Pop Art, Popos und Polizisten im Florenz der Spätrenaissance
Laurent Binets historischer Kunstkrimi ‚Perspektiven‘ schlägt über die Stränge
Von Bernd Blaschke
Laurent Binet ist ein ausgezeichneter Schriftsteller. Und er ist das in vielerlei Hinsicht. Der ehemalige Geschichtslehrer und Literaturdozent, 1972 geboren, hatte nicht nur in Frankreich, sondern auch in Prag Geschichte studiert. Seine Erzählwerke, die meist mit realen historischen Personen fiktionale Szenarien durchspielen, wurden vielfach ausgezeichnet. Binets Debütroman HHhH. Himmlers Hirn heißt Heydrich wurde 2010 mit dem Prix Goncourt du Premier Roman prämiert. Seine fantasievoll über die Stränge schlagende Theorie-Groteske im Milieu der French Theory, Die siebte Sprachfunktion, erhielt 2015 den Prix Interallié sowie den Prix du Roman FNAC. Und für Eroberung erhielt der Schriftsteller 2019 den Grand Prix de l‘Académie française; es handelt sich um eine alternative Weltgeschichte, in der Amerika schon im Jahr 1000 ‚entdeckt‘ wurde und seinerseits Europa um 1500 unterwirft und kolonialisiert.
Der nun hier zu besprechende Kunstgeschichtskrimi Perspektiven, verfasst in aparter Briefromanform, trug dem Erfolgsverwöhnten weitere, wiewohl weniger bedeutende französische Auszeichnungen ein: den Prix Naissance d’une œuvre und den Prix du roman historique. Wie schon die letzten Romane wurde auch Perspektiven von Kristian Wachinger in ein schönes, gut weglesbares Deutsch übersetzt. Der flotte, fingierte Briefwechsel geht runter und entfaltet einen Lesesog, bei dem man jedoch ab und zu ins Taumeln kommt – und sich ein zunehmend mulmiges Gefühl einstellt. Denn Binets historisch erflunkerter Plot trägt, ebenso wie die seinen Figuren in den Mund (vielmehr: die Feder) gelegte Sprache, einfach arg dick auf. Und das stößt, gerade wenn man ein Faible für Kunstgeschichte und das Florenz der Renaissance hat, dann manchmal einfach unangenehm auf..
Möchte dieser Mitte des 16. Jahrhunderts im Florentiner Künstlermilieu spielende Krimiplot mit unrealistischen Übertreibungskünsten und seiner Popsprache ironisch genossen werden? Soll man den sensationalistisch trötenden Sex-and-Crime-Plot als manieristischen Krimi bestaunen – gleichsam als erzählerische Analogie zu den bonbonfarbenen Bildern von Muskelkörpern, wie sie Michelangelo Buonarroti und Jacopo da Pontormo malten? Das mag so intendiert sein. Freilich wirkt es angesichts unserer historischen Distanz zum Geschehen doch arg heutig, eher marktschreierisch als kunstsinnig. Doch um Kunst und die Sinne dreht sich die Handlung dieses historischen Romans durchweg.
Ob es wirklich eine ausgezeichnete Idee war, einen Krimi, der im Kunst- und Politikmilieu des Florenz der Medici spielt und dessen Figuren weitgehend historisch verbürgte Persönlichkeiten sind, aus der imaginierten Korrespondenz dieser Maler, Malergehilfen, Kleriker, Fürstenfamilien und Kriegsherren zu komponieren, sei einmal dahingestellt. Worum geht es? Ohne zu spoilern wollen wir das Ensemble der Briefeschreiber, die sich bemühen, Licht ins Dunkel um den Todesfall des Malers Pontormo zu bringen, kurz umreißen. Der herrschende Herzog von Florenz, Cosimo di Medici, verkörpert den Machtpol, sein Kunstaufseher und Baumeister Giorgio Vasari (der zudem nebenbei als Begründerfigur neuzeitlicher Kunstgeschichtsschreibung wirkt) operiert an der Schnittstelle von politischer Staatsmacht und Kunstbetrieb. Des Herzogs Gattin Eleonora und seine älteste, zu verheiratende Tochter Maria bringen weibliche Interessen und Gefühle ins Staatsgetriebe. Zwei vom fundamentalistischen Prediger, Kunstfeind und Bilderstürmer Girolamo Savonarola inspirierte Klostervorsteherinnen verkörpern eine andere weibliche und theologische Perspektive auf die leidenschaftlich debattierten Kunstfragen. Mit den Exilflorentinern Catherine di Medici, Gemahlin des französischen Königs Heinrich II. und dem Politikunternehmer Piero Strozzi erweitert sich das Spielfeld der Intrigen ins Internationale. Und mit dem Schüler des ermordeten Malers, Agnolo Bronzino, dem längst nach Rom abgewanderten Kunstsuperstar Michelangelo und dem Abenteurer, Bildhauer und Goldschmied Benvenuto Cellini werden weitere bedeutende Künstler der Zeit ins turbulente Geschehen verwickelt. Dabei ist das noch längst nicht das gesamte Arsenal der Figuren, die hier in Briefen zu Wort kommen, ihre je spezifischen Perspektiven auf die Ereignisse darlegen und so Binet Gelegenheit geben, ein sozialgeschichtliches Panorama der Zeit hinzutupfen.
In den hin- und herfliegenden Briefen versteht es der französische Romancier durchaus, unterschiedliche Ansichten der Renaissancekünstler eloquent darzulegen. Zitieren wir zur Veranschaulichung des Binet Sounds vom Ende des Buches aus einem Brief Pontormos an Michelangelo, in dem die Ansprüche und Anstrengungen des jahrelang in harter Arbeit Fresken in feuchten Putz malenden Künstlers zum Ausdruck kommen – und sein Ärger mit den Politikern:
Verfluchte Medici! Der Herzog gibt und nimmt. Ist solch ein Benehmen eines Fürsten würdig? Elf Jahre meines Lebens habe ich damit verbracht, seine Kirche auszuschmücken. Er wird keine zwei Jahre damit warten, alles zu zerstören, ich schwöre es, und wenn er es nicht tut, dann seine Nachkommen, denn diese Familie betrachtet Florenz nun als ihr Privateigentum.[…]. Doch was wissen diese Leute über die Mühe dessen, der arbeitet? Über die Leiden des von der Kunst ermatteten Leibes? Weiß Gott eher Stumpfsinn als Lebenserfüllung! Vermessen, die Dinge der Natur nachahmen zu wollen mit Farben, die sie echt wirken lassen, oder sie sogar zu verschönern, um die Arbeiten reich und voller verschiedener Dinge in strahlendem Licht zu schmücken, die Nächte mit Feuer und anderen ähnlichen Lichtquellen, Himmel, Wolken, Landschaften in Nähe und Ferne, Wohnstätten in unterschiedlichen Perspektiven, Tiere aller Art in verschiedensten Farben, und alle Dinge, die sich inszenieren lassen, wie es die Natur nie vollbringt…
Diese Mischung aus kunsthistorischem, dialogisch aufbereitetem Renaissance-Basiswissen und grell geschminkter Räuberpistole ist ein so süffiger wie womöglich problematischer Cocktail. Sie mundet im zunehmenden Verlauf der Lektüre doch etwas schal, wirkt etwas künstlich aufgeschäumt, überkandidelt. Der Verdacht regt sich, dass wir es hier mit erfolgshungrigem Bildungskitsch zu tun haben könnten. Laurent Binet hat sein Krimi-Gebilde freilich originell gefügt und kunstfertig als aktionsreichen Briefroman montiert. So wird die klassische „Whodunit“-Verbrecherjagd nach eingangs konstatiertem Todesfall zu einer kollektiven Rätselraterei, zur gemeinsamen Suche nach dem Mörder und seinem Motiv. Wobei Binet eben nicht einen einzelnen Detektiv ermitteln lässt. Vielmehr wird diese Recherche, eingebettet in eine geläufige Rahmenerzählung vom spektakulären Antiquariatsfund eines wohlgeordneten Korrespondenzkonvoluts aus der Spätrenaissance, der wissbegierigen Leserin übertragen. So werden die Lesenden, Spuren und Indizien sammelnd und abwägend, gleichsam selbst zu Detektiven. Das ist anregend und trägt erheblich zur Ankurbelung des Lesesogs bei.
