Healing Fiction aus Japan
Sawako Natori berichtet in ihrem Buchladenroman „Kirschblüte in der Freitagsbuchhandlung“ von einem magischen Ort
Von Lisette Gebhardt
Shoten shôsetsu, Buchladenromane, sind seit einigen Jahren in Japan sehr populär. Mittlerweile hat der von Japan ausgehende Trend (unter dem Makro-Label Healing Fiction) auch weitere asiatische Länder, den Westen und die Buchmärkte im deutschsprachigen Raum erreicht. Unter die Buchgeschäftsgeschichten wie Sôsuke Natsukawas Die Katze, die von Büchern träumte (jap. 2017, dt. 2022) oder Die Tage in der Buchhandlung Morisaki von Satoshi Yagisawa (jap. 2010, dt. 2023), die bereits weltweite Bestseller sind, reiht sich nun der für den Piper Verlag aus dem Französischen übersetzte Roman Kirschblüte in der Freitagsbuchhandlung (2016; Kinyôbi no honyasan, dt. 2026) von Sawako Natori (*1973). Der Band ist der erste aus einer vierbändigen Freitagsbuchhandlungs-Reihe der Autorin und kann laut Verlagswerbung als „(z)auberhafte Healing Fiction aus Japan über die Magie alltäglicher Momente“ beschrieben werden. Die Tetralogie umfasst wie so häufig bei der aktuell äußerst populären Healing Fiction mit ihren eingängigen Schemata vier Jahreszeiten; Stichworte wie „Kirschblüten“, „Sommerleuchten“, „Blätterrascheln“ und „Schnee“ bilden deshalb einen Bestandteil der Titel.
Die Freitagsbuchhandlung und ihre Protagonisten
Fumiya, ein an seinem Studium eher wenig interessierter Student, sucht eines Tages das im Internet als Ort für seltene Bücher angepriesene Geschäft auf, um ein Buch für seinen kranken Vater zu finden. Er glaubt zunächst, einer urban legend (jap. toshi densetsu) aufgesessen zu sein, erhält dort nach einer kurzen Verzögerung aber tatsächlich die gesuchte Lektüre. Zudem macht er die Bekanntschaft der Repräsentanten des Ladens: Makino, Yasu und Sugawa. Sugawa arbeitet als Gourmetkoch in der angeschlossenen kleinen „Teestube“, Yasu, der aus einem Yakuza-Clan stammt, regelt das Finanzielle und Makino ist die tatkräftige Managerin. Fumiya bekommt unerwartet einen Job angeboten, fühlt sich zu Makino hingezogen und lernt die Gemeinschaft der drei und ihrer seltsamen Kunden immer mehr zu schätzen. Der Aufenthalt in der Freitagsbuchhandlung beschert dem zurückgenommenen Studenten einen Reifeschub sowie einen Zuwachs an Selbstbewusstsein und Motivation. Am Ende wird klar, dass der junge Mann den Ansprüchen des Vaters, der eine große Buchhandelskette aufgebaut hat, wohl doch noch gerecht werden kann.
Rezepte für Healing Fiction
Sawako Natoris Kirschblüte in der Freitagsbuchhandlung wurde zu spät übersetzt. Das Buch fällt hinter bereits vor einigen Jahren publizierten Texten wie der „Buchhandlung Morisaki“ und der „Bücherkatze“ zurück – nicht nur ein hundertprozentiger Fan des Healing Trends wird dies bemerken. Magischen Bücherenklaven, die unsicheren jungen Menschen den Weg weisen, ist man als Leser nun schon so oft begegnet, dass eine neue Version Besonderes zu bieten hätte. Das wäre von der „Freitagsbuchhandlung“ leider weniger zu behaupten.
