So politisch war das Private

In seinem letzten Roman „Die Frau an der Bushaltestelle“ rechnet Peter Schneider noch einmal mit seiner Generation, den Achtundsechzigern, ab

Von Günter RinkeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Günter Rinke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es beginnt wie eine gewöhnliche, oft gelesene oder in Filmen gesehene Liebesgeschichte, und zwar in Gestalt einer Dreiecksbeziehung: die schöne Isabel zwischen dem Ich-Erzähler Sebastian und dessen bestem Freund Nick, der eigentlich Nicolas Nürnberger heißt. Stattgefunden hat diese Geschichte in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und begonnen hat sie kurz vor der bewegten Zeit, die mit der Chiffre ʼ68 bezeichnet wird. Noch einmal kehrt Peter Schneider schreibend in die Zeit zurück, in der er, schon damals nicht mehr ganz jung, ein führender Kopf der Studentenbewegung war. Seine berühmteste Rede, die er Anfang Mai 1967 in der FU Berlin hielt, ein rhetorisches Glanzstück, trägt die Überschrift Wir haben Fehler gemacht. Die Fehler bestanden darin, dass die studierende Jugend sich bislang ohne Widerspruch den herkömmlichen, auf „Ruhe und Ordnung“ zielenden Regeln unterworfen hat. Damit sollte es nun ein Ende haben. Das Thema wird in seinem neuen Roman wieder aufgenommen. 

Um es vorwegzunehmen: Dieser Roman entwickelt vor allem in der zweiten Hälfte einen Sog, der es schwer macht, das Buch wieder wegzulegen. Das liegt nicht nur am Stoff, der zunehmend vielschichtig entfaltet wird, sondern auch daran, dass hier ein versierter Erzähler am Werk ist, der nicht einfach drauflos erzählt, sondern sein Schreiben immer wieder reflektiert und zu beglaubigen versucht. Eine Ich-Erzählung kennt eigentlich nur die Perspektive der Ich-Figur; sie kann nur überschritten werden, wenn die Ebene wechselt, etwa indem der Bericht einer anderen Figur eingeschoben wird. Wenn hier über weite Passagen die Geschichte von Nick und Isabel erzählt wird, fragt man sich: Woher weiß der Ich-Erzähler, der nicht dabei war, das alles? Blättert man noch einmal zurück, findet man in Kapitel 1 die erzähltechnische Erklärung: „Und was ich von der schönen und schrecklichen Geschichte von Isabel, Nick und mir nicht selbst erlebt habe, das habe ich erfunden.“ Solche erzählerische Redlichkeit ist in der Literatur nicht selbstverständlich. 

Kurz vor dem Ende des Romans findet sich ein „Zwischenstück“, in dem der Ich-Erzähler gesteht, dass er „von der Notwendigkeit (dieses Buchs) nie ganz überzeugt“ gewesen sei. Nun aber, nachdem er eine gewisse Szene erlebt habe, müsse er es zu Ende bringen. „Wenn auch nur, um zu zeigen, wie sehr sich ein Leser, aber auch ein Autor täuschen kann, wenn ihm eine entscheidende Szene vorenthalten bzw. verheimlicht wird.“ Die Unsicherheit, die Autor und Lesende gemeinsam haben, wird allerdings auf den nachfolgenden Seiten nur zum Teil aufgelöst. So wird der Erzählvorgang als Suche enthüllt und der Roman als ein plastisches, unfertiges Gebilde vorgeführt – auch wenn das letzte Wort ein fast trotziges „ENDE“ ist. 