Seinem so vieldeutigen wie trefflichen, weil gewissermaßen perspektivenreichen Titel ‚Perspektiven‘ wird der Roman durchaus gerecht. Denn er streift nicht nur die in der Renaissance erfundene malerische Technik der optisch konstruierten Zentralperspektive; als Briefroman präsentiert er erzähltechnisch eine Vielzahl von Stimmen sowie ihre jeweilige (beschränkte wie interessengeleitete) Sicht aufs Geschehene. Dabei geht es nicht nur um das Leben und Werk Pontormos, sondern es kommen ganz unterschiedliche gesellschaftliche Interessen und Problemlagen in den Blick: die Macht- und Hochzeitspolitik des Herzogs; die Intrigen der aus Florenz stammenden französischen Königsgemahlin Catarina di Medici und des Exilanten Piero Strozzi sowie die theologischen wie ästhetischen Richtungswechsel und Konflikte, die in der Spätrenaissance um die richtige Lebensführung und Bildpolitik tobten.
Binet montiert in den Polylogen seiner Briefeschreiber kluge und interessante Miniatur-Abhandlungen zu Techniken und Intentionen der Künstler wie auch der Kriege führenden und Intrigen spinnenden Machtpolitiker. Man kennt diese Zuschreibung der Geburt starker Individualitäten seit Jacob Burckhardts Rekonstruktion einer brodelnd lebendigen und produktiven Florentiner Renaissance. So zeichnet Laurent Binet ein Florenz, seinerzeit der Hotspot der zivilisatorischen Entwicklung, welches von massiven sozialen Gegensätzen durchwirkt war; eine Stadt im Kulturkampf wie im Kampf um territoriale Expansion – oder Untergang durch ausländische Großmächte.
Allerdings formulieren Binets Briefschreiber in ihren geschickt erflunkerten Briefen weithin derart heutig, dass man nicht wirklich das Gefühl hat, in eine ferne Zeit zu springen. Der historisch Geneigte lässt sich nur widerwillig mitreißen in die von reichlich Genies, Intrigen und Erfindungen geprägte Szenerie der toskanischen Kunstmetropole. Und er achtet beim Lesen zunehmend skeptisch auf mehr oder weniger plausible Geschichtsdetails. So eröffnet sich, bei entsprechender Veranlagung, beim Lesen gleichsam eine zweite Ebene des detektivischen Sherlockholmesing (James Joyce), indem man nach Unstimmigkeiten im historischen Konstrukt fahndet. So fällt beispielsweise ins Auge, wie schnell die stets datierten Briefe hin und her flitzen im Zeitalter der Pferdepost. Die Briefbeförderungen binnen knapp drei Tagen von Florenz nach Rom mögen damals im Idealfall erreicht worden sein. Doch wenn nach weniger als einer Woche in Florenz eine Antwort auf einen in Paris abgeschickten Brief verfasst wird, dann stimmt das mit den historischen Postlaufzeiten schlicht nicht überein. Hier wie in anderen Gebieten erliegt Binet wohl seinem Hang zur Verdichtung, zur Drastik und Beschleunigung, kurzum: zur Verführung durch einen allzu heutigen Drive. Der ausgezeichnete Autor neigt zur Überzeichnung.
Unterhaltsam ist dies alles, zugegeben! Wie es sich gehört, ist der Täter ein/e überaschende/r Kandidat/in (und wird hier natürlich nicht verraten). Der Roman erfreut sich übrigens einiger Aufmerksamkeit in Deutschland. Besonders niederschwellig kennenzulernen ist er in der Audiothek der ARD, wo eine Lesung des Buches mit vorzüglich sprechenden Schauspielerstimmen bis Juni 2026 vorgehalten wird.
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