Vom Sollen der Ethik zum Sein der Tatsachen
Markus Gabriel argumentiert nicht immer ganz überzeugend für die Existenz „Moralischer Tatsachen“
Von Rolf Löchel
Am Anfang allen Philosophierens steht das Staunen. Das behauptet jedenfalls Platon in seinem Dialog Θεαίτητος (Theaitetos) durch den Mund seines Geistesheroen Sokrates. An seinem Ende hingegen steht die Gewissheit. Zumindest stellt sich bei der Lektüre von Markus Gabriels Buch Moralische Tatsachen oft der Eindruck ein, der Autor sei dieser Überzeugung. Dabei ist alleine schon strittig, ob es die titelstiftenden Tatsachen, deren Existenz zu belegen Gabriel angetreten ist, überhaupt gibt.
Um ihre Existenz belegen zu können, muss zunächst einmal bestimmt werden, was unter einer Tatsache zu verstehen ist. Gabriel zufolge handelt es sich bei ihnen um „wahre Antworten auf sinnvoll gestellte Fragen“. Das bedeutet, dass sie nicht notwendigerweise einen Bezug auf die materielle Welt haben. So gibt es etwa rein logische Tatsachen. Eine andere Frage ist allerdings, ob es auch Tatsachen der moralischen Art gibt oder auch nur geben kann. Denn Tatsachen sind „nicht nur […] objektive Wahrheiten, sondern [auch] erkennbare Fakten“, wobei die von Gabriel angenommenen moralischen Tatsachen allen anderen wie etwa physikalischen gegenüber die Besonderheit haben, dass ihnen ein „Aufforderungscharakter“ innewohnt, mithin also besagen, „dieses und jenes sei zu tun“. Denn
im Vergleich zu physischen Tatsachen ist der entscheidende Unterschied der moralischen Tatsachen der Umstand, dass sie sich ausdrücklich an uns wenden und sich gleichsam aktiv melden, während die physischen Tatsache[n?] weder auf ihr Erkanntwerden drängen, noch sich dem Erkennen aktiv entziehen.
Somit sind moralische Tatsachen „konstitutiv auf Adressaten bezogen“, und zwar nicht hinsichtlich irgendwelcher mehr oder weniger beliebiger Fragen, sondern hinsichtlich der Pflichten, die Menschen als Menschen haben.
Ausgehend von dieser Verknüpfung unternimmt es Gabriel, die Unüberschreitbarkeit der Grenze zwischen Sein und Sollen, genauer gesagt zwischen dem, was ist, und dem, was sein soll, zu widerlegen. „Die Wirklichkeit, in der wir uns vorfinden“, argumentiert Gabriel, „erleben wir […] immer schon als wert- und bedeutungsvoll“. Nun ist die Welt, wie wir sie erleben, allerdings nicht identisch mit der Welt, wie sie, um mit Immanuel Kant zu reden, „an sich“ ist.
Da Menschen, so Gabriel ungeachtet der Kantischen Transzendentalphilosophie weiter, demzufolge auch nicht handeln können, ohne „zwischen einem Verlauf des Geschehens zu unterscheiden“, den sie begrüßen, und „Verläufen“, die sie „verändern oder vermeiden wollen“, wird „das Sein […] im Handeln auf das Sollen überschritten“, wobei „unser Sein und unser Sollen“ allerdings nie „vollständig koinzidieren“.
Der Ethik komme nun nicht nur die Aufgabe zu, „Wertungen“ zu erforschen, „die faktisch vorgenommen werden“, sondern auch – und das ist ihre vornehmste Aufgabe – „Werte als dasjenige, was die Bewertungen als gelungen oder eben als gescheitert einstuft“, zu begründen. Daraus nun aber wie Gabriel zu folgern, dass es schon darum „keinen ontologischen Graben zwischen Werten und Tatsachen, keine irgendwie geartete Dichotomie von Sein und Sollen, Faktizität und Geltung“ gibt, erscheint allerdings nicht schlüssig. Denn warum sollte aus der Aufgabenstellung der Ethik auf das tatsächliche Verhältnis zwischen Sein und Sollen zu schließen sein?
Aus der von Gabriel angenommenen Existenz objektiver moralischer Tatsachen und der als „normative Tatsache“ bezeichneten normativen Bewertbarkeit von Handlungen ergebe sich nun, dass es entgegen ihrer „zugegebenermaßen starke[n] Plausibilität“ keine „moralischen Dilemmata“ geben kann. Mithin gebe es also keine ethisch gleichwertigen Güter, die miteinander in Konflikt geraten können. Vielmehr sei, „was jemand in einer bestimmten Situation aus moralischen Gründen tun soll“, stets „durch logisch strukturiertes Nachdenken und damit insbesondere durch Schlussfolgern zu bearbeiten“.
Gabriel begründet die Unmöglichkeit moralischer Dilemmata nun wenig überzeugend davon ausgehend, „dass man zu nichts verpflichtet ist, was man nicht tun kann“. Dies sei aber der Fall, wenn es moralische Dilemmata gäbe. Eine Argumentation gegen die Existenz letzterer, die den Verdacht einer Petitio Principii zumindest nahelegt. Auch erscheint es merkwürdig, dass es Gabriel zufolge zwar keine wirklichen moralischen Dilemmata gibt, es aber sehr wohl möglich sei, sich „beliebig viele moralische Dilemmata“ auszudenken, „die durch keine ethische Theorie gelöst werden können“. Gabriel räumt also durchaus ein, „dass es logisch möglich ist, genuin moralische Dilemmata ethisch anzuerkennen“. Doch habe das „einen hohen theoretischen Preis“. Es gibt sie also offenbar doch, die moralischen Dilemmata, nur sind sie schlecht mit Gabriels Theorie der moralischen Tatsachen vereinbar. Doch da deren „Konsistenz […] durch die Akzeptanz der Existenz genuin moralischer Dilemmata unterminiert“, werde, habe „die parakonsistente Ausflucht die ethische Theorie im Angesicht des Problems moralische Dilemmata […] keinen Vorzug gegenüber“ seiner Theorie der moralischen Tatsachen. Wenn Gabriel auf einer weiteren argumentativen Ebene erklärt, eine Ethik, die „sowohl kohärente (systematische) als auch konsistente (widerspruchsfreie) Wissenschaft sein soll, impliziert“, „dass es bei genauerer Betrachtung keine moralischen Dilemmata geben kann“, begeht er quasi einen umgekehrten naturalistischen Fehlschluss vom Sollen der Ethik zum Sein der Fakten.
Wie Gabriel weiter erklärt, „[leben] wir in einem Zeitalter des moralischen Fortschritts“. Dabei vertritt er eine „Theorie des moralischen Fortschritts“, „die es erlaubt, Geschichte als Akkumulation praktischer Erkenntnisse aufzufassen“. Das klingt, als handele es sich bei diesem Fortschritt um einen linearen Prozess, bei dem jeder neue Stein auf dem Fundament der bereits gesetzten zu liegen kommt. Das wiederum korrespondiert mit dem Fortschrittsglauben der Aufklärung, die noch an die Perfektibilität des Menschen glaubte, gar meinte, diese beweisen zu können. Und tatsächlich sieht sich Gabriel als Aufklärer; jedoch nicht in der Tradition der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, sondern als Vertreter einer dezidiert Neuen Aufklärung, die den „Sündenfall der Moderne“ der ‚alten’ Aufklärung überwinden soll. Dieser liege in Kants „abwegigen Auffassung“, „der gute Wille“ sei „nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zur Erreichung irgendeines vorgesetzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen, d. i. an sich gut“. Doch hat Kant zumindest insofern Recht, als allein der Wille vollkommen gut sein kann, da das aus ihm folgende Handeln notwendigerweise über kurz oder lang unabsehbare Auswirkungen hat, die nicht notwendigerweise schlechthin gut sein müssen. Das erkennt auch Gabriel, wenn er hunderte von Seiten später erklärt, dass „alle Handlungen mit unberechenbaren und unvorhersehbaren Konsequenzen verbunden [sind]“. Allerdings setzt er dies nicht in Verbindung mit Kants Theorem des guten Willens. Gegen Kants schlechthin guten Willen ließe sich hingegen tatsächlich einwenden, dass auch der beste Wille immer schon durch die (gesellschaftlichen) Umstände kontaminiert ist, also nicht rein beziehungsweise vollkommen gut sein kann. Ein Einwand, den Gabriel allerdings nicht vorbringt.
In Kant sieht Gabriel jedenfalls nur „in einem beschränkten Umfang“ einen seiner philosophischen „Vorfahren“. Denn anstelle von dessen „Zentralbegriff[] der Vernunft“ steht bei Gabriels Neuer Aufklärung der „Geist als das Vermögen, ein Leben im Licht von Selbstvorstellungen zu führen, die auf verschiedenen Skalen des menschlichen Lebens handlungswirksam werden“, im Mittelpunkt. Das klingt allerdings weniger nach kontinuierlichem (Erkenntnis-)Fortschritt, als vielmehr nach einem Bruch und Neuanfang, der wiederum das Neue der Neuen Aufklärung „als transdisziplinäres, globales Projekt menschlicher Selbstbestimmung“ begründet.
Die entscheidende „Innovation des Neuen Realismus“ und seines moralischen Realismus besteht in der „Einführung“ einer „konkreten Ethik“. Von der „angewandten Ethik“ unterscheidet sie sich grundlegend dadurch, dass sie „das Verhältnis von Theorie und Praxis“ eben nicht als eines der „Entdeckung allgemeiner Prinzipien zu einer Anwendung der Prinzipien“ auffasst. Da der konkreten Ethik zufolge „moralische Tatsachen nur in konkreten Situationen existieren“, „in denen von allen Adressaten dasselbe Handlungsmuster gefordert wird", spricht Gabriel von einem „ethische[n] Situationismus“, der wiederum in seinem moralischen Realismus gründet.
Gabriels moralischer Realismus vertritt zum einen die „ontologische These“, „dass es moralische Tatsachen gibt, die der Grund dafür sind, dass unsere moralisch relevanten Werturteile objektiv sind“. Korrespondierend damit „behauptet“ er zum Zweiten als „epistemologische These“, dass Menschen „die moralischen Tatsachen auch erkennen können“. Innovativ daran sei nun, „dass die moralischen Tatsachen einen Adressaten haben, nämlich (menschliche) Personen“, die in jeweils konkreten Situationen „Subjekte von Handlungen“ sind. Dieser Status ist ihnen keineswegs kontingent, sondern definiert sie als solche. Denn sie sind „Subjekte, die in Handlungssituationen existieren und ihren normativen Richtlinien gegenüber verantwortlich sind“. „Verantwortlichkeit“ wird damit zu ihrem „entscheidende[n] moralische[n] Existenzial“. Der „Wahlspruch“ der Neuen Aufklärung lautet denn auch nicht Sapere aude!, sondern „Agere aude! – habe Mut, Dich deiner Verantwortung zu stellen“.
Moralisch relevant sind also nicht nur die Handlungsgründe und deren je konkrete Verwirklichung in bestimmten Situationen, sondern auch die Konsequenzen dieses Handelns. Daher sieht Gabriel in seinem Ansatz auch „keinen relevanten Kontrast zum Konsequentialismus“.
In der Auseinandersetzung mit anderen philosophischen Schulen scheut der Autor weder vor Polemik zurück und beklagt etwa den noch heute „herumspukenden Kantianismus“, noch vor alltagssprachlichen Wendungen, etwa wenn er den „reim dich oder ich fress dich-Positivismus“ angreift. Schopenhauers Niveau exquisiter Verbalinjurien erreichen seine Invektiven allerdings nicht. Auch wird er gelegentlich tautologisch und erklärt etwa: „Die Gründe einer Handlung sind die Handlungsgründe“.
Zwar zeigt sich Gabriel sowohl philosophiegeschichtlich wie auch in aktuellen ethischen Debatten als sehr belesen und argumentiert auf einem hohen theoretischen Niveau, das es ihm ermöglicht, in die Tiefen der Problemfelder philosophischer Ethik einzudringen. Trotzdem erweist sich, dass keineswegs alles so gewiss ist, wie es ihm erscheint. Weder ist es die Existenz moralischer Tatsachen, noch die Nichtexistenz ethischer Dilemmata. Und auch nicht, dass es, wie er meint, ein Apfel war, in den Eva biss. In der Bibel steht jedenfalls nichts davon
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