Zwischen Pest und Poesie

Franziska Meier erschließt Giovanni Boccaccios Welt in neuem Licht

Von Ruth IsserRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ruth Isser

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Man kennt ihn als Autor des Decamerone – doch Giovanni Boccaccio war weit mehr als der Chronist frivoler Erzählungen. In einer Zeit, die von Seuchen, Umbrüchen und existenziellen Verunsicherungen geprägt war, entwarf er eine Literatur, die dem Chaos nicht auswich, sondern es erzählend ordnete. Pünktlich zum 650. Todestag unternimmt die Göttinger Romanistikprofessorin Franziska Meier den Versuch, diesen schwer fassbaren Autor neu zu vermessen. Dabei führt sie uns entlang dreier Achsen: zum Verhältnis zum Vater, zum sozialen und räumlichen Umfeld sowie zu den Zeitgenossen.

Über diese diversen Perspektiven begegnet uns Boccaccio trotz der raren Quellenlage als dreidimensionale Gestalt. Schon zeitgenössisch ist der Dichter nicht als stringente Persönlichkeit zu fassen: Er taucht auf als Begründer der studia humanitatis, als Verehrer der Antike, als Meister des volkssprachigen Prosastils – und zugleich, nicht ohne moralischen Unterton, als ‚säuisch‘ und frivol. Zwischen Gelehrsamkeit und Körperlichkeit, zwischen Latein und volgare bewegt sich ein Autor, der sich eindeutigen Zuschreibungen entzieht. Auch biographisch bleibt er in Bewegung: Dichter, Kleriker mit niederen Weihen, Jurastudent, Kaufmannslehrling – eine Existenz ohne feste Form, deren Brüche sich produktiv im Werk niederschlagen.

Die Quellenlage ist notorisch dünn. Autobiographische Zeugnisse fehlen nahezu vollständig; das Leben muss aus Briefen, aus verstreuten archivalischen Spuren und besonders aus dem dichterischen Werk rekonstruiert werden. Gerade aus dieser Leerstelle gewinnt Meiers Darstellung an Spannung. Sie liest Boccaccio konsequent aus seiner Zeit heraus – einer Zeit, die von der Pest ebenso geprägt war wie von politischen Instabilitäten, wirtschaftlichen Krisen, klimatischen Herausforderungen und der Frage nach dem ‚richtigen‘ Leben.

Über Boccaccios frühe Jahre weiß man wenig; selbst die Mutter bleibt im Dunkeln. Umso präsenter ist der Vater, dessen Einfluss sich wie ein roter Faden durch das Leben des unehelich geborenen Sohnes zieht. Meier gelingt es, aus spärlichen Hinweisen und zeitgenössischen Erziehungstraktaten ein atmosphärisch dichtes Bild dieser prägenden Phase zu entwerfen. Mittels der ersten dichterischen Versuche oder der Bemühungen, in eine kaufmännische Lehre einzusteigen, zeigt sich das Alltagsleben des frühen 14. Jahrhunderts in Italien.

Mit den Lebensstationen in Neapel und Padua erweitert sich der Horizont: Neue Netzwerke und neue intellektuelle Impulse bereichern das Leben Boccaccios. Meier macht diese Räume als Erfahrungsräume lesbar und verknüpft sie interpretatorisch mit dem Werk, in dem sich biographische Linien brechen, spiegeln oder auch entziehen. Dabei integriert sie souverän Perspektiven der Umwelt- und Klimageschichte ebenso wie Fragen nach Körper, Krankheit und medizinischem Wissen – Themen, die gerade im Decamerone eine eigentümliche literarische Verdichtung erfahren.

Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen Boccaccio selbst zu Wort kommt: über Auszüge seiner polemischen Briefe. Nahe fühlt man sich dem Dichter aber auch über den Einblick in die von ihm verwendeten antiken Texte oder während der Ausführungen zur Freundschaft mit Francesco Petrarca. Hier wird der Dichter in Facetten greifbar, die hinter dem gängigen Fokus auf dem ‚Anrüchigen‘ oder ‚Skandalösen‘ gerne übersehen werden. So geht die Romanistin auf weitere weniger beachtete Seiten von Boccaccios Leben und Schaffen ein – wie seine lateinischen Texte, die im Schatten seines Hauptwerks lange marginalisiert wurden.

Diese neue Biographie ist weniger die Rekonstruktion eines geschlossenen Lebens als vielmehr die Erkundung eines Möglichkeitsraums. Meier fügt die erhaltenen Quellen zu einem vielschichtigen Bild zusammen, ohne die Brüche vollständig zu glätten. Im Gegenteil: Neben jede vermeintliche Gewissheit tritt eine neue Frage. Für wen schrieb Boccaccio? Welche Erfahrungen verarbeitet sein Werk? Was für ein Mensch steckt dahinter?

Am Ende bleibt Giovanni Boccaccio ein Autor der Übergänge, der den Weg zwischen Mittelalter und Renaissance anzeigt. In vielerlei Hinsicht war er seiner Zeit voraus. Die Wahl seiner Texte sowie die verwendete Sprache waren ungewöhnlich und verweisen in seiner Person auf das Aufkommen einer neuen Weltsicht. Die Biographie gibt Einblick in das Leben, die Zeit und das Werk eines Dichters, Geistlichen, Juristen sowie Finanzbuchhalters, der am Ende seines Lebens völlig verarmt verstarb, aber noch heute gültige Fragen zur Menschlichkeit, zum Menschsein und dem ‚richtigen‘ Leben literarisch verarbeitete.

Ein Beitrag aus der Mittelalter-Redaktion der Universität Marburg

Titelbild

Franziska Meier: Giovanni Boccaccio. Dichter in schwarzen Zeiten. Eine Biographie.
Verlag C.H.Beck, München 2025.
415 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783406836374

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch