Geschichten ohne Zusammenhang
Klaus Johannes Thies’ „Lesebuch“ versammelt Prosaminiaturen seiner Wahrnehmung und Erinnerung
Von Werner Jung
Zu Recht bezeichnet der Herausgeber des Lesebuchs, Hanns-Martin Rüter, die Texte des 1950 in Wuppertal geborenen und seit dem Jahr 2000 in Berlin lebenden Schriftstellers Klaus Johannes Thies als „Prosaminiaturen“ und weist – mit Bezug auf Rezensionen – auf andere Autoren wie Robert Walser, Jürgen Becker oder Günter Eich hin. Man könnte noch mit Blick auf die Gegenstände seiner Aufmerksamkeit und die Schreibanlässe von Thies auf einen Romanschriftsteller wie Peter Kurzeck deuten, einen Autor, der ebenfalls mit großer Kunstfertigkeit, allerdings in gigantischen Prosamäandern, das geradezu anachronistisch anmutende Unternehmen angegangen ist, alles – die ganze (Lebens-)Zeit – in Prosatexten festhalten zu wollen. Radikal entgegengesetzt dazu verschriftet Thies seine Wahrnehmungen, Beobachtungen und Erinnerungen in kurzen und kürzesten Texten, die semantisch hochverdichtet sind und in ihrer Machart eher der Lyrik als den eingängigen Erzählformen (Kurzgeschichten oder Erzählungen) entsprechen.
Thies arbeitet sich in seinen Texten und Büchern – bislang liegen sechs vor, aus denen das Lesebuch eine Auswahl präsentiert; zusätzlich werden weitere 47 Texte aus Thies’ Archiv gedruckt – an ganz alltäglichen Dingen und Begebenheiten ab, an gewöhnlichen Erscheinungen, die für die meisten Menschen unterhalb ihrer eigentlichen Wahrnehmung liegen und die der Schriftsteller ins Licht seiner Aufmerksamkeit rückt. Diese Aufmerksamkeitsrichtung teilt er mit dem französischen Prosaautor Georges Perec (1936–1982) (etwa in Les choses, 1965), dem Thies auch eine eigene Aufzeichnung widmet:
Georges Perec setzte sich 1974 an drei Tagen in ein Café an der Place Saint-Sulpice und schrieb mit, was draußen zu sehen war. Keine Sätze, eher eine Liste, ein Protokoll. Er wollte notieren, „was nicht bemerkt wird, was keine Bedeutung hat, das, was passiert, wenn nichts passiert“.
Das entspricht auch dem Thies’schen Verfahren, in vielen seiner Texte Verbindungen der scheinbar unverbundenen Dinge im Akt des Aufschreibens allererst entstehen zu lassen. Etliche Texte dienen Thies schließlich noch dazu, Erinnerungen an Kindheit und Jugend (während der 50er und 60er Jahre) mit einem besonderen Blick auf (pop- und alltags-)kulturelle Erscheinungen (Filme, Fußball, die Modelleisenbahn) festzuhalten, wobei er keine Geschichten im üblichen Sinne schreibt, sondern sich auf Andeutungen, Hinweise, Analogien und Metaphern beschränkt. Explizit heißt es einmal diesbezüglich:
So könnten sie anfangen, meine Memoiren, wenn ich sie aufschreiben würde, die weiße Plastikkanne, in der die Milch hin- und herschwappte, und daß es noch eine Weide hinter der Oelmühlenstraße gab, würde ich ebenfalls erwähnen, und dann erst das Mädchengymnasium und keine Kühe und keine Wiese mehr.
Nein, die Geschichten, die Thies zu erzählen vorgibt, sind eigentlich keine – jedenfalls keine im Sinne von Geradlinigkeit, Teleologie und finalem Höhepunkt. „Ich erzähle mir immer wieder“, lautet es eingangs von Die Geschichte einer Froschfamilie, „kleine Geschichten, die keinen Zusammenhang haben, die irgendwo anfangen und irgendwo enden. (Ich weiß es selbst nicht so genau.)“
Thies hat eine Fülle wunderbarer Preziosen verfasst, von denen das vorliegende Lesebuch eine exzellente Auswahl anbietet.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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