Ortsbegehungen mit einem unzuverlässigen Erzähler
Lukáš Cabala zeichnet in „Denkst du noch an Trenčín?“ ein phantasiereich gebrochenes Mosaik des Lebens in seiner Heimatstadt
Von Hermann Rotermund
Trenčín ist eine westslowakische Kleinstadt und zusammen mit dem finnischen Oulu Kulturhauptstadt Europas 2026. Der Autor Lukáš Cabala stammt aus Trenčín und betreibt dort ein Internet-Antiquariat. Der Maler Juraj Toman lebt ebenfalls in dieser Stadt, er hat zehn Illustrationen beigesteuert, die einzelnen Schauplätzen des Romans zugeordnet sind. Und schließlich hat auch die Übersetzerin Stefanie Bose einen persönlichen Bezug zu Trenčín, sie ist dort im Jahr 2026 Stadtschreiberin.
Die Stadt spielt eine zentrale Rolle in Cabalas Buch: einerseits als aktueller Raum, in dem sich die handelnden Figuren bewegen, andererseits als historischer Erfahrungsraum. Die historische Dimension kommt vor allem durch eine Besucherin aus Tel Aviv in die Erzählung, deren Familie aus der Stadt stammt. Sie ist auf der Suche nach einer Buchhandlung, deren Eigentümer durch die Nazis vertrieben worden waren.
„Etwas Seltsames in der Luft schweben und die Lesenden im Unklaren lassen.“ Mit diesem Zeugma charakterisiert Cabalas Protagonist Vincent die von ihm bewunderte Erzählkunst Julio Cortázars und bezieht sich dabei auf dessen Geschichte Der Hals des schwarzen Kätzchens. Vincent ist Antiquar und lebt in einem großen alten Haus voller Bücher. Er hat eine Angestellte, Laura, die gleichzeitig seine beste Freundin ist. Mit ihr und ihrem Sohn Oliver verbringt er auch die gemeinsame Freizeit. Der zwölfjährige Oliver ist ein aufgewecktes Kind und wird durch die häufigen absurden Behauptungen Vincents immer wieder auf die Probe gestellt. Vincent erzählt ihm auch Geschichten, die voller surrealer Fallstricke sind, und Oliver übt sich selbst in solchen Geschichten.
Die Einheit im erzählerischen Mosaik des Buchs stiftet vor allem der Ort. Die erzählte Zeit der Geschichte ist im Wesentlichen durch den Aufenthalt der israelischen Journalistin Tamara bestimmt, die ganz zu Beginn des Buchs Trenčín erreicht und es kurz vor dem Ende wieder verlässt. Allerdings überlagern sich Zeiten und Jahreszeiten verschiedener Erzählstränge, die sich dann an einigen Punkten berühren. Es versteht sich, dass die nach einer Buchhandlung forschende Tamara auch das Antiquariat Vincents und Lauras aufsucht. Folgen haben diese Berührungen allerdings keine. Ganz aus dem Rahmen der erzählten Zeit fallen kurze Kapitel, die einen erwachsenen Oliver als Comedian auf einer Kleinkunstbühne in Chicago aus seiner Kindheit erzählen lassen.
Inspiriert vielleicht durch den spielerischen Umgang Cortázars mit Realitätsbezügen gibt es bei Cabala kleine surreale Passagen, die seine Erzählung auch vor dem Abrutschen in belanglosen Realismus bewahren. Unheimliche Momente sind darunter: Eine Terrasse, auf der Vincent mit Laura und Oliver steht, hebt sachte ab und schwebt durch die Stadt, um schließlich an einem Flussufer zu landen. Ein Stuhl wandert von selbst durch die Räume von Vincents Haus. In der Küche von Tamaras Liebhaber verschwinden zum Aufguss bereitgelegte Teebeutel. Der Geist eines längst verstorbenen Druckers blättert nachts in Büchern. Personen scheinen gleichzeitig an einem Ort anwesend und nicht anwesend zu sein. Diese Momente werden so beiläufig eingestreut wie eine Erwähnung des anlasslosen Knarzens alter Möbel. Beim Lesen erzeugen sie kurze Irritationen, die jedoch letztlich nur die Aufmerksamkeit und die Neugier steigern.
Der Autor spielt auch mit der Andeutung einer fiktionalen Schleifenkonstruktion: Entweder Tamara oder Laura könnten Figuren aus einem Roman sein, den Vincent gerade schreibt, und sich eben nicht auf derselben erzählten Wirklichkeitsebene begegnen, sondern auf einer zweiten, der Erzählung Vincents. Solche Verunsicherungen werden gesetzt und dann im weiteren Verlauf nicht aufgelöst. Die vielen kleinen Kapitel – es sind 39 auf 146 Seiten – sprengen ohnehin jegliche Linearität. Die Gegenwart des Figurenensembles des einen Kapitels entspricht nicht unbedingt der Gegenwart, die im nächsten Kapitel präsentiert wird. Die Orte sind nicht zuverlässig in der Zeit fixiert, ein heutiges Juweliergeschäft kann auch gleichzeitig die frühere Buchhandlung sein, die von Tamara gesucht wurde, und in der sie nun ein Buch erwirbt. Ein Beispiel für das Spiel mit der zeitlichen Unbestimmtheit ist dieser Satz:
In genau demselben Moment, jedoch auf der anderen Seite der Stadt und an einem Sommerabend, saß Vincent mit Laura und ihrem kleinen Sohn im Café am Flughafen.
Cabala lenkt die Aufmerksamkeit beim Lesen mit leichter Hand und ganz nebenbei auf etliche lokale Besonderheiten Trenčíns, ohne im Entferntesten aus dem Roman eine Art Baedeker zu machen. Eher schon erzeugt er ein räumliches Mosaik der Lebenssphären seiner Figuren.
Tamara ist diejenige, die sich und den Lesern das Stadtbild und die Vergangenheit aufschließt. Sie schreibt Kolumnen über ihre Beobachtungen und Begegnungen für ihre israelische Zeitung, aus denen längere Passagen zitiert werden. Sie begegnet nach kurzer Zeit dem Maler Albert und beginnt mit ihm eine erotische Beziehung. In seinem Atelier finden sich Bilder, die denen gleichen, mit denen das Buch illustriert ist.
Zu den Themen, die im Text angerissen werden, gehört das Buch als vom Verschwinden bedrohtes Medium. Ein „Literarischer Verschönerungsverein“ diskutiert Gegenmaßnahmen wie das ostentative öffentliche Lesen von Büchern. Ein anderes Thema ist die funktionalistische Architektur. Ihr ist ein über mehrere Seiten zitierter Artikel von Tamara gewidmet, die eine von den Brüdern Tiberghien 1907 in Trenčín gegründete Textilfabrik besucht. Sie besichtigt auch andere Gebäude in der Stadt, die von dem jüdischen Funktionalisten Ferdinand Silberstein-Silvan gebaut wurden. Ein Glossar am Ende des Buchs enthält biographische Angaben über ihn und andere historische Personen, die en passant in der Erzählung erwähnt werden.
Cabala lässt mehrere Schichten der Vergangenheit mit der Gegenwart zusammenfließen. Er legt Aspekte der jüdischen Geschichte Trenčíns offen und streift die Periode der sozialistischen Tschechoslowakischen Republik. Die Staatseinheit von Tschechien und der Slowakei endete 1993. Die Slowakei behielt die Krone als Währung bis 2008 und trat dann dem Euroraum bei. Tamaras Liebhaber weist mehrfach auf die „Ostalgie“ hin, der traditionsorientierte Kreise der Stadt anhängen, und bevorzugt selbst ein Hotel und Restaurants, die als Zahlungsmittel nur die alte Krone akzeptieren. Auch aktuelle Verschwörungsmythen, denen die Mutter der Buchhändlerin Laura zugeneigt ist, finden sich im erzählerischen Gewebe.
Die slowakische Gegenwartsliteratur ist hierzulande weitgehend unbekannt. Eine Ausnahme bildet der Autor Michal Hvorecký mit mehreren ins Deutsche übersetzten literarischen und politischen Büchern. Es lohnt sich aber offenbar, mehr auf das literarische Geschehen in dem kleinen Land mit seinen 5,5 Millionen Einwohnern zu achten. Cabala schreibt keine Genre-Literatur, verbreitet keine autobiographische Langeweile und hängt auch keinem biederen Realismus an. Seine Figur Tamara taucht in die Vergangenheit Trenčíns ein, um dort Spuren ihrer jüdischen Familie zu finden. Diese Suchbewegung hat eine entfernte Ähnlichkeit mit dem 2026 erschienenen autobiographischen Reisebericht Judith Hermanns Ich möchte zurückgehen in der Zeit, in dem sie dem Wirken ihres Großvaters und seiner SS-Truppe in Polen nachspürt. Hermanns Bemühung ist nicht nur weitgehend erfolglos, sie ist auch nicht wirklich interessant, zumal ihr die formspielerische Imaginationskraft fehlt, die Cabalas Schreiben auszeichnet.
Stefanie Boses Übersetzung ist locker und stilsicher, auch bei den ironischen Dialogpassagen, an denen Vincent oft beteiligt ist. Die zehn ganzseitigen Bilder Juraj Tomans, mit denen das Buch illustriert ist, zeigen meist nächtliche Ansichten der Schauplätze des Romans, also größtenteils städtische Strukturen. Zweimal sind schemenhaft menschliche Figuren erkennbar, einmal ein Bernhardiner, sonst sind die Szenen unbelebt. In der E-Book-Version des Buchs wirken die Bilder übrigens besser und besitzen mehr Kontraste und Leuchtkraft als in der Druckfassung, wo sie wie von einem Grauschleier überzogen scheinen.
Denkst du noch an Trenčín?, im Original 2023 erschienen, ist der abschließende Band einer losen Trilogie, deren Protagonist immer die Figur Vincent ist. Er „funktioniert“ auch ohne Kenntnis der beiden vorangehenden Bände, macht jedoch durchaus neugierig auf sie. Vielleicht legt der Verlag die Übersetzungen ja noch nach.
|
||















