„Die gesellschaftspolitische Geschichte des Faust-Mythos“: Rüdiger Scholz‘ Darstellung der Gesellschaftsgeschichte des Faust-Mythos
Besprochene Bücher / LiteraturhinweiseDer Faust-Mythos ist Teil der Gesellschaftsgeschichte. Die Legendenfigur wie die literarischen Gestaltungen bilden jahrhundertelang ein Diskussionsforum weltanschaulicher Debatten. Faust repräsentiert wie keine andere Figur in der Menschheitsgeschichte die europäische Neuzeit. Er steht für die Autonomie des Menschen, für die Beherrschung der Natur und die Einschränkung göttlicher Macht.
Goethes Beitrag zur Weiterentwicklung der Faust-Figur mit dem neuen Thema der Beziehungen zwischen den Geschlechtern, das dem ersten Teil der Tragödie eine einzigartige Wirkung verschaffte und der gesamten Tragödie den Titel eines Nationaldramas im Rang einer neuen Bibel eintrug, begründete eine neue Epoche der Diskussion. In der Kombination von produktiver Naturbeherrschung und Liebesproblematik traf Goethe den Nerv der Industriegesellschaften. Generationen haben ihre Konflikte an Goethes Faust-Figur abgearbeitet. Ob Naturzerstörung oder Bankendesaster: Faust taugt auch im 21. Jahrhundert als Diskussionsfigur.
Seit der Erweiterung durch Goethe thematisiert der Faust-Mythos die Ethik des selbstverantwortlichen Subjekts und den Geschlechterkampf. Die Dialektik von grandiosen Schöpfungen zum Wohl der Menschheit und deren Destruktivität beflügelt die Faust-Diskussion bis heute.
Rüdiger Scholz stellt in Die gesellschaftspolitische Geschichte des Faust-Myhos die Historie der Faust-Diskussion durch fast dreieinhalb Jahrhunderte in den verschiedenen Sparten dar: Dichtungen, Aufführungen, bildliche Gestaltungen, Zeugnisse kollektiver und persönlicher Identifikationen. Damit ist diese Darstellung ein Geschichtsbuch über das Selbstverständnis von Gesellschaften.
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