Vom Abenteuer musikalischer Hermeneutik

Wie gut, wenn ein Swiftie Swift liest: Stephanie Burts „Taylor’s Version“

Von Michael BraunRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Braun

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ein Dudelsackbläser in Edinburgh spielt „Love Story“, in Rio de Janeiro wird das T-Shirt aus Taylor Swifts Musikvideo „You belong with me“ auf die Christus-Statue projiziert, der Wachwechsel vor dem Buckingham Palace spielt „Shake it off“ und auf einem Plan der Londoner Tube sind die Stationen nach Taylor Swift-Songs benannt. Was ist da passiert?

Zwischen Midcult und Geniekult

Globale Stationen der Eras Tour sind der Establishing Shot, mit dem die Anglistin und Lyrikerin Stephanie Burt ihr Buch über die Sängerin und Songwriterin Taylor Swift eröffnet. Dieses Setting, so selektiv es sein mag, schlägt den Leser sofort in Bann. Vielleicht manipuliert es uns auch ein wenig. Das aber sollte nicht sonderlich ins Gewicht fallen, denn die Autorin hat sich nicht nur als begeisterter Fan des weltberühmten Popstars geoutet, sondern auch ein Seminar über „Taylor Swift and Her World“ an der Harvard University abgehalten. Dieser Kurs kam bei Studierenden enorm gut an; man kann das auf vielen Online-Videos und sozialen Medien verfolgen.

Aber wie strahlt diese Faszination in Burts Buch aus, das 2025 in den USA und nunmehr in deutscher Übersetzung erschienen ist? Was ist dran an dem Phänomen Taylor Swift, an dem das deutsche Feuilleton und die wissenschaftliche Kritik sich schon seit einigen Jahren redlich abarbeiten? Läuft Burts 360 Seiten umfassender, mit wenigen wissenschaftlichen und vielen Internetzitaten aufgerüsteter, in seidenblaues Leinen gebundener Band auf eine Apologie genialer Kunst hinaus? Ist bei den öffentlichen Präsentationen, die als Impression Shows inszeniert sind, und den Bühnenauftritten, die wie Massenübernachtungspartys wirken, ein populärer Realismus auszumachen? Oder liegt Taylor Swifts Größe gerade in ihrer Kunst, die Klassiker musikalisch auf ganz neue Weise lesbar, besser gesagt: hörbar zu machen? So wie in Pia Richters brillanter Inszenierung von Shakespeares Komödie Was ihr wollt im Leipziger Schauspielhaus 2025/2026: Da schlüpft eine Schauspielerin als Taylor Swift im Harlekinkostüm in die Rolle des Narren und kommentiert den Figurenreigen mit bunten, shakespearisierenden Swift-Songs.

Noten zur Literatur: Pop liest Klassik

Für eine genialische Künstlerin legt sich Stephanie Burton mächtig ins Zeug. Sie erzählt von der Herkunft Swifts aus einer pennsylvanischen Weihnachtsbaumfarm, von ihren Anfängen im Country-Milieu, in dem es wichtiger war, einen selbstgeschriebenen Song gut zu verkaufen, als ihn selbst nur mittelmäßig zu vermarkten; auf diese Weise standen Autorschaft und Empowerment der Lyrics im Dienst des Show Business. In Burts Kapiteln, deren Titel sich nach Swifts erfolgreichsten Alben ausstrecken, tritt uns eine junge Frau entgegen, die an sich und ihren Songs unermüdlich arbeitet, die bei allem Erfolg selbstskeptisch bleibt und dieses Impostor-Syndrom in Liedern ausstellt. Eine Virtuosin, die mit ihren Alben Gattungen und Töne wechselt, vorwärts wie rückwärts: mit 1989 2014 zum Synthie-Pop, mit Reputation 2017 zum Black-Pop, Neo-Soul und Hip-Hop, mit Midnights 2022 zum Studio-Pop. Ein Workaholic mit immensem Erfolg, nahbar, aber jenseits der Zäune – mit anderen Worten: Ein Genie, das die Kunst mit deren Regeln, die es nur zu gut kennt, immer wieder faszinierend und aufs Neue zusammensetzt.

Auf einleuchtende Weise zeigt Stephanie Burt, wie es Swift fertigbringt, klassische Vergänglichkeitstopoi optimistisch für die Nachmoderne zu akzentuieren. Das gelingt durch die Pastorale im Country-Song (etwa in „Mary’s Song“) oder durch den aufsteigenden Ton in „The Best Day“ aus dem Album Fearless (2008). Noch wirkungsvoller wird ein Ganzton in ihrem „Love Song“ angehoben, wodurch Romeo und Julia am Ende dann doch zusammenkommen. Kritiker haben diesen Wechsel vom „D“ zum hohen „C“ als zu harte Modulation, als „truck drivers‘ gear change“ bezeichnet. Aber das ist, wenn überhaupt, nur teilweise zutreffend. Denn Swift versteht sich darauf, ihre Songs so zu komponieren, dass die Tiefe der Inhalte unter der glatten Melodie weniger auffällt. Und eben das mit unaufdringlichem literatur- und musikwissenschaftlichem Handwerkszeug darzustellen, ist wiederum Burts Kunststück.

Swifties über Swift

Als Swiftie schreibt Burt über Swift nicht missionarisch oder messianisch. Sie sieht in der Biografie des Stars durchaus deren Fallstricke und Lebenskrisen. Gut ist, wie Burt die Lyrics von Swift gegen Klassik und Klassismus, aber nicht abseits der Klassiker liest. Geschickt steuert die Autorin durch die Narrative, die Swifts Songs prägen und oft genug neugierig machen auf deren Lore, das Hintergrundwissen der Swiftschen Musikwelt. Bei einer solch rasanten Fahrt durch ein so reiches poetisches und musikalisches Werk mag der Leser wohl manchmal auf der Rückbank sitzen. Aber er wird auf freundlichste Weise zu einer „hermeneutischen Freundschaft“ mit Swifts Songs eingeladen, die weniger ist als musikalisches Fandom, aber mehr als das ästhetische Interesse des Beobachters.

Titelbild

Stephanie Burt: Taylor’s Version. Das poetische und musikalische Genie von Taylor Swift. Limitierte Ausgabe mit Farbschnitt.
Verlag C.H.Beck, München 2026.
364 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783406843181

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch