An Brüssel gescheitert

Robert Menasses Novelle „Die Lebensentscheidung“ mündet in einer Mutter-Sohn-Tragödie

Von Peter MohrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Peter Mohr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse gehörte in der jüngeren Vergangenheit zu den vehementesten Befürwortern der Europäischen Union. 2010 war er nach Brüssel gezogen, um dem Herz der EU ganz nahe zu sein. „Ich lebe gern und notwendigerweise auf den Schauplätzen meiner Romane. Und ich versuche, mit möglichst vielen Menschen ins Gespräch zu kommen“, hatte der inzwischen 72-jährige Menasse erklärt.

Für den Vorgängerroman Die Hauptstadt (2017), in dem er sich kritisch mit der Bürokratie der Brüsseler EU-Institutionen auseinandergesetzt hatte, war er mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Vor dem EU-Parlament hatte Menasse einst die Festrede „Kritik der Europäischen Vernunft“ gehalten. In seiner neuen Novelle steht ein desillusionierter EU-Beamter im Mittelpunkt. „Am 26. Februar 2024, kurz nach Mittag, traf Franz Fiala eine Lebensentscheidung.“ Jener Fiala, Referent der Generaldirektion Umwelt der Europäischen Kommission, steht am Fenster seines Brüsseler Arbeitszimmers und sieht, wie Traktoren die Straßen des gesamten Europaviertels blockieren. Zwei kleine Fenster sorgen für wenig Tageslicht an seinem Arbeitsplatz. „Der Abteilungsleiter hatte drei Fenster, der Direktor vier, der Generaldirektor fünf“. In der Brüsseler Hierarchie hat er es nicht weit gebracht.

Der Protagonist ist frustriert vom bürokratischen Brüsseler Ungetüm und kündigt seinen Job – mit 58 Jahren will er mit Abschlägen in den vorzeitigen Ruhestand. Der aufrechte Idealist sieht seine Arbeit als gescheitert an. Er hatte mit viel Elan an der Vision eines ökologischen Umbaus mitgearbeitet und muss nun mit ansehen, dass die Verteidigungsfähigkeit der EU immer größeren Stellenwert bekommt. „Nein, er hatte seine Überzeugungen nicht verraten, sie wurden verraten von jenen, in deren Dienst er stand.“

Ein Anflug von Selbstmitleid ist kaum zu leugnen. „Franz Fiala war nur ein kleines Rädchen, aber eben doch ein Rädchen in der Maschinerie, die eine bessere Welt produzieren wollte.“ Fiala ist alles andere als ein Sympathieträger, keine Figur, mit der man bei einem guten Glas Wein gern plaudern würde.

Seine Lebensgefährtin Nathalie, die ebenfalls bei der EU beschäftigt ist, kann sich mit seinem neuen Status als Frühpensionist nicht anfreunden. Auch der Gedanke einer Übersiedlung in Fialas Heimatstadt Wien, wo die betagte und an Alzheimer erkrankte Mutter des Protagonisten lebt, behagt ihr nicht.

Dann kommt es zur dramatischen Wende, zur novellentypischen unerhörten Begebenheit. Fiala ist an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, und seine Tage sind gezählt. Der Job und Brüssel – alles ist plötzlich unwichtig, das Herauszögern des Todes gewinnt immer stärkere Bedeutung. Ein unbarmherziger Wettlauf mit der Zeit. „Überleben konnte für ihn nur heißen, seine Mutter zu überleben. Vor ihr, bis zu ihrem Tod, seine Krankheit zu verheimlichen.“ Nichts liebt die Mutter mehr, als die Karriere ihres Sohnes zu bewundern, da sie selbst aus ganz einfachen Verhältnissen stammt.

Robert Menasse erzählt die finale Mutter-Sohn-Tragödie mit großer Empathie und einem Höchstmaß an menschlicher Wärme. In der Wohnung seiner Mutter findet Fiala einen Band „Deutsche Novellen. Von Goethe bis Grass“ und vertieft sich in einen Text, der augenscheinlich von Franz Werfel stammt: Der Tod des Kleinbürgers aus dem Jahr 1926 mit den Hauptfiguren Karl und Marie Fiala. Darin heißt es: „Hier endet der Bericht vom Sterben des Kleinbürgers. Zwei Tage über sein Ziel war er hinausgerannt wie ein guter Läufer.“

So hat Robert Menasse seine Hauptfigur doppelt schmerzhaft nach Wien zurückkehren lassen. Das geht tief ins Mark, schmerzt wie Nadelstiche und kann (je nach Gemütszustand) zu Tränen rühren. „Der Tod kommt in Wehen“, heißt es auf der letzten Seite.

Titelbild

Robert Menasse: Die Lebensentscheidung. Novelle.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
158 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432747

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch