Ein Kompendium zu den Büchern von Erich Kästner

Remo Hug hat den ersten Teil seines Großprojekts vorgelegt, die Ausgaben der Werke Kästners zu dokumentieren und zu beschreiben

Von Stefan NeuhausRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Neuhaus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der für ein breites Publikum schreibende Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt hat immer wieder betont, dass das Wichtigste bei der Vermittlung von Literatur Begeisterung sei. So gibt es neben ihm und anderen, die das Vermitteln von Literatur zu ihrem Beruf gemacht haben, auch solche, die Berufen außerhalb von Universität und Literaturbetrieb nachgehen und doch nicht weniger von Literatur begeistert sind. Vielleicht sind sie es sogar noch mehr, weil sie neben ihrem Broterwerb literaturvermittelnde Werke schaffen, die auch mit viel Geld geförderte universitäre Forschung nur mit ähnlich engagiertem Personal hätte hervorbringen können. Es ist eben die Begeisterung, die Grundlegendes schafft – in diesem Fall für die Beschäftigung mit einem Autor, über den sich die Literaturwissenschaft nach wie vor uneins ist, ob er zu den Ernstzunehmenden oder doch eher zu den nur Unterhaltenden seiner Zunft gehört. 

Es sind eigentlich zwei Begeisterte, die außerhalb der Wissenschaft stehen und dieser entscheidende Impulse geben: Nach Johan Zonnevelds monumentaler Bibliographie der Werke von und über Erich Kästner (der vierte Ergänzungsband ist 2021 erschienen) hat nun Remo Hug ein nicht weniger eindrucksvolles Werk in Angriff genommen und den ersten Band davon in zwei Teilbänden mit fast 1000 Seiten veröffentlicht: Eine möglichst vollständige Darstellung der Ausgaben und Auflagen der publizierten Werke des Autors. Kästner ist, wie Kenner wissen, einer der meistübersetzten Autoren deutscher Sprache. Hug hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, möglichst viele Ausgaben, auch die internationalen, zu erfassen und nach Möglichkeit sogar in seinen Besitz zu bringen: Rund 4000 Exemplare davon nennt er, wie er im kommentierenden Text bekennt, sein eigen. Außerdem hat er in Archiven und Bibliotheken recherchiert, besonders wichtig darunter ist das Deutsche Literaturarchiv in Marbach, das Kästners Nachlass verwahrt. 

Herausgekommen ist ein einzigartiges Kompendium, das nicht nur die vielen Ausgaben bibliographiert, sondern kommentiert und zugleich dokumentiert. So werden Cover, Rückseiten oder ganze Schutzumschläge in Farbabbildungen wiedergegeben und Klappentexte zitiert, die in der Forschung kaum oder gar nicht bekannt und höchst aufschlussreich sind, weil sie viel über die Absichten verraten, die Verlag und Autor bei der Veröffentlichung mit dem Buch verbanden. Der Klappentext zur Erstausgabe des Fabian enthält beispielsweise die folgenden Zeilen:

Dieser Fabian ist das Opfer einer führungslos gewordenen Menschheit. Ein schwacher, aber wertvoller Mensch, ein Nichtschwimmer in übertragener Bedeutung, der im Strudel der Gegenwart untergehen muss, ein Typ unserer heutigen jungen Generation […]. Dieses Buch entspringt dem Verlangen nach jenen Charakteren, die berufen sind, der Menschheit die Menschlichkeit wiederzugeben.

Dass der Roman, insbesondere von den Nationalsozialisten, ganz anders gelesen worden ist – als ‚zersetzende Asphaltliteratur‘ –, ist bekannt. Der Klappentext betont aber die Intention der Satire, das Utopische im Dystopischen, oder wie es in der Überschrift zum letzten Kapitel des Romans imperativisch steht (der Klappentext spielt darauf an): „Lernt schwimmen!“ Anders als der ertrinkende Fabian sollen sich die Leser*innen nicht passiv verhalten, sich nicht treiben lassen, sondern aktiv dazu beitragen, die Verhältnisse zu verändern, und zwar in ihrem eigenen Lebensumfeld (also auch anders als die ebenfalls scheiternde zweite Hauptfigur Stephan Labude). Der Klappentext wird so zu einer Gebrauchsanleitung. 

Hug geht in seinen umfangreichen Erläuterungen, die viel neues Material aus den Archivrecherchen mit einbeziehen, auch auf die Überarbeitung des Romans nach Kritik aus dem Verlag und die Namensfindung ein: „Sodom & Gomorrha“ sollte er eigentlich heißen, belegt die damalige Korrespondenz Kästners, während spätere Vorworte des Autors „Der Gang vor die Hunde“ ins Spiel brachten, weshalb auch der Münchner Literaturwissenschaftler und Kästner-Experte das wiederaufgefundene Ur-Manuskript unter diesem Titel 2013 neu herausgegeben hat. 

Wer soll da noch einmal sagen, dass Editionsgeschichte nicht spannend ist, zumal wenn sie so instruktiv und erzählend aufbereitet wird! Es ist zugleich ein Vergnügen, in dem Doppelband zu lesen, und auch die Druckqualität ist ausgezeichnet (ein Kompliment an den Verlag!). Selbst kleine Abbildungen mit viel Text werden gestochen scharf wiedergegeben. Dies ginge natürlich auch nicht ohne die entsprechende Papierqualität, die sich wohltuend von dem Digitaldruckpapier abhebt, das heute insbesondere bei großen Verlagen Verwendung findet, die allerdings auch kaum noch das physische Buch vermarkten, sondern lediglich dessen DigitalisatBeispiele aus meinen Bücherregalen sind etwa Bände von de Gruyter, Metzler oder dtv.

Zurück zum Kompendium: Die ersten beiden, hier vorliegenden Teilbände umfassen die Publikationen von 1928 bis 1933. Allerdings enthält der erste Teilband bereits Grundlegendes für das ganze Werk. Mit einem Kästner-Zitat aus Drei Männer im Schnee könnte man sagen: „Der Verfasser gibt die Quellen an.“ In einer „Einführung“ wird erläutert, welche „bibliographischen Bemühungen“ es bereits gegeben hat, wie das hier verwendete Instrumentarium aussieht und worauf es fußt und wie das Gesamtprojekt angelegt ist. Das zweite Kapitel ist nichts weniger als eine knappe „Publikationshistorie für den deutschsprachigen Raum“, eine zusammenfassende Skizze von dem, was später weiter ausgeführt wird, so dass es auch zu einigen unvermeidbaren Wiederholungen kommt. Wer aber nicht an Detailergebnissen, sondern an einem Überblick interessiert ist, dem wird dieses Kapitel unschätzbare Dienste leisten. Mit „Hauptwerke“ sind jene selbständigen Publikationen gemeint, die seit ihrer Erstveröffentlichung als Druckerzeugnisse am Markt präsent sind. Gegliedert ist das Kapitel in gebundene Ausgaben, Taschenbuchausgaben und Buchgemeinschaftsausgaben. 

Es wäre sicher zu viel verlangt, zu erwarten, dass Hug auch auf alle Forschungsergebnisse einschließlich der Kontroversen in der Forschung eingeht. So ist die Skizze der „Jahre von 1934 bis 1945“ angereichert mit interessantem Material (etwa Zitate aus Besprechungen von Theateraufführungen), doch fehlen Hinweise auf die bisherige Aufarbeitung etwa der Theaterstücke oder Drehbücher unter Pseudonym. Dazu kommt, dass noch viel im Fluss ist. So hat Heinrich Detering Anfang 2026 das Originalmanuskript des nach dem Krieg in anderer Form und unter anderem Titel herausgegebenen Epigramm-Bandes Kurz und bündig ediert und gezeigt, dass der Plan dazu bereits aus dem Jahr 1943 stammt. Die Neuedition heißt nach dem ursprünglich vorgesehenen Titel nun Sprüche und Widersprüche. Hug hat allerdings noch die Gelegenheit, im vermutlich in Arbeit befindlichen Band 2 seines Mammutwerks auf all dies hinzuweisen und vielleicht auch noch Ergebnisse einer Münchner Konferenz zu berücksichtigen, die unter dem Titel „Erich Kästner zwischen 1933 und 1945 Regimegegner – innerer Emigrant – Opportunist?“ Ende Februar 2026 in der Internationalen Jugendbibliothek stattfand. 

Wie die bisherigen Ausführungen zeigen, ist der Doppelband für viele Kästner-Interessierte ausgesprochen nützlich. An den Ausgaben zeigt sich der Werdegang des Autors, die wachsende Bedeutung seiner Werke auf dem Literaturmarkt im Ausland, mit überraschenden Ergebnissen, welche Werke in welchen Ländern besonders erfolgreich waren und sind – eine kleine Übersetzungsgeschichte ist also mit dabei. Geklärt wird aber auch, soweit möglich (und es ist erstaunlich, wie weit dies noch möglich ist), welche Werke in welchen Auflagen veröffentlicht wurden und wie diese Auflagen ausgesehen haben. Das ist für Antiquare und Sammler ausgesprochen wichtig, aber auch für alle anderen spannend zu sehen. Sogar für Kunstinteressierte dürften die Bände eine Fundgrube sein, haben doch wichtige Künstler*innen Kästner illustriert: allen voran natürlich Walter Trier, aber beispielsweise auch Georg Salter, der für den ersten, „von auffälligem Gelb und Rot dominierten Schutzumschlag des Fabian“ verantwortlich zeichnete. 

Wer nun mehr wissen möchte, der oder dem sei nachdrücklich empfohlen, sich die beiden Bände zu besorgen (bei kleinem Geldbeutel dann aus einer Bibliothek, der man, falls sie nicht selbst daran denkt, die Anschaffung durchaus empfehlen kann) und sich von der Fülle des Materials und seiner ansprechenden Aufbereitung zu der einen oder anderen Schmökerstunde verführen zu lassen.

Titelbild

Remo Hug: Die Bücher von Erich Kästner. Beschreibung und Bibliographie aller Ausgaben und Auflagen. Band 1.1 und 1.2.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2024.
1850 Seiten, 120,00 EUR.
ISBN-13: 9783826081675

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