Das Leben als Tatsache

In dem Band „Alte Frauen“ geht Verena Lueken der Frage nach der Besonderheit des Alters nach, ohne über das Alter sprechen zu wollen

Von Miriam SeidlerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Miriam Seidler

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Sind alte Frauen ein sexy Thema?“, fragt die Regisseurin und ehemalige Präsidentin der Akademie der Künste, Jeanine Meerapfel, die Journalistin Verena Lueken, als diese sich mit ihr zu einem Interview verabredet. Eine direkte Antwort auf diese Frage versucht Lueken mit ihrem Essayband Alte Frauen nicht zu geben. Vielmehr betont sie, dass das Buch, das elf Portraits von Frauen mit viel Lebenserfahrung versammelt, eine „Sammlung von Erzählungen und Berichten aus einer besonderen Perspektive auf das Leben zu einer bestimmten Zeit“ sein soll. Die „bestimmte Zeit“ ist dabei die fortgeschrittene Lebenszeit aller ihrer Gesprächspartnerinnen.

Viele der von Verena Lueken Porträtierten sind im Kulturbetrieb seit Langem ein Begriff, darunter die Tänzerinnen Lucinda Childs und Katharine Sehnert, die Autorin Ulrike Edschmid sowie die Filmemacherinnen Jeanine Meerapfel und Ulrike Ottinger. Andere sind erst spät in Erscheinung getreten: Die britische Psychoanalytikerin Jane Campbell hat mit achtzig Jahren ihr literarisches Debüt veröffentlicht – eine Sammlung von Kurzgeschichten, in deren Zentrum alte Frauen stehen. Damit, so gesteht sie begeistert, hat sie im Alter noch einmal eine völlig neue Identität angenommen – sehr zum Missfallen ihrer Nachbarn, denen die freizügige Sexualität von Campbells alten Figuren suspekt ist.

Hat Jane Campbell erst spät mit Schreiben begonnen, so malte die amerikanisch-kolumbianische Carmen Herrera Zeit ihres Lebens. Im Unterschied zu so manchem männlichen Kollegen interessierte sich für ihre abstrakten Werke aber lange Zeit niemand. Herrera sah gewissermaßen die Männer an sich vorbeiziehen, hatte aber selbst keine Chance, von der männlich dominierten Kunstwelt wahrgenommen zu werden. Die Freiheit, die aus dieser Nichtbeachtung entstand, ist zugleich auch eine Wunde, die selbst der späte Erfolg nicht heilen kann. Auch die italienische Künstlerin Isabella Ducrot wurde spät von der Galeristin Gisela Capitain entdeckt. Seither ist sie eine feste Größe auf dem Kunstmarkt.

In allen Gesprächen, die Lueken führt, stehen die aktuellen Projekte der Frauen und deren Verbundenheit mit ihren jeweiligen Lebensthemen im Fokus. Lediglich bei Gioconda Segantini, die sich nach dem Tod ihres Ehemanns und dem Auszug der sechs Töchter dem Erbe ihres Großvaters, des italienischen Malers Giovanni Segantini, widmet, spielt das Familienleben eine Rolle. Ansonsten werden die Lebenswege als zielstrebiger Weg zum aktuellen Status hin gezeichnet. Wurden die Frauen zurückgeworfen – etwa durch einen Verlust oder die Missachtung ihrer Werke –, dann nur, um umso konsequenter den eigenen Weg zu verfolgen. Alter wird so zur Summe des gelebten Lebens. Spannend wäre es gewesen, auch die Biographie einer Unternehmerin oder einer Leitungspersönlichkeit aus dem Kulturbetrieb mit aufzunehmen. Das sind Frauen, deren Arbeitsleben entweder mehr oder weniger abrupt endete oder die ihre Verantwortung an einem Punkt der Biographie abgeben mussten. Zugleich gehörten sie einer Generation an, die sich in einer von Männern dominierten Welt behaupten musste. Diese Frauen könnten Facetten zu dem Modell der alten Frau, wie es Lueken entwickelt, beisteuern, die nun im Verborgenen bleiben.

Dass das Modell der ‚alten Frau‘ nicht unbedingt an das Geschlecht und die gelebte Lebenszeit gebunden ist, entwickelt Lueken am Beispiel des Portraits eines Mannes. Im Unterschied zu den Frauen wird er in dem ihm gewidmeten Kapitel nur mit seinem Vornamen vorgestellt. In seiner Kindheit fand er in der Welt der Großmutter Schutz vor seinem gewalttätigen Vater. Bereits als Kind liebte er es, sich mit Frauenkleidern zu kostümieren und sein Aussehen somit radikal zu verändern. Uns so wundert es nicht, dass er mit dem Satz eingeführt wird: „Hallo, ich bin Daniel, aber eigentlich bin ich eine alte Frau.“ Das Beispiel Daniel dient Lueken dazu, das Alter als Lebenshaltung zu beschreiben, die nicht nur von einer gewissen Lebenserfahrung geprägt ist, sondern von einer Gelassenheit, die darum weiß, dass es keiner Zustimmung anderer bedarf, um glücklich zu sein. Ulrike Edschmid findet für die Lebenshaltung bei fortgeschrittener Lebenszeit ein besonders eindrückliches Begriffspaar: Sie fühle sich kühn und auch verzagt, gesteht sie Lueken. Dieses Dazwischen beschreibt die mutig voranschreitenden Frauen ebenso gut wie das Ungewisse, das die Zukunft für sie bereithält.

Auch wenn die Journalistin Verena Lueken mit diesem Modell der alten Frau den Blick auf Lebensphase wie Lebenshaltung neu zu definieren sucht, gelingt es auch ihr nicht, den Klischees, die mit der Lebensphase Alter verbunden sind, völlig zu entgehen. Hinterfragt sie noch kritisch den Begriff der „Rekordalten“, mit dem alte Frauen jenseits der 100 Jahre bezeichnet werden, die nach Jahren des Verschwindens wieder eine gewisse mediale Präsenz haben, so führt sie nur eine Seite später das Fehlen alter Frauen in Talkshows darauf zurück, dass „niemand die alten Frauen anschauen will“. Damit untergräbt sie bereits zu Beginn ihren eigenen Ansatz und auch die spektakulären alten Frauen kommen bei ihr in einer etwas abgewandelten Form vor: In Alte Frauen sind es diejenigen, die erst sehr spät zu Ruhm und damit zu öffentlicher Aufmerksamkeit kommen. Müsste man an dieser Stelle nicht bereits mit Jane Campbell kritisch fragen: „Are Women Human?, kennen Sie das Buch von Dorothy L. Sayers? […] Darum geht es mir. Zu beweisen, alte Frauen sind auch Menschen. Menschen wie alle anderen.“ Wäre es dann nicht konsequent, nicht einen Reigen von elf alten Frauen zu zeigen, sondern diese mit Portraits von alten Männern zu kombinieren?

