Ideen und Rucksäcke

Dirk von Petersdorff legt mit „Wir Kinder der Leichtigkeit“ eine kluge Gegenwartsanalyse vor

Von Werner JungRSS-Newsfeed neuer Artikel von Werner Jung

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Auf der letzten Seite seines zwischen Essay und autofiktionaler Erzählprosa oszillierenden Buches fasst der Literaturwissenschaftler, Hochschullehrer und Schriftsteller Dirk von Petersdorff in einem plausiblen Bild zusammen, worum es ihm mit seiner Beschreibung (bundes-)deutscher Verhältnisse und Gefühlslagen seit den 70er Jahren gegangen ist: Er erinnert sich an seine eigenen Jugendtage, in denen er zeltend unterwegs gewesen ist: 

Nichts ist hier [sc. beim Zelten, W. J.] dauerhaft, aus einem Ort wird ein Zuhause, das man aber nicht besitzt oder weitergeben kann. Gerade deshalb ist ein solches Zusammensein wertvoll. Das ist mir bewusst geblieben, auch wenn ich heute in dem postmodernen gelben Haus mit Säulen lebe und nicht mehr zelte. Denn in anderer Weise bleibt man unterwegs, wie diejenigen besonders gut wissen, die in ihrer Jugend das Abschütteln von alten Gewissheiten erlebt haben. Unsere neuen Ideen sind auch nur Rucksäcke, die wir eine Zeit lang mit herumtragen und am Abend verschwitzt absetzen. 

In drei etwa gleich langen Kapiteln erzählt von Petersdorff von seiner intellektuellen Sozialisation und beschreibt bzw. analysiert darin zugleich, wie sich seine Generation aus dem „stählernen Gehäuse“ (Max Weber) der (nur vermeintlich) „großen Erzählungen“ (Jean-François Lyotard) Schritt für Schritt befreit hat, um schließlich – dem Dekonstruktivismus (Jacques Derrida) wie der Systemtheorie Niklas Luhmanns sei Dank – alle „Fortschrittsgeschichten, in denen das Alte und das Neue klar unterschieden werden konnten“, zu verabschieden. An die Stelle von Totalität und dem Zugriff auf das Ganze sei zum einen die „Differenz“ gerückt und zum anderen der Sinn geschwunden. „Wenn sich irgendwo eine Überzeugung anbot“, erinnert sich der Student von Petersdorff, „sahen wir gleich wie zwanghaft auf ihre Fragwürdigkeiten.“ Und er resümiert im Blick auf „das Lebensgefühl der späten Siebziger und Achtzigerjahre“, dass „immer wieder von einem Verlust der Festigkeit und von fließenden Bewegungen die Rede gewesen ist. Etwas entzog sich der Kontrolle, Grenzen wurden durchlässig, eine Starre löste sich, Menschen schienen zu schweben.“

Von Petersdorff zeigt im zweiten Kapitel, wie sich dann auf breiter Front – paradigmatisch hierfür der Anschlag auf die Twin Towers in New York City 2001 – Gegenkräfte mobilisieren: Fundamentalismen und (neu-alte) Totalitarismen jedweder Couleur. Und überall und mehr oder weniger gleichzeitig in Ost und West, nicht zu vergessen die vormals als „Dritte“ oder „Vierte“ Welt bezeichneten Regionen. Dennoch glaubt von Petersdorff nicht, dass diese Rollback-Bewegungen, mögen sie noch auf dem weiteren Vormarsch und kaum zu stoppen sein (Putin, Trump et alia), eine tatsächliche Chance für eine neue ‚große Erzählung‘ bieten. „Sie alle bringen keine Zukunftsbilder hervor, die für viele Menschen verheißungsvoll wären.“ Nein. „Auch die nationalistischen oder autoritären Parteien besitzen keine Vision eines zukünftig viel besser eingerichteten Staates, sondern vollziehen oder fordern Restaurationsmaßnahmen.“

Von Petersdorff hält daran fest – und fühlt sich durch die gegenwärtige Weltpolitik, insbesondere seit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine und Trumps zweiter Regentschaft darin bestätigt –, dass es keine großen, mithin für Mehrheiten verbindlichen und gültigen ‚Récits‘ (vulgo: Ideologien) mehr gibt, weshalb er schließlich im abschließenden dritten Kapitel seines Buches – als Literaturwissenschaftler und Schriftsteller nur folgerichtig – eine Reihe von Romanen, Erzählungen und literarischen Texten empfiehlt (und mustergültige Beobachtungen dazu anstellt), in denen Lebensgeschichten der Gegenwart (u. a. von Heiner Müller, Saša Stanišić, Judith Hermann, Benjamin von Stuckrad-Barre) präsentiert werden – Lebensgeschichten, die man – mit Luhmann – entweder annehmen oder verwerfen kann, die (im besten Falle) Kommunikationsprozesse in Gang setzen, ohne freilich mit weitergehenden Verbindlichkeiten aufzuwarten. 

Dirk von Petersdorff hat eine kluge Gegenwartsbeschreibung und -analyse mit seinem schmalen Büchlein vorgelegt, in der sich die Reflexion der eigenen intellektuellen Wandlungen wie auch die seiner Generationsgenoss:innen mitvollziehen lässt. Angehörige anderer Generationen mögen dagegen durchaus berechtigte Einwände erheben – etwa Vertreter der Babyboomer-Generation (zu der auch der Rezensent gehört), besser gesagt: die „Zaungäste der Geschichte“ (Peter Mohr), die in der Nachfolge der 68er-Bewegung zwar durchaus kritisch bis skeptisch den Totalitätsansprüchen der ‚grands récits‘ (in Gestalt von Sozialismus, Kommunismus oder den Befreiungsbewegungen der „Dritten Welt“) gegenübergetreten sind, ohne dabei mindestens den Anspruch auf die Suche nach neuen Subjekten der Geschichte (etwa die von den Philosophen Michael Hardt und Antonio Negri ins Spiel gebrachte „Multitude“) preiszugeben, niedrigschwelliger noch: den Blochschen Hoffnungsgedanken ad acta zu legen.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Dirk von Petersdorff: Wir Kinder der Leichtigkeit. Unsere Geschichte seit den Siebzigern.
Verlag C.H.Beck, München 2026.
176 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783406844928

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