Der Anfang klingt wie der Beginn eines modernen Märchens. Im Vorbeifahren trifft Nick die Liebe wie ein Blitz, als er ein wunderschönes Mädchen an einer Bushaltestelle stehen sieht. Obwohl er sofort anhält, um sie anzusprechen, entgeht sie ihm, weil gerade ihr Bus kommt. Die Wahrscheinlichkeit, dass er sie wiedersieht, ist gering – aber im Märchen ist ein Wiedersehen nicht nur nicht ausgeschlossen, sondern so gut wie sicher. Da sich die Bushaltestelle vor der Amerikabibliothek in Westberlin befindet, ist sogar die konkrete Möglichkeit einer Wiederbegegnung gegeben. Nicks Angebetete arbeitet in einem Aushilfsjob in der Bibliothek, er kann sie am Tresen ansprechen. Aus den ersten Treffen entwickelt sich eine feste Liebesbeziehung. Die beiden ziehen in eine gemeinsame Wohnung, reisen zusammen und sind eine Zeit lang ziemlich glücklich. 

Inzwischen hat Isabel auf einer Party auf der Pfaueninsel, bei der sich vor allem Schnösel mit Adelsnamen versammeln, Sebastian, den Ich-Erzähler, kennengelernt. Der ist als potentieller Firmenerbe dort eingeladen, fühlt sich aber nicht besonders wohl. Ebenso wie Isabel, die ihn bittet, sie wegzubringen. Es stellt sich bald heraus, dass sie in Sebastian keinen Liebhaber, sondern einen Gesprächspartner sucht. Ihr schwebt eine Art Arbeitsteilung vor: Nick soll der Mann fürs Bett sein, Sebastian der Freund und Vertraute, mit dem sie sich im Café trifft, um Probleme zu besprechen. Wohl oder übel fügt er sich in diese Rolle, im Stillen hoffend, dass sich das Blatt noch zu seinen Gunsten wenden werde. 

Beide Männer kommen sich nur zögernd näher, denn sie repräsentieren sozial und mental unterschiedliche Typen. Nick ist ein Möchtegern-Künstler, der zwar schon ein Gedichtbändchen mit dem Titel „Anrufungen“ veröffentlicht hat, im Übrigen aber auf seinen Durchbruch mit einem Theaterstück wartet. Sebastian sympathisiert zwar ebenso wie Nick mit der aufkommenden Jugendrevolte, hat aber als Sohn aus reichem Hause keine Geldsorgen, fährt einen Sportwagen, der Nick zu einer abfälligen Bemerkung veranlasst, und wird später sein Jurastudium abschließen und heiraten. Während Nick sich bald politisch radikalisiert, bleibt Sebastian angesichts revolutionärer Parolen skeptisch. Es gelingt ihm sogar, ein Zerwürfnis mit seinem Vater wegen dessen möglicher Beteiligung an NS-Verbrechen beizulegen. 

Während die westdeutsche Jugend nicht zuletzt wegen der NS-Vergangenheit, die allmählich ins öffentliche Bewusstsein drang, rebellisch wurde, verhielt es sich bei den jungen Leuten in der DDR anders. Schneider zeigt dies am Beispiel von Isabel, die kurz vor dem Mauerbau in den Westen gekommen ist. Sie versteht das „Grundmisstrauen gegen das eigene Land“ nicht, das sie auch bei Nick beobachtet. Stattdessen gilt ihre Wut „der immer noch existierenden zweiten Diktatur, die im Namen des Antifaschismus errichtet worden war.“ Zwar hat sie über die Nazidiktatur in der Schule mehr erfahren als Nick, aber nur aus einer bestimmten Perspektive und unter Aussparung derjenigen Fakten, die nicht zur Staatsideologie passten. Hassen gelernt hat sie diesen Staat nach ihrem ersten ‚Ausflug‘ in den Westen, von dem sie in die DDR zurückgekehrt ist. Die junge Frau wurde als freiwillige Rückkehrerin nicht mit offenen Armen empfangen, sondern für Wochen interniert, immer wieder verhört und mit dem Angebot konfrontiert, zu guten Konditionen für die Staatssicherheit zu arbeiten. 

Isabel ist schwanger in den Westen gekommen, gab ihr Kind dann weg und scheitert nun dabei, sich eine Existenz im Westen aufzubauen. Zu diesem Scheitern trägt Nick wesentlich bei. Ihr Abgleiten in den Terrorismus wird aber hauptsächlich damit erklärt, dass sie sich dem Einfluss der älteren Katharina nicht entziehen kann. Die wiederum ist mit dem gewaltaffinen Orlando verbunden, der entschlossen den Weg in den Untergrund geht und andere dabei mitzieht. Modelle für diese beiden Figuren dürften Ulrike Meinhof und Andreas Baader sein. 

Was Peter Schneider bis heute umtreibt, ist die Frage, aus welchen Gründen die Studentenbewegung sich ideologisierte und radikalisierte und wie es zu den Auswüchsen des RAF-Terrorismus kommen konnte. Hatte er sich in seinem schon früh als ‚Kultbuch‘ gehandelten Erstling Lenz (1973) mit der Frage beschäftigt, weshalb die politisierten Studenten höchst eloquent über Klassenfragen und Weltpolitik, aber nicht über ihre eigenen Gefühle reden konnten, so kreisen jetzt seine Überlegungen um Zusammenhänge zwischen dem Privaten und Politischen vor dem Hintergrund allgemeiner geschichtstheoretischer Erwägungen. So schreibt er: „Fast nichts, was in einer kleinen oder in der großen Geschichte des Lebens geschieht, hätte so kommen müssen, wie es kam.“ Und weiter: „Aus einem Grund, den ich nicht kenne, entscheidet sich das reale Leben in der kleinen wie der großen Geschichte ziemlich häufig für deren ungünstige Version.“ 

Was wäre 1967 passiert, hätte man schon damals gewusst, dass der Todesschütze Kurras, der Benno Ohnesorg auf dem Gewissen hatte, im Dienst des Ministeriums für Staatssicherheit stand? Ich bin mir nicht sicher, ob Peter Schneider damit recht hat, dass sich dann die Wut der Studenten gegen die DDR gerichtet hätte. Das scheint mir eher eine Vermutung aus heutiger Sicht zu sein. Auch ist nicht sicher, ob ein anderes Verhalten des Berliner Senats, der den Demonstranten die Schuld an der Eskalation zuschieben wollte, die protestierenden jungen Leute milder gestimmt hätte. Es ist jedenfalls interessant, die Gedanken eines Veteranen der „Bewegung“ – zu Recht setzt er sich kritisch mit dieser Bezeichnung auseinander – zu diesen Fragen zu lesen. 

In einer Art Epilog wird die Geschichte zwischen Nick und Sebastian, der inzwischen in New York als erfolgreicher Anwalt für indigene Minderheiten tätig ist, weitererzählt. Ausgelöst wird die Suche des Ich-Erzählers nach Nick, mehr als fünfzig Jahre nach dem Abschied, durch eine skurrile Zufallsbegegnung in einer Berliner Szenekneipe. Es ist die Szene der altgewordenen Achtundsechziger, die Schneider mit seinem Spott überzieht. In der Kneipe, die er lange nicht betreten hatte, ist alles so wie in den Siebzigerjahren, nur dass die Plakate an den Wänden jetzt „den derzeitigen linken Konsens“ wiedergeben, der eine ‚grüne‘ Tendenz hat. Hier trifft Sebastian eine alte Freundin Isabels, die weiterhin das bekannte Vokabular aus dem „bewaffneten Kampf“ benutzt. Als Leser stutzt man zunächst, wenn Sebastian, bevor er sich schleunigst verabschiedet, einen „Fünfzigmarkschein“ auf den Tisch wirft. Hat er sich in der Zeit vertan? Es muss wohl eher Ironie sein, die ihn dabei leitet. In einer solchen Umgebung hätte ein Fünfzigeuroschein deplatziert gewirkt.

Nun ist Peter Schneider im Alter von 85 Jahren gestorben. So ist dieser schöne, zum Nachdenken anregende Roman unerwartet zu seinem Vermächtnis geworden.

Titelbild

Peter Schneider: Die Frau an der Bushaltestelle. Roman.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025.
320 Seiten, 25,00 EUR.
ISBN-13: 9783462005905

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