Reparierendes Erzählen

Carla Bessas Roman „tage leben“ erinnert an zwei Entführungen in Brasilien und verarbeitet ein kollektives Trauma

Von Martina KopfRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martina Kopf

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit tage leben legt die in Brasilien geborene Autorin Carla Bessa ihren ersten auf Deutsch erschienenen Roman vor – einen Text von großer formaler Konsequenz, der sich jeder einfachen Gattungszuordnung entzieht. Bereits die den Roman einleitenden Zeilen „zwei tage waren es / zwei leben in zwei tagen / zwei tage / leben waren es“ verweisen auf die Leitmotive und die Poetik des Romans: tage leben ist ein lyrisches Fragment, in dem zwischen zwei realen Gewaltverbrechen, die zeitlich nah beieinander liegen, ohne kausal miteinander verbunden zu sein, immer wieder Parallelen gezogen werden.

Am 12. Juni 2000 entführte der 21-jährige Sandro do Nascimento einen Bus in Rio de Janeiro – ein Ereignis, das sich medial ins kollektive Gedächtnis Brasiliens eingeschrieben hat, denn ein großer Teil der Bevölkerung verfolgte das Attentat über das Fernsehen. Am Tag darauf wird der Bruder Carlos der Erzählerin entführt und ermordet; Täter und Tatmotiv bleiben bis heute allerdings unbekannt. Bessa verbindet diese beiden Ereignisse durch eine experimentelle, vielschichtige Erzählweise, die unterschiedliche Perspektiven, Zeiten und Textsorten miteinander verschränkt.

Die Erzählerin befindet sich im Jahr 2024 in Berlin, sitzt in der Staatsbibliothek und versucht, den Tod ihres Bruders schreibend zu verarbeiten. Ihre Stimme changiert zwischen einem „ich“ und einer distanzierten dritten Person („DIE ERZÄHLERIN“), zwischen Nähe und Selbstbeobachtung. Schließlich bricht sie nach Rio de Janeiro auf – an den Ort der Taten und zugleich Schauplatz der zwei individuellen Geschichten von Sandro und Carlos. Beide Lebensläufe werden parallel erzählt, immer wieder durchzogen von Knotenpunkten, an denen sich Stimmen, Erinnerungen und Motive spiegeln – so zum Beispiel in Form von missglückten Kontaktaufnahmen per Telefon mit den jeweiligen Müttern.

Formal ist tage leben konsequent genreübergreifend. Lyrische Passagen wechseln mit prosaischen Erzählabschnitten, Dialoge stehen neben essayistischen Reflexionen. Der Text ist – mit ein paar Ausnahmen – vollständig in Kleinschreibung gehalten, verzichtet häufig auf Satzzeichen und erzeugt so eine atemlose, drängende Rhythmik. Wiederholungen, Alliterationen, Fett- und Kursivdruck sowie Großbuchstaben – etwa bei Begriffen wie „DIE LEBENDE MUTTER“ – setzen semantische Akzente. Stellenweise erinnert der Roman an ein Theaterstück: Zu Beginn findet sich eine Aufzählung der „Personae“ sowie ein „Praeskriptum“, das sachlich über die Busentführung und den Mord an Bessas Bruder informiert.

Eine zentrale Rolle spielen eingefügte Zeitungsausschnitte aus Medien wie die brasilianische Zeitung O Globo sowie Kapitel mit dem Titel „medienchor“. Diese Passagen übernehmen eine Funktion, die tatsächlich an den Chor im antiken Drama erinnert: Sie vermitteln, kommentieren, strukturieren und machen sichtbar, wie Gewalt durch mediale Wiederholung erzählt, verzerrt und verarbeitet wird. Der Roman reflektiert damit nicht nur individuelles, sondern auch kollektives Trauma.

Besonders eindrücklich ist, wie Bessa die Nähe zwischen „Täter“ und „Opfer“ sucht und dabei einen anklagenden Tonfall vermeidet. Sandro, ein Straßenkind, das seine Mutter früh verlor, auf der Straße lebte, Drogen konsumierte und das Candelária-Massaker überlebte – bei dem acht Straßenkinder von einer Todesschwadron ermordet wurden –, erscheint selbst als zutiefst traumatisierte Figur. In einer imaginierten Szene lässt Bessa Sandro und Carlos im Jahr 1988 kurz aufeinandertreffen: der eine im Auto auf dem Weg zum Supermarkt, der andere an der Ampel, Süßigkeiten verkaufend, Schusterleim schnüffelnd.

Wie schon in Bessas Erzählband Urubus (Aasgeier) – auch im Roman spielen die Totenvögel eine symbolische Rolle – geht es um das Sichtbarmachen verborgener Verbindungen zwischen Einzelschicksalen, die sich zu einem größeren Bild einer traumatisierten brasilianischen Gesellschaft fügen. Entscheidend ist dabei die Weigerung, Täter und Opfer schematisch zu trennen. Erst das Zusammenführen beider Perspektiven, so legt der Roman nahe, ermöglicht eine Verarbeitung. Schreiben wird also zu einem „reparierenden Erzählen“, zu dem Versuch, erzählerisch einen Raum zu öffnen, in dem Trauma ausgehalten und weitergedacht werden kann.

Am Ende reflektiert tage leben explizit über Gedächtnis, über „falsche Erinnerungen“ und die Unzuverlässigkeit des Erinnerns. Mit einem Zitat der brasilianischen Autorin Clarice Lispector – „Solange ich Fragen habe, für die es keine Antworten gibt, werde ich weiterschreiben“ – formuliert der Roman sein eigenes poetologisches Credo. Carla Bessas Roman stellt keine Fragen und sucht keine Antworten, sondern findet auf der formalen Ebene einen Ausdruck für das Unfassbare. Gerade darin liegt seine literarische Stärke.

Titelbild

Carla Bessa: tage leben.
Rohstoff (Matthes & Seitz Berlin), Berlin 2025.
220 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783751870283

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch