Mag die Zeit reinen Hedonismus’, oft verbunden mit spiritueller Obdachlosigkeit, mittlerweile auch als ein Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts angesehen und damit vergangen sein, hat die bereits seinerzeit und seither aufkommende ‚neue Spiritualität‘ doch einen ganz anderen Charakter als die des Mittelalters. Diese war im europäischen Zusammenhang mehrheitlich verbunden mit Christentum und Kirche und somit eher eingeschränkt und definitiv nicht so vielgestaltig wie heutzutage. Dennoch lassen sich dabei gewisse emanzipatorische Aspekte, die hin zu einer Art ‚Individualisierung des Glaubens‘ führten, nicht von der Hand weisen. Ein Indiz hierfür ist die Verbreitung der Legenden von den Heiligen auch in der Volkssprache, und das Passional ist ein Beispiel hierfür. Es handelt sich um ein in der Wendezeit vom 13. zum 14. Jahrhundert verfasstes Werk eines anonymen Autors, der damit das älteste und umfangreichste Verslegendar in der Volkssprache vorlegte.
Das Passional wurde wohl vornehmlich durch den Deutschen Orden verbreitet, dessen über das gesamte Reichsgebiet und auch darüber hinaus verbreiteten einzelnen Kommenden eine entsprechende Aktivität ermöglichten. Untergliedert in drei umfangreiche Bücher werden im Passional ein Marienleben, achtzehn Apostellegenden und – zeitlich über den Horizont der Urkirche hinausweisend – mehrere Heiligenviten zusammengefasst. Damit wird ein weiter heilsgeschichtlicher Horizont umfasst, der dem Werk bereits eine prominente Rolle zuweisen dürfte.
Allerdings geht es Thomas Müller in Die Macht der Rede. Mediale Dynamiken im Passional weniger um ein Abbild theologischer Fragestellungen und derer heilsgeschichtlichen Wirkung als vielmehr um die Frage dort nachweisbarer medialer Dynamiken. Entsprechend der Assoziationen, die der Begriff ‚Dynamik‘ weckt, wird dem Buch auch kein klassisches Vorwort vorangestellt, sondern eine „Exposition“, genauer: ein „Dialog im Verfolgungsritt“. ‚Verfolger‘ ist der Apostel Johannes, ‚Verfolgter‘ ein abtrünniger Jünger des Apostels, der, nachdem er über Johannes zum Glauben gefunden hatte, nun nicht nur rückfällig geworden ist, sondern sogar, ganz abgesehen von seinem Apostatentum, ein sündhafteres Leben führt als zuvor. Selbstverständlich wird der junge Mann gerettet, aber, und das ist der Einstieg in die Argumentation Müllers, es sind nicht die vorangehende Unterweisung und Taufe, sondern es ist die Redemacht des Verfolgenden, die den Abtrünnigen zur endgültigen Umkehr bewegt. Diese wie auch weitere mediale Aspekte stehen im Fokus der Publikation.
Mit dieser ‚rasanten‘ Einleitung wird ein Spannungsbogen angesetzt, dem der weitere Aufbau der Argumentation folgt. Diese ist, der Titel der Untersuchung besagt es, „mediale[n] Dynamiken“ geschuldet, deren Elementarbestand Müller in der folgenden Einleitung vorstellt und ausführt. Dass – zumindest aus dieser Perspektive – das Passional alle Grundlagen spannender Dramaturgie in sich trägt, wird an vier Unterpunkten verdeutlicht. Wie in einer theologischen Schrift, die im Rahmen der Verkündigung der (Glaubens-)Wahrheit einen Absolutheitsanspruch trägt, ja tragen muss, kann nur Adäquates am Anfang stehen und wird unter der Sub-Überschrift „Diskursive Geltungsbehauptung“ (Unterpunkt 1) diskutiert. Verstärkt in der „[m]edialen Gegenwärtigkeit“ (Unterpunkt 2), die, so die Argumentation, einen über das bloße Abstraktum weit hinausgreifenden Wahrnehmungsansatz umzusetzen hat – Müller spricht in diesem Zusammenhang von der „postulierten Sinnlichkeit der Lektüre“ –, mag hier noch nicht unbedingt eine Steigerung des Spannungsbogens erkennbar sein, aber es wird klar, dass der Aspekt des Dynamischen zumindest in horizontaler Ebene greift.
Überraschend und damit wirklich spannend wird die Anlage des Passional, wenn Elemente der Verwirrung, Enttäuschung, gar des Zweifels aufgegriffen respektive dargestellt werden; mit „Scheitern und Nivellierung“ ist demgemäß der dritte Unterpunkt überschrieben. Aber selbstverständlich kann es dabei nicht bleiben, und die ‚mediale Dynamik‘, die diesem zunächst trostlosen Stadium Abhilfe zu schaffen vermag, folgt dem Ansatz von „Wiederholung und Intensivierung“ (Unterpunkt 4). Diese beiden Unterpunkte beziehungsweise die entsprechenden Textpassagen im Passional folgen der Idee einer ‚Affirmation durch Destruktion‘ und vermögen so nicht nur eine gewisse Sinnlichkeit aufzubauen, sondern vermutlich auch zu funktionieren.
In den folgenden Abschnitten werden die methodischen Aspekte noch näher untersucht, dabei wird auch der auf die heilsgeschichtliche Perspektive verweisende Aufbau des Passional in seiner kongenialen, nur vermeintlichen ‚Heruntergraduierung‘ vorgestellt und argumentativ beleuchtet.
Dies beginnt gleich mit dem folgenden Teil, der auf der numinosen Ebene startet, denn unter dem zunächst irritierenden Titel „Heilsgeschichte auf Umwegen“ werden „Marien- und Jesusleben“ in den Blick genommen. Dabei wird – im Text wie auch in der Untersuchung – das in der Einleitung entworfene vierstufige Modell, wenngleich variierend, zugrunde gelegt, also die vermeintlich ‚narrensichere‘ Linearität der Erzählung ge- und durchbrochen, um über den Prozess der Erschütterung vertrauter Erwartungshaltungen zu einer Intensivierung zu finden. Dies führt dazu, dass „das erste Buch des Legendars keineswegs eine gesicherte Heilsgewissheit ausstellt“. Der Aufbau dieses ersten Abschnitts des Passional zeige bereits „die auch für die folgenden beiden Bücher zentrale Dynamik, diskursive Geltung immer wieder von neuem behaupten zu müssen“. Diese von Thomas Müller definierten Dynamiken, in deren Verlauf durch die Erschütterung oder gar Zerstörung (vermeintlicher?) Glaubensgewissheiten deren weitaus gefestigterer Neuaufbau ermöglicht wird, erinnert interessanterweise deutlich an entsprechende Herangehensweisen im Zen-Buddhismus, ohne dass jedoch von einer wechselseitigen Kenntnis auszugehen sein dürfte.
Zugleich scheint immer wieder auf, wie weit sich die Wahrnehmungs- und Vermittlungsebenen, die das Passional tragen, von der Lebens- und wohl auch Glaubenswirklichkeit unserer Tage unterscheiden. Und auch wenn die Parameter, an denen die Sammlung ausgerichtet ist, sicher nicht den Lebenswelten der mittelalterlichen Bevölkerung Europas in toto entsprechen, werden sie kaum ausschließlich für einen abgehobenen Kreis Privilegierter gegolten haben. Wenn im Abschnitt zu „Nähe und Distanz“, der den Apostellegenden gewidmet ist, aus der Magdalenen-Legende hinsichtlich ihrer ein halbes Jahrhundert andauernden Weltflucht in die Wüste zitiert wird, sie habe unter „pine uf erden“ gelitten, und ihr „jamer hin nach Christo“ erläutert wird, dann sind dies Formulierungen wie Inhalte, die sowohl vor 700 Jahren als auch in der Gegenwart bereits auf der Vernunftebene kaum nachvollziehbar sind. Auch bei sich als gläubig Empfindenden wird dies so wohl kaum zum Ausdruck kommen, dennoch wirken die Texte und ermöglichen auf empathischer Ebene eine Nähe oder gar ‚indirekte Erfahrbarkeit‘. Trotz aller Unterschiede also doch ein erfolgreicher Brückenschlag über Zeiten und Vorstellungen? Ja, definitiv!
Thomas Müller spielt also offenbar auch mit dem Changieren zwischen Ferne und Nähe, einer Dimensionen sprengenden Gleichzeitigkeit. Dass dann aber am Ende ein Verweis auf Quentin Tarantinos Film Pulp Fiction steht, überspannt den Bogen etwas, denn auch wenn dieser zweifellos von Dynamiken geprägt ist, erscheinen Erkenntnisgewinn oder gar eine durch das Anschauen des Films generierte Erlösungshoffnung eher überschaubar, selbst wenn die auf das Passional angelegten Parameter zur medialen Dynamik auch anderwärts greifen. Unter Zugrundelegung des Axioms, dass ein „diskursiver Überschuss“ mit nur „ephemerer Gegenwärtigkeit“ generiert werde, und dies „in der wiederholten Intensität seiner jeweiligen Performanz“, ließe sich gewiss eine Reihe anderer Beispiele finden, die mindestens ebenso gut passten – wenn nicht sogar besser. Wo dementsprechend der „Dialog im Verfolgungsritt“ ein wirklich geschickter und Neugier erweckender Prolog war, fällt der gewählte Epilog doch eher bemüht aus.
Dies soll jedoch die Qualität des Buchs und seines Inhalts nicht in Zweifel ziehen. Thomas Müller gelingt es, die Interdependenz von Inhalt und Stil überzeugend aufzuzeigen. Damit macht er – so gesehen mag Pulp Fiction vielleicht doch ganz nützlich sein – einen mittelalterlichen Text gegenwärtigen Rezeptions- und Textkonsumgewohnheiten adäquater und damit sicherlich auch verständlicher. Das Verwundern mittels der durch stilistische Mittel erzeugten Dynamik anhand zunächst der Darlegung des orthodox Selbstverständlichen, dann dessen Infragestellung bis hin zur Zerstörung und dem glaubensfestigenden Wiederaufbau ist sicherlich ein Phänomen, das sowohl bereits zur Zeit der Entstehung des Passional wirkte als auch die aktuelle Wahrnehmung bestimmt – und das gilt ebenso für die Zeiten, die dazwischen liegen.
Selbstverständlich ist das Werk keine kommentierte Ausgabe des Passional, sondern dient der Darstellung argumentativer Beobachtungen und Schlussfolgerungen, die sein Verfasser angestellt hat. Gleichwohl wäre es schön gewesen, wären zumindest etwas umfassendere Ausschnitte des mittelalterlichen Textes mit aufgenommen worden, um auch das Fließen und die von Müller immer wieder in das Zentrum seiner Betrachtungen gestellten ‚Wirbel‘, ‚Untiefen‘ und ‚Stromschnellen‘ in einer Art Meta-Schau nachvollziehbarer zu machen. Obwohl das nicht erfolgt, funktioniert das Buch, und auch wenn der Verfasser klar macht, dass es ihm mehr um den Weg als das Ziel zu tun ist – auch das hat durchaus ‚Zen-Kompatibilität‘ –, werden sukzessive auch essenzielle Einblicke in die mittelalterliche Ideen- und Glaubenswelt ermöglicht. Das ist Grund genug, dieses Buch zu lesen.
Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg
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