An erster Stelle muss man auf die Überfrachtung des Texts hinweisen. Wohl um sicherzugehen, dass alle erfolgsversprechenden Elemente der japanischen iyashi-Literatur (gegenwärtig in Kulturjournalismus und Verlagswerbung als Healing Fiction adressiert) in ihrem Roman vorhanden sind, wartet Natori mit einschlägigen Inhalten auf: bibliotherapeutisch und bindungspsychologisch wertvolle, behagliche Retro-Orte (wie das Buchviertel Jimbôchô in Tôkyô), an denen man der Hektik des zunehmend von der Technosphäre geprägten Alltags entflieht, menschliche Originale, die einen Suchenden unter ihre Fittiche nehmen, d. h. eine gewisse Coaching-Attitude, die Anleihen beim Ratgeberformat (ikikata no hon) macht, die Erziehung des Suchenden (zuweilen hart, aber herzlich), der noch manchen Fehler machen darf und Buchempfehlungen im Buch (erwähnt wird Momo von Michael Ende, Chandlers Der lange Abschied sowie die Autorin Kaho Nashiki). Nicht fehlen dürfen – wen mag es noch wundern – Geister bzw. yôkai, im Speziellen der Wasserkobold Kappa.
Yakuza im unteren Bereich
Die den genannten Autoren zugeordneten Erzählstränge werden meist etwas langwierig entwickelt, und man kann auch nicht gleich nachvollziehen, warum Natori ein neues Thema darbietet oder eine weitere Örtlichkeit vorstellt – z. B. die unterirdische Behausung des Ober-Yakuza. Insgesamt erscheint die Yakuza-Thematik mit ihrer zeitgeschichtlichen Perspektive bis in die 1960er Jahre, mit dem Motiv der regionalen Anbindung via Bahn-Bauprojekt und der journalistischen Aufklärung diverser Machenschaften zwischen Syndikat und Politik hier etwas gewollt. Sie eröffnet allerdings den Blick auf politische Strukturen in Japan, mit deren Erwähnung man innerhalb einer trostspendenden Lektüre nicht unbedingt rechnet. Den zitierten Ausschnitt aus einem Zeitungsartikel, der die Integrität von Politikern anmahnt, liest man daher mit einiger Verwunderung.
Ein rettendes Buch?
Die Expansion der Themen steht höchstwahrscheinlich im Zusammenhang mit den drei Folgebänden. Ganz erschließen wird sich Sawako Natoris „Freitagsbuchhandlung“ den deutschsprachigen Rezipienten, die naturgemäß nicht über den Lesehorizont der japanischen Autorin verfügen, letzten Endes kaum. Natori bezieht sich dafür zu angelegentlich auf ihre Landsmännin Kaho Nashiki (*1959); in Frankreich ist sie eher bekannt – die Erstübersetzung von Kinyôbi no honyasan erfolgte eventuell vor diesem Hintergrund unter dem Titel La librairie du vendredi (2025) ins Französische (Übersetzer Jean-Baptiste Flamin). Nashiki schreibt für Erwachsene sowie für Kinder Geschichten, „die die Seelen nähren“, und stand mit dem Nationalpsychologen Kawai Hayao (1928–2007), der sich für das psychische Wohlbefinden der Japaner einsetzte, in Verbindung.
Von Nashiki wurde Natori offenbar zu einem gewissen Grad beeinflusst. Sind dem Rezipienten die Zusammenhänge fremd, muss sich bei manchen Passagen Ungeduld einstellen. Sawako Natoris Healing Fiction liest sich auf jeden Fall nicht so rund wie etwa die Beiträge von Michiko Aoyama. Vielleicht stellt sich aber mit einigem Wohlwollen bei dem einen oder anderen doch der vom Verlag versprochene Effekt ein, nämlich dass man – neben der Erinnerung an ein „rettendes Buch“ – „plötzlich Lust bekommen (würde), wieder mehr zu lesen, zu kochen, zu träumen, zu hoffen“. Das bedeutete zumindest eine willkommene Auszeit von der invasiv fortschreitenden Digitalität.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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