Wenn du ein Organ wärst, welches wärst du dann?
Giulia Enders erkennt in ihrem Buch „Organisch“ Zusammenhänge zwischen menschlichen Organen und Familienmitgliedern
Von Christina Lange
Giulia Enders, Science-Slammerin und Ärztin, hatte im Jahr 2014 einen Riesenerfolg mit ihrem Erstlingswerk Darm mit Charme. Hinter dem erst irritierenden Titel gab es einiges Wissenswertes über dieses (ganz offensichtlich unterschätzte) Organ des menschlichen Körpers in leicht verdaulicher Schreibweise präsentiert.
Nun legt Enders nach und präsentiert mit „Organisch“ einen insofern spannenden Ansatz, als dass sie verschiedenen vorgestellten Organen im menschlichen Körper Menschen aus ihrer Familie und ihrem Freundeskreis zuordnet. Das klingt erstmal etwas bizarr, ergibt aber durchaus bei näherer Betrachtung Sinn. Die Muskulatur des Menschen verbindet die Autorin zum Beispiel mit ihrer Mutter, einer Person, die sie als in jeder Situation anpackend beschreibt. Das Immunsystem, laut der Autorin oftmals zu Unrecht mit Begriffen aus dem Themenbereich Kampf umschrieben, ordnet sie einem einfallsreichen Wahlonkel der Familie zu. Bei ihrer eigenen Person und ihrer Schwester Jill schließlich (letztere steuert die phantasievollen Illustrationen des Buches bei) erkennt die Autorin Eigenschaften der linken und der rechten Hälfte des menschlichen Gehirns wieder. Die eine dem Wort und der Analyse verpflichtet, die andere kreativ und hinterfragend. Erst im Zusammenspiel, so betont die Autorin, laufen die Schwestern zu Hochform auf und genauso ist es mit dem menschlichen Gehirn, diesem ganz speziellen Organ.
Es ist leichtfüßig und nachvollziehbar, wie Giulia Enders von den ihr nahestehenden Menschen zu den besonderen Fähigkeiten der menschlichen Organe kommt. Außer den schon genannten werden noch die Lunge und die Haut behandelt. Die Autorin bereitet manch trockene Information zu Zellen und Co. mit Humor auf und hinterfragt bereits zu Beginn des Buchs, wie die Art, wie wir über unseren Körper sprechen, unsere Erwartung an diesen hervorhebt, ohne seine eigentlichen Merkmale und Vorzüge zu erkennen:
Wer einmal darauf achtet, wird merken, wie viele Begriffe aus Technik, Wirtschaft oder sogar der Kriegsführung benutzt werden, um über unseren Körper zu sprechen. Das Gehirn vergleichen wir mit einem Computer, unser Immunsystem „entsendet Truppen“, um „Eindringlinge anzugreifen“ (…), und wer nicht genügend in seine Gesundheit investiert, kriegt später „die Rechnung präsentiert“.
Nun macht sich die Autorin im Folgenden mit ihren „vermenschlichten“ Organen daran, den Blickwinkel auf diese vollkommen zu verändern, denn:“Unsere Organe haben auch einen wesentlichen Anteil daran, was es heißt, wir selbst zu sein“.
Es ist, so kann man beim Lesen erfahren, der Autorin ein Anliegen, den menschlichen Körper als viel mehr zu begreifen als nur einen hochfunktionalen Apparat. Detailliert geht sie auf das ein, was die einzelnen betrachteten Bereiche des Körpers ausmacht und lässt immer wieder auch durchblicken, wie erstaunlich manches im menschlichen Körper doch ist. Zum Beispiel blickt sie durchaus beeindruckt auf das Organ Lunge, das, so beschreibt sie es, sowohl von bewusstem als auch unbewusstem Denken gesteuert werden kann und sich hierdurch von den anderen Eingeweiden unterscheidet.
Durch die Verquickung der Betrachtungen mit den eigenen Familienmitgliedern ist Giulia Enders ein sehr persönliches und gleichzeitig informatives Buch gelungen. Die Leserschaft darf jetzt schon gespannt sein: Wird es ein Nachfolgebuch geben? Vielleicht erfahren wir dann, welcher Cousin in Giulia Enders‘ Vita die Funktion einer Wirbelsäule oder eines Schlüsselbeins hat. Und ja, über die spezifischen Eigenschaften der Wirbelsäule oder des Schlüsselbeins erfahren wir dann natürlich auch gerne noch mehr.
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