Die Verbundenheit von Siegfried Lenz zu Schleswig Holstein
Maren Ermisch zeichnet in „Vertraute Nähe“ die enge Verbindung zwischen Leben und Werk des großen Erzählers nach
Von Manfred Orlick
Siegfried Lenz (1926–2014) gilt als einer der wichtigsten und meistgelesenen Autoren der deutschen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Zu Schleswig-Holstein hatte er eine tiefe Verbundenheit; der Norden Deutschlands wurde für ihn über viele Jahrzehnte zu einer zweiten Heimat. Obwohl im masurischen Lyck (Ostpreußen) als Sohn eines Zollbeamten geboren, prägten die Landschaft, die Küste und die Menschen im nördlichsten Bundesland sein literarisches Schaffen maßgeblich. Die Küste, das Meer und die Menschen Schleswig-Holsteins waren zentrale Elemente in vielen seiner Romane und Erzählungen.
Die Germanistin und Anglistin Maren Ermisch gehörte seit 2015 zu einer Arbeitsgruppe, die die Hamburger Ausgabe der Werke von Siegfried Lenz erarbeitet, und später wurde sie Mitherausgeberin dieser Ausgabe. Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers am 17. März 2026 geht sie in Vertraute Nähe seinen Spuren in Schleswig-Holstein nach – von der ersten Begegnung des Vierzehnjährigen im Winter 1940/41 bis zu seinem Tod am 7. Oktober 2014. Die Neuerscheinung umspannt also fast 75 Lebensjahre. Neben den erlebten Spuren beleuchtet die Autorin auch die fiktiven Schleswig-Holstein-Stationen im Werk von Lenz.
Nach der Volksschulausbildung in Lyck und einem Landjahr wurde der 14-jährige Lenz zum Sonderunterricht in eine Aufbauschule nach Kappeln geschickt. Es war sein erster Kontakt mit Schleswig-Holstein. Nach einem Notabitur wurde er 1943 zur Kriegsmarine eingezogen. Am Kriegsende geriet er in britische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Rückkehr begann er ein Studium (Philosophie, Literaturwissenschaften und Anglistik) an der Universität von Hamburg, das er jedoch bald abbrach. Er absolvierte ein Volontariat bei der Tageszeitung Die Welt und arbeitete dort als Redakteur.
Als angehender Schriftsteller heiratete Lenz 1950 seine erste Frau Liselotte (1918/19-2006), die ihm zeitlebens eine wichtige Stütze war. 1951 erschien sein Debütroman Es waren Habichte in der Luft, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg im russisch-finnischen Grenzgebiet angesiedelt ist. Nach weiteren Romanen in den 1950er Jahren, u. a. Der Überläufer (1951), Der Mann im Strom (1957) und dem Kurzgeschichten-Band So zärtlich war Suleyken (1955), gelang ihm schließlich mit dem Roman Deutschstunde (1968) der internationale Durchbruch. Der Roman über die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Bundesrepublik wurde in über 20 Sprachen übersetzt. Auch der Roman Heimatmuseum (1978), in dem Lenz die masurische Heimat seiner Kindheit porträtierte, brachte ihm große öffentliche Anerkennung ein.
Obwohl mit Exerzierplatz (1985), Arnes Nachlaß (1999) oder Fundbüro (2003) noch weitere Romane folgten, widmete sich Lenz in den letzten Lebensjahrzehnten verstärkt der kurzen Prosaform wie den Novellen Schweigeminute (2008) oder Landesbühne (2009). Siegfried Lenz starb am 7. Oktober 2014 in Hamburg. An der Trauerfeier im Hamburger Michel knapp drei Wochen später nahmen rund 2000 Trauergäste teil. Anschließend wurde er auf dem Friedhof von Groß-Flottbek beigesetzt. Für sein umfangreiches Werk wurde Lenz mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Darüber hinaus wurde er Ehrenbürger der Stadt Hamburg, des Landes Schleswig-Holstein sowie seiner Geburtsstadt Lyck (Ełk) in Polen.
In sechzehn Kapiteln widmet sich Ermisch den einzelnen Lebensstationen von Siegfried Lenz sowie den Schauplätzen in seinen Romanen und Erzählungen, ergänzt mit zahlreichen Auszügen aus seinem Werk oder seinen Reden. So berichtete er in seinen Erinnerungen Jahrgang 1926 über seine Tätigkeit als Dolmetscher einer englischen Entlassungskommission im Sommer 1945 oder von seinem einstigen Wohnsitz in Bargteheide, von dem aus er täglich nach Hamburg pendelte, um zu studieren oder später als Redakteur zu arbeiten.
Ab 1959 hatte der Wahl-Hamburger dann das Meer unmittelbar vor der Haustür, denn er verbrachte die Sommer in einem Ferienhaus auf der dänischen Insel Als (Alsen) in Südjütland. Das Bootshaus an der Flensburger Förde diente ihm als Rückzugsort zum Schreiben. Oft fuhr er hier auch zum Fischen hinaus:
Kurz sind die Wellen auf der Förde. Die Boote der Angler treiben langsam über die unsichtbare Landesgrenze. In der Mitte der Fahrrinne ist die Förde etwa zwanzig Meter tief, hier zieht der Dorsch in Schwärmen. Bojen wippen in den verlaufenden Bugwellen eines Motorbootes. Wohin man sich dreht – überall ist Land in Sicht.
Viele seiner Werke basierten später auf diesen Beobachtungen und seiner engen Vertrautheit mit der Lebenswelt der Bewohner. In Deutschstunde spielt die Landschaft eine entscheidende Rolle, die mehr als nur ein Hintergrund ist, sondern wichtiger Bestandteil der Handlung. Sogar menschliche Verhaltensweisen werden ihnen zugeschrieben. Selbst wenn der Dorfpolizist Jens Ole Jepsen mit seinem Dienstfahrrad unterwegs ist, um seinem Jugendfreund Max Ludwig Nansen das Malverbot zu überbringen, ist das in eine Naturbeschreibung eingebettet:
[…] und fuhr, zunächst schlingernd, vom Westwind aufgebauscht, ein Stück in Richtung zur Husumer Chaussee, die nach Heide und Hamburg weiterführt, bog beim Torfteich ab und fuhr, jetzt mit seitlichem Wind, an den maulwurfgrauen Gräben entlang zum Deich, wie immer an der flügellosen Mühle vorbei, saß hinter der Holzbrücke ab und schob das Fahrrad schräg den wulstigen Deich hinauf […]
In einem Kapitel beschreibt die Autorin auch ausführlich die Wahlkampftouren mit Günter Grass, bei denen sich die beiden Schriftsteller in den 1960er- und 1970er-Jahren aktiv für Willy Brandt engagierten.
Immer wieder betont Ermisch auch die entscheidende Rolle von Liselotte Lenz im „Literaturunternehmen Lenz“, in dem sie neben der Haushaltsführung auch Sekretärin, Agentin, kaufmännische Leiterin sowie erste Leserin und Kritikerin war. Lenz war sich dieser Hilfe durchaus bewusst: „Wenn dieses Buch gelingt, so hat Lilo einen sehr entscheidenden, ach was: den ausschlaggebenden Anteil.“ Liselotte war außerdem eine großartige Zeichnerin, die später einige seiner Bücher illustrierte. Mit Waldboden (1979) und Kleines Strandgut (1986) veröffentlichte sie selbst zwei Bücher, jeweils mit einem Begleittext ihres Gatten. Eine prägende Rolle bildete auch die 50-jährige Freundschaft zwischen Siegfried Lenz und Helmut Schmidt. Besonders die Ehefrauen Lilo Lenz und Loki Schmidt, beide sehr naturverbunden, waren von Anfang an wichtige Korrespondenzpartnerinnen auch für ihre Ehemänner.
Mitte der 1980er Jahre erwarb Lenz mit seiner Frau einen Bungalow in Tetenhusen (Kreis Schleswig-Flensburg), den er neben dem Hamburger Hauptwohnsitz als Sommerhaus nutzte. In den späteren Werken von Lenz stellte Tetenhusen das Binnenland vor. Hier entstanden u. a. die Romane Die Klangprobe (1990) und Die Auflehnung (1994) sowie zahlreiche Novellen wie Schweigeminute (2008) und Landesbühne (2009), die nach dem Verlust seiner Frau zum Alterswerk des Schriftstellers gehören.
Lenz, der leidenschaftlich gern angelte, hatte auch ein wachsames Auge für die Veränderungen in der Natur, insbesondere für den Zustand der Gewässer. Entsetzt sah er die zunehmenden Umweltprobleme:
Unsere Bucht ist tot, mein Bootchen schwappt auf einem grünbraunen, bösen Kloakenteppich, den kein Wind in der Lage ist, zu vertreiben. Fische gibt’s nicht mehr. Niemand badet. […] Die Schöpfung stirbt langsam.
In seiner Erzählung Wie Radikalität entsteht, die Lenz für einen Sammelband zum 70. Geburtstag seines Freundes Helmut Schmidt im Jahr 1988 beisteuerte, erzählte er, wie berechtigter Protest von Umweltaktivisten durch die Ignoranz und Verharmlosung der Behörden in Radikalität umschlägt.
In seiner Dankesrede Was ich Schleswig-Holstein verdanke, die Lenz 2004 anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft des Landes hielt, zog er eine Bilanz seiner eigenen Geschichte mit Schleswig-Holstein: „Wir kamen als Fremde, um in Schleswig-Holstein heimisch zu werden.“
Neben den umfangreichen Textauszügen aus Lenz‘ Werken, die seine tiefe, beinahe trotzige Verbundenheit mit einer rauen, nordischen oder melancholischen Landschaft dokumentieren, wird die Neuerscheinung durch zahlreiche private und familiäre Fotos ergänzt.
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