Ein Mann mit unverhofften Eigenschaften

„Die Pause ist vorbei“: Dario Ferrari über mittelmäßige Akademiker und den Linksradikalismus der 1970er Jahre

Von Walter DelabarRSS-Newsfeed neuer Artikel von Walter Delabar

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Irgendwann ist jede Pause vorbei, auch die, die man verlängerte Adoleszenz nennt und die gern und vor allem von geisteswissenschaftlichen Akademikern mittleren Rangs für sich in Anspruch genommen wird. Gern und ungern, müsste man genauer sagen. Denn eine akademische Karriere, wenn sie denn keine gönnerhafte Förderung erfährt oder dem Ausbau von Macht- und Einflusssphären gilt, braucht viel Geduld und Leidensbereitschaft. Grips, wenn man so boshaft sein darf, ist im Vergleich dazu unwichtig.

Aber wer mit Anfang dreißig noch keinen Job hat und sich mit Lehraufträgen, der VG Wort, den elterlichen Stützen und dem einen oder anderen Job über Wasser hält, kann nicht ernsthaft für voll genommen werden, nicht nur in der Wissenschaft. Mit Marcello, dem Helden in Dario Ferraris nun bei Wagenbach in der Übersetzung von Christiane Pöhlmann erschienenem Roman Die Pause ist vorbei, haben wir einen solchen haltlosen Akademiker vor uns. Dessen wissenschaftliche Karriere speist sich aus wenigen, manchmal halbgaren Ideen, noch weniger Mühen und vor allem großen Reden, die ihn am Ende vielleicht doch noch in die väterliche Bar bringen, um dort seinen Lebensunterhalt zu bestreiten (alternativ Taxi). Akademisches Fußvolk halt. Aber was bleibt einem, wenn aus dem Aufstieg in die universitären Sphären nichts wird? Auf ewig Doktorand? Oder Post Doc? Egal. Spätestens nach der Habil ist für den Schluss mit der Wissenschaft, der nicht Klinken putzen kann oder will. Oder aber eben Glück hat – was einen schon misstrauisch machen sollte.

Das aber kann man Marcello nicht wirklich vorwerfen. Sicher, die Idee mit der Promotion entsteht aus dem Dauerzwist mit dem Vater. Aber als er einmal seine Entscheidung rausposaunt hat, gibt’s kein Zurück. Und obwohl es schlichtweg unmöglich ist, bekommt er eines der raren Promotionsstipendien der Fakultät. Unverhofftes Glück, das nicht lang währt: Sein Doktorvater Sacrosanti, der in mehrfacher Hinsicht unberührbar ist, haut ihm gleich sein Promotionsvorhaben um die Ohren und drückt ihm eine Studie über einen Ex-Terroristen der 1970er namens Tito Sella auf die Nase, der sich im Knast zum Schriftsteller gewandelt hat und dessen Nachlass nun merkwürdigerweise nach Paris gegangen ist. Darin vermutet Sacrosanti einen Nachlasstext, der den Titel „Phantasima“ trägt. Marcello, der bisher eigentlich kaum aus Viareggio (der Ort liegt westlich von Lucca an der Küste) rausgekommen ist, soll nun für ein paar Monate nach Paris und Archivarbeit leisten? Will er nicht, kann er nicht, macht er nicht. Und er fährt doch.

Selbstverständlich steigt Marcello ins studentische Pariser Leben ein, und irgendwie liest er sich bei Sella fest. Marcello unterzieht die Romane Sellas einer neuen Lektüre, die vor allem von seinem Unverständnis geprägt ist – das sich teils genialisch, teils souverän gebende akademische Geschwätz seiner Kommilitonen hat er nicht drauf. Wenn er mit ihnen spricht, hat er vor allem Fragezeichen im Kopf, muss sich immer wieder aufs Neue rausreden und nachlesen, wovon da eigentlich die Rede war. Was ungeheuer bildet. Denn er liest auf diese Weise nicht nur alles, was Stelle publiziert hat, sondern auch den gesamten Nachlass und kann den Aufstieg Sellas zum Erz-Terroristen nachvollziehen, der mit seinen Kumpels an einer sich immer weiter steigernden Abfolge von Aktionen beteiligt ist.

Diese Gruppe Ravachol (ja, ein bekannter französischer Anarchist inklusive Bombenleger) beginnt mit spontanen Aktionen: mit einer fingierten Entführung (der Entführte ist lediglich im Urlaub), sie fackelt den Wagen eines missliebigen Ingenieurs ab, überfällt ein Kaufhaus und verteilt die Waren an die Kunden. Alles unblutig und vor allem spektakulär: Aber die Gruppe radikalisiert sich weiter. Sie besorgt sich Kohle aus einem unblutigen Banküberfall (was sich proletarische Enteignung nennt), entführt einen Reederssohn und lässt ihn gegen Lösegeld frei, lässt einen Karnevalswagen hochgehen. Am Ende kommt bei einem Schusswechsel neben dem Großteil der Aktivisten auch ein Richter um. Das ist dann keine Theorie mehr, sondern blutige Praxis, die allerdings einen makabren Hintergrund hat. Die linksradikalen Gruppenmitglieder massakrieren sich nämlich gegenseitig (und dabei eben auch den Richter), weil die einen die anderen für Polizisten halten und das Feuer eröffnen. Der einzige, der dem Schusswechsel anscheinend entkommt, ist Sella, der kurze Zeit später gefasst wird und bis zu seinem Tod in den Knast wandert.

Naheliegend inszeniert Ferrari die biografische Kurve Marcellos auf der Vorlage Sellas und umgekehrt. Und naheliegend passt gen Ende alles zusammen: Seine unerwartete akademische Chance, das Interesse Sacrosantis, die Pariser Zeit als extraordinäre, fast revolutionäre Phase und die Konsolidierung der beiden, in der Erzählung parallel erwachsenwerdenden jungen Männer – erwachsen werden heißt, schreiben zu lernen, um sich über das im Klaren zu werden, was geschehen ist.

Ferrari taucht tief in das prekäre Leben der italienischen Jungakademiker zweier Generationen ab, die sich einander näher sind und bleiben, als es auf den ersten Blick erscheint. Das hat ungeheuren Witz und lässt tief eben nicht nur in eigene Vergangenheiten abtauchen, sondern auch in die Extravaganzen der 1970er Jahre, in denen einen die zentrifugalen Gewalten eben doch auch in das treiben konnten, was dann als Terrorismus gestempelt wurde. Auch wenn diese junge Truppe von antikapitalistischen Eskapisten eher in einer blutigen Farce endet als in einer bewussten politischen Aktion. Die Spannbreite auch in jenen Jahren konnte sehr groß sein, und die Motivation stammt nicht zuletzt aus den Zumutungen eines selbstherrlichen Staats, der sich unverhohlen mit autoritären und selbstsüchtigen Unternehmen gemein machte. Kommt bekannt vor? Da gab’s doch jüngst eine Diskussion um die politische Agenda von großen Tech-Konzernen. Dafür hat man seinerzeit andere Worte gefunden, aber – und da lässt sich an dem ungemein faszinierenden Roman Ferraris ein wenig herumkritteln – Ferrari schafft es nicht immer, den richtigen, wenn man will, authentischen Ton zu treffen. Das mag an der Übersetzung liegen – was nicht als Kritik gemeint ist, aber den italienischen Ton im Deutschen zu treffen, ist eigentlich unmöglich. Schade isses doch, nebenbei.

Titelbild

Dario Ferrari: Die Pause ist vorbei.
Aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2026.
352 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783803133847

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