Fragmentierte Erinnerung und narrative Verfremdung im Roman

Victoria Amelinas „Ein Zuhause für Dom“ ist ein einfühlsames und dichtes Vermächtnis

Von Natalia Blum-BarthRSS-Newsfeed neuer Artikel von Natalia Blum-Barth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Roman Ein Zuhause für Dom erzählt Victoria Amelina von einer Familie, deren Geschichte untrennbar mit den politischen Umbrüchen der ukrainischen Geschichte verbunden ist. In der Überlagerung von privater Erinnerung, ideologischer Geschichtsschreibung und fragmentierter Erzählform entsteht ein literarischer Raum, in dem Schweigen ebenso beredt wird wie das Erzählen selbst. Der biografische Hintergrund von Victoria Amelina (1986–2023), die infolge eines russischen Raketenangriffs starb, verleiht dem Roman eine zusätzliche, beklemmende Aktualität.

Die erzählerische Entscheidung, die Ereignisse aus der Perspektive eines Hundes zu schildern, erweist sich als kunstvoller Verfremdungseffekt, der dem Roman eine eigentümliche Mischung aus Überraschung, Ironie und subversivem Humor verleiht. Diese Perspektivverschiebung eröffnet der Autorin eine Art Narrenfreiheit: Tabuisierte Aspekte der Familien- und Nationalgeschichte – die „weißen Flecken“ kollektiver Erinnerung – können ausgesprochen werden, ohne moralisierend oder pathetisch zu wirken. Der Hund fungiert dabei als naiver Chronist und zugleich als entlarvende Instanz, die das Verdrängte benennt.

Formal korrespondiert diese Erzählhaltung mit der fragmentarischen Struktur des Romans. Die Komposition aus zahlreichen kurzen Unterkapiteln erzeugt ein mosaikartiges Gefüge, in dem einzelne Episoden zunächst lose nebeneinanderstehen, sich jedoch im Verlauf zu einem vielschichtigen Gesamtbild verdichten. Der Roman rückt die Neuformierung einer ukrainischen Identität ins Zentrum. Die politischen Erschütterungen der jüngeren Geschichte, die Debatten um nationale Erinnerungskultur, schulische Curricula und Sprachpolitik sowie einschneidende Ereignisse wie die Flugkatastrophe von Sknyliv (2002) finden Eingang in die Erzählung, ohne in vordergründige Dramatisierung zu verfallen. Gerade durch die fragmentarische, scheinbar beiläufige Anordnung der Episoden gewinnen diese Themen an nachhaltiger Wirkung: Sie erscheinen nicht als isolierte Erzählstränge, sondern als ineinander verwobene Schichten eines kollektiven Gedächtnisses, das sich erst allmählich zu erkennen gibt.

Obwohl der Pudel Dom als Erzählinstanz das Geschehen dominiert, schafft die Autorin mit der Figur des alten Oberst Ivan Zilyk einen lange vermissten Protagonisten innerhalb der postsowjetischen Erinnerungsliteratur: den überlebenden Großvater. Während in zahlreichen deutschsprachigen wie osteuropäischen Texten über Krieg, Verschleppung und Flucht zumeist die Großmütter als letzte lebende Zeuginnen präsent sind und die Großväter im Krieg gefallen oder aus der Familiengeschichte getilgt erscheinen, rückt hier ein Patriarch ins Zentrum, der überlebt hat – und gerade deshalb verstummt ist. Der Oberst ist das Oberhaupt der Familie, eine autoritäre Figur, der man in der Nachbarschaft zugleich mit Abneigung begegnet. Als Pilot hat der Oberst militärische Ehren erworben; die Autorin bindet hier mit dem geheim gehaltenen Einsatz sowjetischer Piloten im Koreakrieg (1950-1953) behutsam ein lange tabuisiertes Kapitel sowjetischer Geschichte ein. Das auf dem Gartengrundstück des Oberst abgestellte MIG-Flugzeug fungiert als stummes Erinnerungsobjekt, als materielles Relikt einer Vergangenheit, die öffentlich nicht existieren durfte.

Die Sprachlosigkeit prägt auch Zilyks Verhältnis zur eigenen Familiengeschichte. Selbst im Angesicht des Todes, als die Familie vollständig versammelt ist und die ältere Enkelin mit einem Neugeborenen heimkehrt, vermag er nicht auszusprechen, dass er während der Hungersnot seine Brüder und seine Schwester verlor und als Einziger überlebte. Ebenso unaussprechlich bleibt die Erinnerung an die Mutter, die am Verlust ihrer Kinder zerbrach. Die entscheidenden Informationen werden lediglich indirekt vermittelt – durch die emotional-surrealen Imaginationen des Pudels, der sich mit dem alten Mann identifiziert und die Vision eines ausgehungerten Hundes heraufbeschwört, der einst aus dem Wald zurückkehrte und dem Jungen vermutlich das Leben rettete. Die Autorin lässt diese Episode bewusst in der Schwebe; sie verweigert die eindeutige Auflösung und überträgt die Deutungshoheit den Leserinnen und Lesern.

Gerade in dieser narrativen Zurückhaltung liegt die literarische Stärke der Figur. Ivans Unfähigkeit, die eigene Geschichte zu verbalisieren – eine Geschichte, die auf Anraten eines Lehrers ideologisch überformt und verfälscht wurde – verweist auf die tiefen Traumata und Schuldgefühle jener Menschengruppe, die die Sowjetunion aufbaute und zugleich ihre privaten Verluste dem staatlichen Narrativ unterordnen musste. Am Oberst zeigt die Autorin eindringlich die innere Zerrissenheit einer historischen Generation, die zwischen heroischer Selbstinszenierung, erzwungener Verdrängung und brüchiger Erinnerung gefangen bleibt.

Die emotionale Identifikationsfigur des Romans ist zweifellos die jüngere Enkelin Marusja. Als Kind erblindet, erschließt sie sich die Welt über Jahre hinweg jenseits des Sehens – und gerade in dieser Einschränkung liegt ihr poetisches Potenzial. Die Autorin stattet sie mit deutlich mythisch-archaischen Attributen aus und rückt sie damit in die Nähe einer Seherfigur, deren Erkenntnis nicht aus äußerer Anschauung, sondern aus innerer Imagination erwächst. Marusjas Schlafplatz – eine geheimnisvolle, von den Vorbesitzern zurückgelassene Truhe – erhält symbolische Dichte: Die verschlossene Lade fungiert als Chiffre einer verborgenen Vergangenheit, als Speicher familiärer und historischer Geheimnisse. Dass dem Mädchen der Schlüssel verweigert wird, verweist auf die strukturelle Ausgeschlossenheit der jüngeren Generation vom Wissen um die eigene Geschichte.

Doch Marusja reagiert auf dieses Verbot nicht mit Resignation, sondern mit schöpferischer Aneignung. Sie erschafft sich eine Welt, die nicht an die sichtbare Realität gebunden ist. Anders als die ältere Generation, die an verdrängten Erinnerungen und ideologischen Narrativen erstarrt, verkörpert Marusja das Potenzial einer offenen, nicht vorbestimmten Wahrnehmung. Gerade in dieser poetischen Gegenwelt wird sie zur Sympathieträgerin des Romans. Ihr „deplatziertes“ Lächeln, ihre eigentümliche Entrücktheit und ihre unbeirrbare Vorstellungskraft verleihen ihr eine stille Aufrichtigkeit.

Aus einer gendersensiblen Perspektive offenbart die Figurenkonstellation des Romans ein deutliches Ungleichgewicht. Die männlichen Figuren erscheinen überwiegend als instabile, ihrer Verantwortung ausweichende Existenzen: als Ehemänner, die ihre Frauen mit Kindern zurücklassen, sich ins Ausland absetzen oder in den Grauzonen von Kriminalität und Schattenwirtschaft ihr Auskommen suchen. Männlichkeit wird hier nicht heroisch, sondern defizitär modelliert – als brüchige, häufig gewaltförmige Identität, die im gesellschaftlichen Umbruch ihre moralische Orientierung verliert.

Demgegenüber stehen die Frauenfiguren, die – oft wider Willen – zu Trägerinnen des Alltags und der Kontinuität werden. Sie sichern den Lebensunterhalt, versorgen die Kinder und organisieren das familiäre Überleben in prekären Verhältnissen. Dabei idealisiert der Roman sie keineswegs. Auch problematische Facetten wie Alkoholabhängigkeit oder emotionale Selbstbezogenheit werden sichtbar, etwa in der Figur der Großmutter Wira. Die Autorin skizziert diese Charaktere mit lakonischer Präzision: beiläufig eingeführt, gewinnen sie dennoch eindringliche Kontur und verleihen dem Text eine bemerkenswerte soziale Tiefenschärfe.

Der Roman zeichnet ein vielschichtiges Panorama weiblicher Existenzformen zwischen Überforderung, Anpassung und Eigensinn. Die geschlechtsspezifische Asymmetrie wird nicht programmatisch verhandelt, sondern erzählerisch vorgeführt – als soziale Realität, die sich in individuellen Biografien sedimentiert. Gerade in dieser unaufdringlichen, doch konsequenten Darstellung liegt eine der großen Stärken des Textes: Er zeigt, wie sehr private Lebensentwürfe von historischen und ökonomischen Machtverhältnissen durchzogen sind – und wie Frauen inmitten dieser Kräfte zu zentralen Akteurinnen familiärer und gesellschaftlicher Stabilisierung werden.

Der bereits hervorgehobene humorvolle, zugleich einfühlsame und stellenweise ins Surrealistische gleitende Stil der Autorin ist in der deutschen Übersetzung in bemerkenswerter sprachlicher Präzision eingefangen. Jutta Lindekugel erbringt hier eine beeindruckende übersetzerische Leistung: Rhythmus, Ironie und jene feinen Tonverschiebungen zwischen Lakonie und Tragik bleiben auch im Deutschen spürbar.

Ein Zuhause für Dom ist ein Werk, das nicht nur Einblicke in die wechselvolle Geschichte der Ukraine bietet, sondern vor allem in die seelischen Landschaften der Menschen, die diese Geschichte tragen mussten. In den vielschichtigen Porträts der Figuren verdichten sich Mentalität, Überlebensstrategien und innere Widersprüche einer Gesellschaft im Umbruch. So eröffnet der Roman dem deutschen Publikum nicht nur historisches Wissen, sondern ein empathisches Verstehen. Er macht erfahrbar, wie tief Gegenwart in Vergangenheit wurzelt – und wie sehr heutige Haltungen aus jahrzehntelang verschütteten Erfahrungen gespeist werden. Er bleibt als literarisches Vermächtnis einer Autorin, deren Stimme verstummt ist – und gerade deshalb umso eindringlicher nachhallt.

Titelbild

Victoria Amelina: Ein Zuhause für Dom.
Aus dem Ukrainischen von Jutta Lindekugel.
Akademische Verlagsbuchhandlung Friedrich Mauke, Jena 2025.
503 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783948259235

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