders beliebt.“