Gescheitert ohne Widerstand

Thea Mantwill erzählt in “Gescheiterte Sterne” vom Schicksal einer Wohnungslosen in einer dystopischen Gegenwart

Von Hermann RotermundRSS-Newsfeed neuer Artikel von Hermann Rotermund

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Schlaf und die Schlaflosigkeit waren in den letzten Jahren ein häufiges Thema der internationalen und deutschen Literatur. Beispiele dafür sind Theresia Enzensbergers Schlafen, der an Thomas Manns Zauberberg angelehnte Roman Heilung von Timon Karl Kaleyta und der norwegische Bestseller Schlaflos von Anders Bortne.

Die Schlaflosigkeit in Thea Mantwills Buch ist mit einem wichtigen gesellschaftlichen Krisenherd der Gegenwart verknüpft: der Wohnungsnot. Der Roman ist in einer leicht dystopischen Gegenwart angesiedelt, in der sich nur reiche Menschen eine eigene Wohnung leisten können. Für die anderen gibt es Hotels und Schlafclubs, in denen sie unter zum Teil entwürdigenden Bedingungen nächteweise Schlafplätze mieten können, sofern sie das Übernachtungsgeld aufbringen können. Die Erzählerin schläft oft in Bussen, in Bars oder bei Freunden, die zufällig eine Bleibe, aber oft extrem beengte Verhältnisse haben. Schlafen ist also in diesem Fall kein gesundheitliches Thema, sondern ein soziales, das die Erzählerin als Problem der bestehenden Klassenverhältnisse bezeichnet. Nähere Aufschlüsse zur politischen Situation im Land oder über Versuche, die kaum erträgliche Lage im Wohnungswesen zu ändern, gibt es jedoch nicht.

Das Buch hat eine ganze Reihe von Leerstellen, häufig drängen sich Fragen bei der Lektüre auf, die nie beantwortet werden. Einigermaßen einfach ist es immerhin, die Anonymität des Ortes aufzulösen, in dem die Erzählerin sich bewegt. Der Weiher mit den Schwänen, der auf einer der ersten Seiten erwähnt wird, legt die Vermutung nahe, dass die Erzählerin in Düsseldorf zu Hause ist. Außer durch das Wort „Büdchen“, das im Rheinland einen Kiosk oder eine Trinkhalle bezeichnet, wird diese Vermutung im Buch durch keine anderen Hinweise unterstützt oder widerlegt. Allerdings hat die Autorin Mantwill an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert und lebt immer noch dort. Ihre Erzählerin unterstreicht mit großer Emphase, dass sie ihre Stadt als emotionale Heimat empfindet, die ihr ein euphorisches Grundgefühl vermittelt. Beim Nachdenken darüber geht es ihr vor allem um die Wahrnehmung und das Ausleben der Möglichkeiten des dichten physischen und sozialen Raums, die in einer Großstadt gegeben sind.

Über die Ich-Erzählerin ist irgendwann zu erfahren, dass sie Ariane heißt, sie ist wohl knapp dreißig Jahre alt, hat irgendetwas studiert und arbeitet (zunächst) bei einer Autoversicherung. Mit ihrer Mutter Elisa hat sie früher in einer WG gewohnt, ihr Vater wird überhaupt nicht erwähnt. Die Mutter ist berufstätig und hat ein positives Verhältnis zu ihrer Arbeit, über die jedoch nichts Konkretes zu erfahren ist. Ariane hingegen empfindet ihre eigene Tätigkeit als entfremdet und gibt sie nach einer Weile auch auf. Ihre Alternative ist allerdings keine Arbeit, die sich durch ein größeres Maß an Selbstbestimmung auszeichnet, sondern setzt sich aus persönlichen Dienstleistungen zusammen. Warum ihr individuelles Profil oder ihre soziale Stellung ihr keine andere Wahl lässt, erklärt sie nicht. Sie akzeptiert sozusagen ihre Einordnung in der unteren Zone der sozialen Hierarchie als unveränderlich. Selbstbestimmte Varianten von Leben und Arbeit lernt sie in einem Haus kennen, in dem sich „Queens“ versammelt haben und eine Bar betreiben. Einige von ihnen arbeiten in einem „Love Hotel“ genannten Bordell, was Ariane höchst attraktiv erscheint, weshalb auch sie einen Versuch als Sexarbeiterin unternimmt.

Erotisch ist sie jedoch an Frauen interessiert, und eine seit Kindheit bestehende Freundschaft verbindet sie mit Sam, einer Person, deren geschlechtliche Zuordnung unterbleibt und die sich der Gruppe der „Queens“ angeschlossen hat.

Der gesamte Text ist ein permanentes Selbstgespräch, ein Strom von Empfindungen und Erinnerungen. Reflexionen beziehen sich regelmäßig nur auf den unmittelbaren Erlebnisraum der Erzählerin. Andere Personen werden sehr flüchtig gezeichnet, nur wenige werden durch häufigere Begegnungen etwas plastischer. An ihren Namen haftet keine eigene Biographie. Es geht fast immer ums Jetzt und Gleich, nicht auch um Herkunft und Erfahrungen anderer. Diese Leerstellen fallen jedoch kaum ins Gewicht, da die Erzählung eine große Fließgeschwindigkeit hat.

Sprachlich gibt es abgesehen von gelegentlichen Registersprüngen (zwischen „Bratze“ und „Hetäre“) am Gedanken- und Schreibstrom der Erzählerin wenig auszusetzen. Der Erzählstrom setzt sich ununterbrochen fort und wechselt dabei zwischen erzählter Gegenwart und Einschüben einer meist erst kurz zurückliegenden Vergangenheit, zwischen Situationsbeschreibung und Reflexion. Direkte Rede in Form von Dialogen kommt höchst selten vor.

Allerdings: Es war zu erwarten, dass die Anglizismen schlecht übersetzter Dialoge von TV-Serien nicht nur in die Alltagssprache von Social-Media-Konversationen, sondern schließlich auch in die deutsche Literatur hinüberrutschen. In Thea Mantwills Buch sind sie nun zuhauf gelandet. Ein Kleinkind ist ein Toddler, ein Verliebtsein ein Crush, und ein Teenager beleidigt „sein Love Interest“. Hat das Lektorat bei Korbinian nicht wenigstens mit der Autorin um solche Wendungen gerungen: „tatsächlich waren sie für eine Geburtstagsfeier eines Freundes dort“? [Hervorhebung des Rezensenten] Oder hat nur ein Selbst-Lektorat stattgefunden?

Abgesehen von solchen kleinen Störfaktoren lässt sich der Roman flüssig und schnell lesen. Die dystopische soziale Krisensituation, von der die Lebenswelt der Erzählerin geprägt ist, wird allerdings als solche nie thematisiert, sondern einfach hingenommen. Die Protagonistin wünscht sich, „eine andere zu sein“, aber nicht, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse andere wären. Warum die Autorin ihre Figur, deren Erfahrungen, Empfindungen und Reflexionen sie durch den Text erlebbar macht, nicht auch mit einer Prise Kritikfähigkeit ausgestattet hat, bleibt daher eine offene Frage.

Titelbild

Thea Mantwill: Gescheiterte Sterne. Roman.
MÄRZ Verlag, Berlin 2026.
160 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783755000686

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