Verena Lueken schreibt aber nicht nur über Treffen mit Frauen, sondern auch über Begegnungen, die sie verpasst hat. Gründe dafür gibt es viele, aber immer wieder ist es auch das fehlende Bewusstsein dafür, wie nah der Tod einer Person über 90 Jahren ist und dass sich Zeitfenster für persönliche Begegnungen irgendwann schließen. Diese verpassten Gelegenheiten bieten Lueken nicht nur in der Selbstreflexion, sondern auch in Gesprächen mit den älteren Frauen die Möglichkeit, das Verhältnis zur vergehenden Zeit und zur Erinnerung zu reflektieren. In diesen Passagen wirkt der Text melancholisch und lässt wie nebenbei erahnen, welchen Verlust der Tod eines Menschen – selbst wenn er oder sie nur eine entfernte Bekannte oder ein einmaliger Interviewpartner war – bedeutet. Und so scheint in diesen Passagen das eigentliche Thema dieser Sammlung von Gesprächen auf: Wie sich bereits am Beispiel Daniel gezeigt hat, geht es Lueken weniger um das Alter als Lebensphase – insofern ist der Titel Alte Frauen irreführend. Thema des Bandes ist das Vergehen von Lebenszeit und der Umgang damit. Im Alter, wenn diese Zeit sehr schnell weniger zu werden scheint, ist dies ein Thema, mit dem sich jede Frau und auch jeder Mann irgendwann auseinandersetzen muss. Dazu bedarf es der von Edschmid angesprochenen Kühnheit. Lueken nimmt hier gewissermaßen die Rolle der ‚jungen‘ Gesprächspartnerin ein. Sie hat selbst erst die Grenze zum ‚jungen Alter‘ überschritten, weshalb ihr Bewusstsein für die Endlichkeit – wie die verpassten Chancen zeigen – noch nicht ausgeprägt ist.

Einige Autorinnen und Autoren kommen nicht in Gesprächen, sondern über ihre eigenen Texte zum Thema Alter zu Wort. Hier wagt sich der ansonsten theorieferne Band auf die Spuren der philosophisch-theoretischen Reflexion über die Lebensphase Alter beziehungsweise den Prozess des Alterns. Neben Jean Amérys Essay Über das Altern: Revolte und Resignation (1966) geht Verena Lueken sehr ausführlich auf die Analyse Das Alter (1979) von Simone de Beauvoir und die Studie Mythos Alter (1995) von Betty Friedan ein. Alle drei findet sie heute wenig zeitgemäß – was bei den Erscheinungsdaten nicht verwundert. Jüngere Bücher zum Thema wie zum Beispiel Das Alter. Ein Traum von Jugend von Hannelore Schlaffer aus dem Jahr 2003 oder Elke Heidenreichs 2024 erschienener Essay Altern – um nur zwei Beispiele zu nennen – hat Lueken für ihren Essayband nicht konsultiert. Dabei hat gerade Heidenreichs Text gezeigt, dass Altern als Thema vielleicht nicht sexy ist, dass es aber eine große Leser:innenschaft anspricht, hat der schmale Band es doch unter die 10 beliebtesten Sachbücher der SPIEGEL-Bestsellerliste 2024 geschafft. Und so wundert es nicht, dass auch der Ullstein Verlag Luekens Buch als einen Text über das Alter als neuen Aufbruch bewirbt und somit die ‚jungen Alten‘ als Zielgruppe adressiert.

Doch ganz abgesehen von den Werbestrategien der Buchbranche: Verena Lueken ist Journalistin und hat über viele Jahre für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschrieben. Von dieser Routine profitieren die Essays in ihrem jüngsten Band. Die Texte sind in einem leichten Plauderton verfasst. So führen sie auf eine unterhaltsame Art und Weise in Leben und Werk der Gesprächspartnerinnen ein, ohne dabei die Inhalte zu vereinfachen. Gleichzeitig gelingt es der Autorin, die Persönlichkeit der Porträtierten einzufangen. Auch wenn sie diese selbst gerade erst kennengelernt hat, entsteht beim Lesen das Gefühl, alte Freundinnen träfen sich zu einem Plausch. Daran lesend teilzunehmen, ist ein Vergnügen – auch wenn das Älter- und Altwerden, wie Lueken mehrfach selbst feststellt, für ihre Portraits kaum eine Rolle spielt. Und so bleibt am Ende der Lektüre die Erinnerung an beeindruckende Frauen, deren Werke uns hoffentlich auf die eine oder andere Weise wieder begegnen werden.

Titelbild

Verena Lueken: Alte Frauen.
Ullstein Verlag, Berlin 2025.
320 Seiten, 24,99 EUR.
ISBN-13: 9783550204265

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