Wir trinken, reden, singen, tanzen und taumeln
Mit „Verführung der Unschuldigen” legt Marc Degens einen wohlinformierten Roman über die Comic-Szene im Ruhrgebiet vor
Von Werner Jung
2016 in Essen. Sie heißen Bo, Sina, Suuk-Yin, Gyro, Oleg und – wie die Erzählerin in Marc Degens‚ erstem Roman – Marthe. Und sie tun mit irgendwie Anfang 20 das, was man halt so treibt und was einen umtreibt: ficken, rauchen, saufen und in der WG abhängen. Auf dem Unterarm einer der Figuren: „eine selbstgestochene Tätowierung in eckiger Taschenrechnerschrift – wir bleiben unserm Motto treu – queer, pervers und arbeitsscheu!“
Doch der oberflächliche Eindruck täuscht, denn sie alle sind Studierende an der Akademie für Visuelle Kunst und Grafisches Erzählen, und sie sind begeistert von ihrem Studiengang: Comiczeichnen. So vor allem die Erzählerin, die auch sonntags noch dorthin geht:
Die Akademie liegt auf einem Hügel. Sie ist ein ehemaliges Verwaltungsgebäude aus rotem Backstein mit hohen Decken und riesigen Fenstern. Schon von weitem sehe ich den kleinen Turmausguck, der sich auf dem grünen Dach befindet und wie ein Leuchtturm in den Wolken aussieht.
Nebenher arbeitet sie noch im Kleinverlag „Bolsterbaumhaus“, für den sie ein Mädchen für alles ist. Irgendwann dann flattert ein Comic ins Haus, gezeichnet von einer völlig Unbekannten und lange Zeit Ungenannten – Amadea –, den Marthe betreut und der schließlich auch den Weg zum Druck findet.
Damit setzt, wenn man so will, Degens’ Haupthandlung ein, die eigentliche Story. Denn nachdem der Comic erschienen ist, der nur mäßigen Absatz findet, stößt ein 17-jähriger Schüler aus Hamburg auf welchen Wegen auch immer auf das Buch, plagiiert hemmungslos die (im Grunde völlig harmlose, auf einem Kreuzfahrtschiff spielende) Handlung, um daraufhin – bestens unterstützt von seiner unternehmerisch tätigen Mutter – einen gewaltigen, ebenso ökonomischen Erfolg wie journalistisch-publizistische Anerkennung einzuheimsen. Einer Bloggerin ist die Entdeckung des Plagiats zu verdanken; doch vermag der zunächst einsetzende Shitstorm gegen das alerte Bürschchen nichts daran zu ändern, dass dieser mehr und mehr zum Shooting Star der Szene aufsteigt, um schließlich Preise, Stipendien und andere Alimentationen aufzuhäufen. Den größten Teil seiner Romanerzählung widmet Degens‘ Text – im strikten Präsens verfasst, was die Lektüre nicht immer einfach macht – der Rekonstruktion der publizistischen wie zwangsläufig auch juristischen Auseinandersetzung zwischen den Kombattanten, einerseits der Außenseiterin mit ihrem Kleinverlag, andererseits dem Hamburger ‚Comic Genie‘, wobei die – unvorhersehbare – Pointe darin besteht, dass sich, nachdem die unbekannte Zeichnerin glaubt, vom eigenen Verlag übertölpelt worden zu sein und sich einem anderen Verleger zuwendet, endlich die beiden Rivalen miteinander zu verständigen scheinen. Zum Leidwesen des „Bolsterbaumhauses“, dessen Weiterexistenz auf dem Spiel steht und dem sogar – von nur mäßig informierter Seite (Achtung Intertextualität!) in Gestalt von Sibylle Berg vorgeworfen wird auf Twitter, dass „die ganze Aufregung um Maerzwalds Comic vor allem […] eine fantastische Marketing-Campagne“ sei. „Nicht nur für Urs Maerzwald, sondern in erster Linie für Amadea und die akademische Comicszene im Ruhrpott.“ Es verläuft sich schlussendlich, wie so etwas enden muss, alles im Sand.
Degens, selbst Verleger, hat einen wohlinformierten Roman geschrieben, der nicht nur die Comic-Szene und ihre Protagonisten bestens kennt und einzuschätzen vermag, sondern ebenso die ‚Verstärker-Rollen‘, also das Pressewesen bis zu den aufgeblasenen Bloggern und deren Interesselagen darzustellen in der Lage ist.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
|
||















