Standhaft im kalten Wind

Mit dem dritten Band „Es gibt Tage“ liegt das gesamte Werk der lange Zeit vergessenen Autorin Adelheid Duvanel vor

Von Beat MazenauerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Beat Mazenauer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als „eines der großartigsten erzählerischen Werke des 20. Jahrhunderts“ bezeichnete Michael Krüger in der Wochenzeitung „Die Zeit“ 2021 das Werk der Basler Autorin Adelheid Duvanel (1936-1996). Diese Zuschreibung mag ein wenig hochgegriffen sein, ganz falsch liegt Krüger damit jedoch nicht. Die sorgfältig editierte und schön gestaltete dreibändige Werkausgabe, die mit dem Band Es gibt Tage abgeschlossen wird, würdigt eine Autorin, die zwei Eigenschaften miteinander verbindet: persönliche Bescheidenheit und stilistische Prägnanz. Selten findet sich literarische Radikalität so sanft formuliert wie bei Duvanel. Die gesammelten Erzählungen im ersten Band Fern von hier demonstrieren es brillant. Der dritte Band nun, der Kolumnen, Feuilletons und Rezensionen umfasst, gibt den Blick frei auf die Erfahrungswelt, die diesen Texten zugrunde liegt.

1963 begann die 27-jährige Duvanel in der Rubrik „Junge Basler sehen den Sonntag“ erste Kolumnen für die Basler Nachrichten zu schreiben. In lockerem Ton zeichnet sie darin Bilder einer sonntäglichen Ruhe, die nur unterschwellig eine leise Unruhe verrät. Auf diese Fingerübungen folgten 1967-1972 längere Feuilleton-Beiträge, in denen sich die Handschrift der Autorin bereits deutlicher abzeichnet. Mit sanfter Ironie beschreibt sie alltägliche Ereignisse aus ihrem familiären oder nachbarschaftlichen Umfeld und versieht die vordergründig unverfänglichen Schilderungen mit feinen, zuweilen boshaften Widerhaken. Dabei greift sie gern auch zum Mittel der Verfremdung, indem sie etwa ihr Elternhaus als umtriebigen Haushalt von „Bohémiens“ beschreibt, in dem sie als Kind viele Freiheiten gehabt habe. Tatsächlich wuchs Adelheid Duvanel in gutbürgerlichen Verhältnissen auf, der beschriebene ungeregelte Alltag gibt vielmehr ihre eigene Lebensrealität wieder, die zunehmend problematische Züge annahm. Die „toxisch“ anmutende, turbulente Ehe mit dem Maler Joseph Duvanel und die „wilde“ Tochter Adelheid Cécile, die mit 16 bereits in die Drogensucht abrutschte, forderten all ihren Lebensmut, um sich selbst und ihre Liebe zu Mann und Tochter zu behaupten. Die persönliche Tragik, die auch Aufenthalte in der psychiatrischen Klinik umfasste, findet Widerhall in der außerordentlichen Vielzahl von Briefen im Band Nah bei dir, dem zweiten Band der Werkausgabe. Im Unterschied zu ihrer präzisen Kurzprosa gerät Duvanel darin oft ins abschweifende Plaudern. Sie richtet sich dabei hauptsächlich an zwei Personen: an die Freundin und Autorin Maja Beutler und an den Luchterhand-Lektor Klaus Siblewski.

Beutler lernte sie beim Ingeborg-Bachmann-Preis kennen, zu dem sie 1981 eingeladen war. Daraus entwickelte sich schnell eine für Duvanel lebensrettende Korrespondenz, die ihre „gedankliche Isolation“ linderte, wie sie Beutler schrieb: „Ich bin sehr, sehr allein; nur nicht ganz so allein, weil ich Dir schreiben darf.“ Diese Briefe, deren Gegenbriefe nicht erhalten sind, zeugen von einem prekären Alltag, der von permanenten Geldsorgen, von vielen Wohnungswechseln, von einer gescheiterten Ehe, von der Sorge um die über alles geliebte Tochter und nicht zuletzt von der eigenen psychischen Labilität. 

Dieses Gefühl, nicht zu genügen, anderen Menschen zur Last zu fallen, die an mich gestellten Erwartungen nicht zu erfüllen, ist immer gegenwärtig: mein Gegenüber braucht nur ein unfreundliches Wort zu brauchen. 

Wie tapfer sich Duvanel dabei behauptete – „Tapfer zu sein, war mir erstes Gebot“, heißt es in der Erzählung Innen und Außen – bezeugen auch die Briefe an ihren Lektor Klaus Siblewski, dem sie immer wieder versichert, dass sie trotz ihrer unglücklichen Lebensumstände zu schreiben versuche. Ist ihr Ton anfänglich verunsichert, ja beinahe unterwürfig, schreibt Duvanel zunehmend persönlicher und spricht ihre Probleme offen an. Siblewski nimmt daran Anteil und ermutigt sie zum Weiterschreiben. Sie freut sich über seine positiven Rückmeldungen und über die Bücher, die im Laufe der Jahre mit ihm entstehen und zu ihrer eigenen Überraschung bei der Kritik Anklang finden. Dennoch bleiben Zweifel am eigenen Schreiben. In einer „Erklärung“ hält sie in einem Brief an Siblewski fest: „Jedes Wort, das ich nun aufschreibe, ist ein Zeichen, das ich mühsam in mir suche und aus mir heraushole.“

Von dieser Frau, die sich tapfer und bescheiden den alltäglichen Sorgen entgegenstellte, zeugt auch die Kolumne „Allzu Privates“, die Duvanel unter dem Pseudonym „Martina“ von 1974-1979 für die Gratiszeitung „Doppelstab“ verfasste, in deren Redaktion ihr Bruder Felix Feigenwinter saß.

„Ist es ein Sakrileg, wenn ich behaupte, ein Leben ohne Probleme sei ein armes Leben?“ – schreibt sie trotzig am 11. Juli 1975. Wie schon in den frühesten Texten gibt sie Einzelheiten aus ihrem persönlichen Alltag preis, aber immer mit dem Vorbehalt, dass jene vielleicht auch nur ausgeborgt sein könnten. Vor allem Kinder erregen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Mit leidenschaftlicher Empathie verteidigt sie deren Eigensinn und schöpferische Fantasie. Während Duvanel mit „Schmunzeln im Geheimen“ auf kindliche Späße reagiert, verflüchtigt sich ihre Ironie sogleich, wenn sich Erwachsene einmischen. „Ja, warum sind viele Alte so bös“, fragt sie staunend angesichts eines Mannes, der das falsche Benehmen eines Kindes mit dem Satz „Schade, dass nichts passiert ist!“ kommentiert. Geradezu erschüttert reagiert sie, als eine Frau, die die Kinder immer wieder aus dem Hof vertreibt, auf „Martinas“ Einwände bloß antwortet: „Als ich Kind war, durfte ich auch nicht im Hof spielen; der Hausmeister hatte es verboten“. Die soziale Kälte im wohlhabenden bürgerlichen Basel („Einer überwacht den andern“) setzte Duvanel zu, und die biederen „Bürgerlis“, die wissen, was „guet und rächt“ ist, wurden zum Feindbild, das sie mit bösem Witz karikierte. Zwar gab es im Alltag auch Begegnungen, die ihr Mut machten. Trotzdem konstatiert sie, wohl auch mit Blick auf ihr eigenes Leben, am 16. Mai 1975 unumwunden: „In einer kalten Umgebung, die den schöpferischen Erwachsenen und das phantasievolle, abenteuerlustige Kind brüskiert, ja vergewaltigt, ist kein schönes Familienleben möglich.“

Duvanels Kolumnen behalten – an der literarischen Prosa gemessen – eher anekdotischen Charakter. „Martina“ erweist sich als bescheidene Frau, die von den „Sörgeli“, also den kleinen Sorgen der einfachen Leute berichtet und als Mutter und Arbeiterin selbst Teil dieser Leute und ihres Alltags ist. „Martina“ beobachtet deren Nöte weder von oben herab noch von außerhalb, denn sie kennt sie aus eigener Erfahrung nur zu gut. So geben die Kolumnen auch Einblick in Duvanels Lebensumstände, denen sie ihre literarischen Erzählungen förmlich abtrotzte. Wie schwer ihr dies zuweilen fallen musste, bezeugt ein Tagebuch aus der psychiatrischen Klinik, das sie im März 1981 für das Wochenend-Magazin der Basler Zeitung verfasste. Duvanel weilte damals insgesamt drei Jahre in der Klinik. Schonungslos berichtet sie von ihren Mitpatientinnen und beobachtet sich dabei selbst: ihre Unruhe, ihre Langeweile, ihre Verzweiflung.

Auch ungezählt ist ein Tag nach dem andern da, auch ungezählt und unerzählt ereignen sich Geschichten. Ich erzähle, weil ich nur so leben kann, und ich lebe, weil ich nur so erzählen kann.

Der dritte Band der Werkausgabe beinhaltet schließlich auch ein paar Rezensionen, in der das literarische Wollen Duvanels zaghaft aufscheint. Insbesondere die zwei langen Besprechungen zu Robert Walser deuten an, wie sich die Autorin selbst sieht.

Robert Walser war gewissermaßen ein Zauberer; alles, was ihm hässlich schien, was ihn ängstigte, was ihn bedrückte, verwandelte er in Schönheit, in ein Lächeln – vielleicht können wir von ihm lernen.

Auf ihre ganz eigene Weise hat dies Adelheid Duvanel getan. 250 meist kurze, selten auch längere Erzählungen umfasst ihr literarisches Werk. Ihre erzählerischen Preziosen drehen sich um unscheinbare Dinge, um die kleinen Wünsche von Menschen, denen im Leben nichts zuzustehen scheint. Einer von ihnen ist Willibald in der gleichnamigen Erzählung. „Man müsste meine Seele so in beide Hände nehmen (…) und wärmen“, wünscht er sich, „aber meine Seele ist zu groß und meine Hände sind zu klein.“ Also findet er bloß zu einem Leben, das sich im Verborgenen, in der Einsamkeit, in der Sprachlosigkeit und Angst abspielt. Es ist die Tragik des Menschen, glaubt er, dass er „sich ein Leben lang bemühe, sich zu erkennen zu geben, und doch von niemandem erkannt würde.“ Ja mehr noch, dass er so zunehmend die Fähigkeit verliert, auf Zeichen aus der Außenwelt zu reagieren und erst recht einsam bleibt, wie es einem Geistesverwandten von ihm in der Erzählung „Der Künstler“ widerfährt: „Eine schöne Frau lächelte ihm zu, doch er hatte die Zähne so fest zusammengebissen, dass er nicht zurücklächeln konnte“.

Es sind oft solche harten Sätze, mit denen Duvanel ihre Geschichten auf erschreckende Weise abschließt und ihre einsamen, auch trotzigen Versager, zu deren poetischer Anwältin sie sich unverhohlen erklärt, im Leben stehen lässt. Oft von allen guten Menschen verlassen, finden sie sprach-, glück- und zukunftslos an einem kleinen Ort Platz: in einem engen Zimmer, einem verfallenen Schuppen oder einer kleinen Höhle. Ihre Wünsche schweifen selten in die Ferne, meist bleiben sie anspruchslos und nüchtern. Duvanel gibt knappe Einblicke in gescheiterte oder misslungene Leben, ohne eine Erklärung dafür zu fordern. Sie schildert deren Umstände nur umrisshaft, um die immense Traurigkeit, Melancholie und Ausweglosigkeit stumm widerhallen zu lassen: „Als endlich ein Bett für die Frau frei war, war sie tot“ („Im Spital“) – abermals ein solcher Schlusssatz.

Selbst die Natur bietet keinerlei Trost. Winde ohrfeigen die Menschen, Schnee bedeckt alles mit Schweigen. So bleibt nur eines: fortgehen, scheiden oder verreisen ins Ungewisse, wie das Mädchen Agnes auf seiner Suche „nach etwas, was es nicht gibt“ (Die Mutter, das Mädchen und der Polizist). Und gleichwohl geht von vielen dieser Geschichten ein wunderbares, warmes Leuchten aus. Dieses Leuchten macht sie einzigartig. Seine Quelle ist die ungeteilte Empathie der Autorin und – nicht zu vergessen – ihre mal feine, mal burleske Ironie, die oft darin mitschwingt.

Jenseits der brillanten Prosatexte können wir Adelheid Duvanel in jener Frau im Englischen Garten wiedererkennen (in „Ein rasanter Abbau“), die immer am selben Tisch sitzt und liest und von Tag zu Tag zusammenschrumpft. „Ich habe immer zwei Leben gelebt: mein Leben und das Leben meines Mannes. Mein Leben spürte ich fast nicht, das Leben meines Mannes war drollig.“ Nie hat die Frau für sich selbst gelebt, deshalb bleibt von ihr auch nichts mehr übrig.

Adelheid Duvanel wurde 1997 nach einer kalten Julinacht unterkühlt in einem Wald unweit von Basel tot aufgefunden.

Die dreibändige Werkausgabe, deren erster Band 25 Jahre nach diesem traurigen Tod erschien, kann in beide Richtungen gelesen werden: von vorn mit den kurzen Prosatexten zuerst, dann die Briefe als Scharnier zu den lockeren Alltagsbetrachtungen, in denen die Nöte, der Charakter, der Lebensmut Duvanels spürbar werden. Oder von hinten, angefangen mit diesen Beobachtungen in der Kolumne „Allzu privat“, dem Psychiatriebericht und den Notizen zu Walser, von da zurück über die Briefe, die das Charakterbild abrunden zu den literarischen Texten, in denen diese vom Schicksal gebeutelte Frau sich in einzigartige Literatur verwandelt – gerade weil Duvanel war, wie sie war.

Titelbild

Adelheid Duvanel: Fern von hier. Sämtliche Erzählungen.
Limmat Verlag, Zürich 2021.
791 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783039260133

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Adelheid Duvanel: Nah bei Dir. Briefe 1978-1996.
Limmat Verlag, Zürich 2024.
893 Seiten, 48,00 EUR.
ISBN-13: 9783039260799

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Titelbild

Adelheid Duvanel: Es gibt Tage. Feuilletons, Kolumnen, Rezensionen.
Limmat Verlag, Zürich 2025.
445 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783039260980

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