Drei Stoffe, die die Welt bedeuten
Judith Schalanskys Poetikvorlesungen „Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist“ entdecken in drei Materialien die gesamte Kulturgeschichte
Von Gerrit Althüser
Zum Berufsbild von Dichter:innen und Schriftsteller:innen in Deutschland gehört auch die Pflicht, bei entsprechendem Erfolg einer interessierten Öffentlichkeit in Poetikvorlesungen, Vorträgen, Interviews und Workshops Einblick in den Entstehungsprozess der eigenen Texte sowie das persönliche Kunst- und Schreibverständnis zu geben. Nicht selten werden die Manuskripte dieser Vorlesungen und Vorträge hinterher in Buchform veröffentlicht, stellen im jeweiligen Schaffen aber Nebenwerke dar. Sie landen nicht auf den Bestsellerlisten, sondern allenfalls in den Bücherregalen einiger besonders loyaler Anhänger:innen und in germanistischen Fachbibliotheken. Im Falle Judith Schalanskys verhält es sich mit dieser Textsorte anders. Wie bereits ihre Tübinger Poetikvorlesung aus dem Jahr 2019 (2020 veröffentlicht in Buchform gemeinsam mit zwei Vorlesungen von Karl Ove Knausgård) fügen sich auch die nun veröffentlichten Frankfurter Poetikvorlesungen unmittelbar in Schalanskys Schreibprojekt und den zwischen Essay und Erzählung schwankenden Schreibstil aus dem Verzeichnis einiger Verluste (2018) und Schwankende Kanarien (2023) ein. Für Schalanskys Poetikvorlesungen gilt, was Annie Dillard, die in den Vorlesungen mehrfach zitiert wird und in die von Schalansky herausgegebenen Buchreihen Naturkunden und Wildes Wissen aufgenommen wurde, zu Beginn einer ihrer Essaysammlungen schreibt: Die Texte seien „keine Gelegenheitsarbeiten, wie manche Schriftsteller sie als Beiwerk zum eigentlichen Schaffen herausbringen; vielmehr ist dies mein eigentliches Schaffen, wie es nun einmal ist.“ Auf die von Schalansky in Interviews mehrfach in Aussicht gestellte Liebesnovelle, also vermutlich wieder fiktionale Literatur im engeren Sinne, darf man natürlich trotzdem gespannt warten.
Die drei Vorlesungen widmen sich je einem der drei Stoffe aus der Überschrift, die wieder Schalanskys Vorliebe für Listen, Aufzählungen und Verzeichnisse erkennen lässt. Streng naturwissenschaftlich betrachtet liegt freilich eine inkonsistente, die Systematik sprengende Liste vor. Solche Listen waren mit Bezug auf Jorge Luis Borges und dessen berühmtes Beispiel der angeblichen chinesischen Enzyklopädie bereits in der Tübinger Vorlesung Thema. Eine gewisse Logik findet sich dennoch, da die drei klassischen Aggregatzustände abgedeckt sind, und Schalansky selbst stellt fest, dass der Titel auf Englisch gleich zwingender ausfiele: Marble, Mercury, Mist.
Statt einer durchgehenden, aufeinander aufbauenden Vorlesungsreihe entwirft sie ein Triptychon der Materialität der Welt und der materiellen Grundlagen aller Kultur – und damit auch des Schreibens. Zu den verschiedenen Stoffen nimmt sie dabei jeweils einen bestimmten Schreibstil ein: Dem Marmorblock als festem und konkreten Objekt nähert sie sich in essayistischer Form, dem schillernden, flüssigen, aber hochgiftigen Quecksilber widmet sie eine hintergründige und ambivalente autobiografische Erzählung über einen Vortrag im mexikanischen Guadalajara und beim Nebel wird der Schreibstil fragmentarisch und scheint sich zunehmend im Ungewissen zu verlieren. Entsprechend ist das Ich im ersten Text vor allem ein wahrnehmendes und reflektierendes, ein Zeuge, wie man ihn oft im Nature Writing findet. „Wir sind hier, um Zeuge zu sein“, hieß Schalanskys Nature-Writing-Anthologie aus dem Jahr 2023 – abermals ein Dillard-Zitat. Im zweiten Text hingegen tritt uns eine handelnde Erzählerin entgegen, im dritten taucht das Ich fast nur noch in vereinzelten autobiografischen Erinnerungen und Anekdoten auf.
Die Vorlesungen beginnen mit einem Block Marmor auf einem Lastwagen, der Schalansky beziehungsweise ihrer Erzählerin auf einer Fähre von Thasos zum Festland auffällt. Von diesem Ausgangspunkt setzt sie zu einem Parforceritt durch die westliche Kulturgeschichte und den Schreibkosmos von Judith Schalansky an. Bei Schalansky geht es schließlich immer um fast alles. Nicht umsonst schreibt sie, dass sie manchmal denkt, „die gesamte Weltgeschichte ließe sich anhand eines einzigen Gegenstandes erzählen.“ Sie scheint es tatsächlich zu können. Und nur zu gerne folgt man ihren wilden Assoziationsketten in die unterschiedlichsten Themengebiete wie Architekturgeschichte, Buchgestaltung, dem Lucha Libre (dem mexikanischen Wrestling), einem Marder in der Staatsbibliothek zu Berlin, der Sprache alter Wetterberichte oder der Innengestaltung der Arche Noah nach Athanasius Kircher.
Das Geflecht aus Assoziationen und Motiven birgt sicher für jede:n Leser:in noch unerwartete Entdeckungen. Dort findet man beispielsweise die Schweineskulptur Christa Winsloes, die unbekannte Seite Isaac Newtons als Alchimist und Apokalyptiker oder Einzelheiten aus der Vorgeschichte der künstlichen Intelligenz vom Orakel von Delphi über Ramon Lull und Novalis bis zu Alan Turing. Ebenso interessant sind Schalanskys Ausführungen zum Mythos von Pygmalion. In diesem erkennt sie nicht nur einerseits einen Incel avant la lettre sowie einen Mann, der den Makel, nicht selbst gebären zu können, patriarchal pragmatisch auszugleichen versucht, sondern andererseits das nächstliegende Rollenangebot des genialischen Künstlers. Und während das Pygmalionmotiv in der Marmorvorlesung etabliert wird, wird es beim Nebel wieder aufgegriffen, wenn künstliche Intelligenz thematisiert wird. Auch in einer Notiz Rainer Maria Rilkes, Michelangelo hätte, wenn man ihn nur einen Augenblick allein gelassen hätte, seinen Meißel an die Welt angesetzt, erkennt sie „den wohlgenährten Mythos eines vor Kraft und Genie strotzenden Protagonisten, der nicht weiß, wohin mit seinem omnipotenten Gestaltungswillen, eine Geschichte, die seither bis zur wortwörtlichen ›Erderschöpfung‹ durchexerziert wird.“ Gerade im Marmorkapitel zeigt sich, dass es eine Geschichte der Umwandlung von Welt in Kultur ist, die Schalansky erzählt.
Strukturell bemerkenswert gestaltet ist die zweite Vorlesung, die den Raum zwischen Fakt und Fiktion auszuloten versucht. Denn die Hauptfigur ist zwar eindeutig an Schalansky angelehnt und eine kurze Internetrecherche belegt, dass der Vortrag in Guadalajara im November 2023 tatsächlich stattgefunden hat. Eine starke Fiktionalisierung ist aber anzunehmen, wenn diese sich vor den Studierenden in eine überschwängliche Tirade hineinsteigert, vom erzählenden Ich der Lüge überführt und gar der gesamte Vortrag als begrifflich unüberlegt abgekanzelt wird. Es ensteht eine doppelbödige, gebrochene und ironische Konstruktion, durch die die Möglichkeit eröffnet wird, unter Vorbehalt zu sprechen, und durch die in der Vorlesung auch das Medium der Dichtervorlesung beziehungsweise des Dichtervortrags selbst reflektiert wird.
So wenig ein Werkstattbericht oder ein Blick hinter die Kulissen vorliegt, finden sich doch biografische Episoden und Anekdoten. Und über Schalanskys Arbeitsweise lässt sich zum Beispiel lesen, dass sie – der reduktiven des Bildhauers entgegengesetzt – „vorrangig darin besteht, Gewicht aufzutürmen und die Schwere der Sedimente auf den Stoff einwirken zu lassen, ein Prozess der fortwährenden Verdichtung, in dem alles Erklären und Erzählen immer mehr amalgamiert, so dass es gänzlich ineinander aufgeht“. Auch die Bedeutung der Bibliothek für das eigene Schreiben wird angesprochen, schließlich sei es „eine Kreislaufwirtschaft, in der Sekundärliteratur wieder in Primärliteratur verwandelt wird“. In der Gesteinsmetaphorik des ersten Teils wird die Bibliothek daher zum Steinbruch, ebenso wird sie aber auch zum Schiff. Denn während Schalansky sich nicht damit aufhält, von ihren bisherigen Büchern zu sprechen, sind sie in Anspielungen und Motiven präsent: Inseln, Seefahrt, Biologie, Verluste wie den von Winsloes Schwein – und den sterblichen Überresten der ermordeten Winsloe selbst.
Doch mehr als darüber zu sprechen führt Schalansky ihr poetisches Verfahren selbst vor und schafft so einen Rausch aus Sprache und Wissen, in den sie die Lesenden hineinzieht. In der Tradition sich durch überbordende Gelehrsamkeit auszeichnender Schriftsteller wie Thomas Browne, Denis Diderot, Jorge Luis Borges, Umberto Eco und Italo Calvino, die sie in ihren Vorlesungen auch meist mehrfach zitiert, erschafft Schalansky aus Zettelkästen und Bibliothekskatalogen eine wundervolle Prosa, die die Grenze von Sachbuch und Poesie, von Fakt und Fiktion, von Aufklärung und Mythos austariert – eine Poetria Docta im besten Sinne.
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