Die Romantik im Blickpunkt

Christian Schärf liefert in “Der romantische Mann” viele kluge Beobachtungen – aber wo bleibt die Systematik?

Von Martin LowskyRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Lowsky

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt seit etwa 1800 romantische Gedichte und romantische Prosa, romantische Musik, romantische Philosophie und romantische Malerei. Romantisch können auch die Architektur, die Gartenkunst, die Religion, die politische Haltung sein. Romantisch heißt eigentlich volkstümlich, aber dann auch wild, unklassisch, spontan, weltoffen. Es gab Momente in Frankreich und anderswo, in denen romantisch einfach nur ‚deutsch‘ bedeutete. In seinem neuen Buch nennt Christian Schärf die Romantik die Zeit des „Durchbruchs zu neuen Horizonten“. Er betont, dass Ideen gelebt werden müssen, und nennt den Vertreter solchen Lebens den „romantischen Mann“. So auch der Titel dieses Buches.

Schärf rechtfertigt zunächst – und zwar in überzeugender Weise –, dass er hier vom Mann und nicht allgemein vom Menschen spricht. Das dominante Geschlecht sei damals das männliche gewesen; die Weiblichkeit der Romantik, die es auch gebe, sei „ein Erzeugnis des romantischen Mannes“. Schärf nennt Friedrich Schlegel und Friedrich Hölderlin, die sich von Diotima, der weisen Frau bei Plato, dieser „mythischen Erscheinung aus der Fremde“, inspirieren ließen und in ihr das Bild einer vollendeten Menschheit sahen. Und doch sei Diotima eine Dienerin: Sie führt den Mann zur Vollendung, sie ist – so Schärfs glückliche Formulierung – seine „Ermöglicherin“.

Einige Prototypen des romantischen Mannes sind: der „verzweifelte Sänger“ – Heinrich Heine etwa, der das Gefühlserlebnis und zugleich das abrufbare „Gefühlsrepertoire“ preist –, der „kunstliebende Klosterbruder“, der „nackte Heilige“ – der sich aus dem Räderwerk und dem Rationalismus der Welt mittels Musik erlöst –, der „Prophet des poetischen Lebens“, für den (Novalis!) Dichtertum und Priestertum dasselbe sind – und der „metaphysische Patient“. Letzterer ist einerseits der Byron’sche Held, der mit seinen Leidenschaften und Begierden, wenn nicht gar über Leichen, so doch über alle gesellschaftlichen Schranken hinweggeht. Und andererseits ist dieser Patient der Wanderer in Wilhelm Müllers und Franz Schuberts Winterreise, der sich gegen Kälte und Sturm, aber auch gegen Metternichs Zensur und den kommenden Realismus stellt.

Noch viele interessante Einsichten dieses Buches wären zu nennen. Etwa die über den Realisten Fontane, dem für sein Schreiben die Verklärung äußerst wichtig war, was ihn, im Unterschied zu seinen Zeitgenossen im europäischen Realismus, zu einem Vertreter der Illusionskunst und damit zum romantischen Mann mache. Oder über Eichendorffs Kampf gegen die Philisterei und den Geschäftssinn, der zugleich ein Kampf gegen die Freiheitsbestrebungen seiner Zeit war. Ein ganzer Abschnitt von sieben Seiten ist der oben genannten Figur Diotima gewidmet.

Schärfs Buch ist reich an klugen Beobachtungen, an genau recherchierten Einzelheiten, an Aufdeckungen von historischen Zusammenhängen. Und doch ist der Leser enttäuscht. Denn welche sind hier die Kernaussagen über den romantischen Mann? Er „konstituiert sich aus der ständigen Beziehungsdynamik zwischen Körper, Bewusstsein und Gehirn“, er ist „das Subjekt der Sehnsucht, die ihn antreibt“, „als Verkörperungsfigur ist er sich selbst voraus“, „seine Ethik entspringt dem Bewusstsein, ein schöpferischer Mensch zu sein“. Eine Art Resümee bilden diese Aussagen: Durch den romantischen Mann „erfuhr die europäische Kultur eine Stabilisierung und Entfaltung, wie sie, ausgehend von Kulturschaffenden, zuvor unvorstellbar gewesen war“, und: „Der romantische Mann ist der Inbegriff des modernen Kultursubjekts“.

Es ist leider so: Solche Formulierungen kennzeichnen das ganze Buch. Schärfs Einzelbeobachtungen und Beschreibungen enden in allzu allgemeinen und abstrakten Aussagen. Bis hin zu dem tautologischen Satz in der Mitte des Buches: „Der romantische Mann ist der Protagonist der romantischen Idee.“

Eine wirkliche Systematik des romantischen Mannes liefert das Buch nicht. Es bleibt unvollendet. Etwa Sigmund Freuds Theorie über den Dichter, das Phantasieren und den Traum werden nicht herangezogen (auch wenn das Stichwort „Realitätsprinzip“ erscheint), ebenso wenig die Überlegungen Ernst Blochs über das ‚Prinzip Hoffnung‘ (auch wenn die „Poetik des Vorausentwurfs“ genannt wird). Gewiss, Schärf ist an keiner Stelle zu widersprechen. Insbesondere sagt er gegen Ende des Buches das Richtige, wenn er feststellt, dass der romantische Mann und dessen Nachfahren noch in vielen Variationen unter uns leben. Aber von einem Buch mit dem engen Titel Der romantische Mann möchte man nicht nur ein beschreibendes, sondern auch ein analytisches Vorgehen erwarten.

Oder muss man dies ganz anders sehen? Hat dieses Buch einfach so werden müssen, wie es geworden ist? Spricht doch Schärf auch von der „Unfertigkeit“ des romantischen Mannes und seiner Besessenheit, alle Ansprüche von Vorschriften und Theorien „mit der Ironie des Unvollendeten zu unterlaufen“. Soll da der Interpret wirklich mit Systematik kommen? So wäre dieses Buch dann nicht nur ein sehr reichhaltiges, sondern auch ein sehr gelungenes Werk.

Titelbild

Christian Schärf: Der romantische Mann. Die Verkörperung des poetischen Lebens.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2026.
358 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783849821265

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