Peter Sloterdijks Souveränitätserkundungen
Im Rückgriff auf Machiavelli beleuchtet Peter Sloterdijk in „Der Fürst und seine Erben“, wie charismatisch, ambivalent, moralisch verwildert, absurd und banal Machtausübung sein kann, wenn sie darauf verzichtet, gut sein zu wollen
Von Günther Doliwa
Mit Der Fürst und seine Erben hat sich der Philosoph Peter Sloterdijk in die Diskussion um die ersten Köpfe beziehungsweise Karikaturen eines Landes eingemischt. Damit reiht er sich ein in Publikationen zur Inflation der Autoritarismen von Anne Applebaum, Giuliano da Empoli (Der Magier im Kreml) oder Ian Dale. „Hinweise“ nennt der Philosoph seine gewitzten Überlegungen zum Konzept der Souveränität in vier Kapiteln, inklusive Vor-, Zwischen- und Nachbemerkung. Er liebt philosophische und historische Abstecher. Das elegante Büchlein im bewährten Sloterdijk-Sound ist auch für akademische Laien bekömmlich, da es dank Parallelen zur Gegenwart stets anschaulich ist. (Siehe das KI-generierte Titelbild mit Trump in Fürstenkostüm, „ein Beinahe-Analphabet an der Spitze einer Weltmacht“.) Im Lauf des Buches blättert der Philosoph verschiedene Versionen von Souveränität hin. (Etwa: Souverän ist, wer sich von oben legitimiert weiß; wer Vollmacht besitzt ohne Abhängigkeit von Kollegien und Ministerien; wer das letzte Wort hat; wer über Vergabe von Gunst entscheidet; wer Steuern erheben kann; wer das Netz kontrolliert; wer sich ruchlos selbst behauptet und frei ist von Rechenschaft und so weiter.)
Der Philosoph ist auf begriffliche Zusammenhänge aus; wer als Leser den Taumel der Tagespolitik erwartet, wird zunächst enttäuscht. Nur wer Geduld mitbringt, kommt auf seine Kosten. Der hellsichtige Analytiker des neuen Typs Fürst fragt, ob die Verkörperung der Macht in Einzelpersonen (Königen) überhaupt trage. Wer hat das letzte Wort in der Politik? Ruchlose Sachlichkeit war gefragt im 16. Jahrhundert, als der florentinische Machiavelli sein Plädoyer für den Fürsten hielt, der der Versuchung aus dem Weg gehen sollte, sich „zu den Guten rechnen zu wollen.“ Machiavelli ging es um die „Unregierbarkeit Italiens“. Der Fürst modernen Typs sei zum Erfolg verdammt; er mache sich „durch Erfolglosigkeit im Krieg schuldig“, daneben „durch diplomatische Unklugheit sowie Eitelkeit und Trägheit“. Diese Ethik fragt nicht nach Gut und Böse, sondern nach Erfolg. Politische Klassen brauchen keine „Bosheitsberatung“. Machiavelli begriff in seiner verrufenen Schrift, dass wir in großen Männern „auch nur gewöhnliche Leute vor uns haben“.
Zeichen von oben: Charismatische Macht
Mit der Karriere Cäsars beginnt die „Enthemmung durch das Göttliche“. Hier gibt Sloterdijk eine vorläufige Definition von Souveränität: „Souverän ist, wer sein Zögern durch die Intervention einer höheren Instanz beenden läßt.“ (Um die Rechtschreibreform schert er sich grundsätzlich nicht. Bevor Cäsar den Rubikon überschreitet, zeigt sich ein Wunderzeichen: ein riesiger Mann, der Rohrflöte spielt, dann dem Hornbläser die Tuba entreißt, zum Angriff bläst und zum anderen Ufer strebt. Der Würfel ist geworfen. Cäsar nimmt das Vorzeichen der Götter als Auftrag. Republikverteidiger verschwören sich gegen ihn und erdolchen ihn. Adoptivsohn Oktavian, ab 27 vor unserer Zeitrechnung Augustus, eröffnet die Ära der römischen Kaiser. Es zeigt sich: Demokratie (Republik) ist labil. Sein Friedensregiment währt 45 Jahre. Im Laufe der „Universalgeschichte der Niedertracht“ haben immer wieder Führungspersönlichkeiten cäsarische Würde reklamiert. Napoleon krönt sich selbst. Putin restauriert das Zarentum. In den USA irrlichtert „der an die Macht gestolperte Megalopath Donald Trump“. Das Wort „Megalopath“ meint hier „wahnhaft bezugnehmend auf Größe“. Sloterdijk arbeitet hier mit dem Bild einer vertikalen Achse mit einem maximalen Pol an der Spitze und einem minimalen unten. Dies drückt das hierarchische System aus, wobei die oben befehlen und die unten sich in Gehorsam einzuüben haben. Ohne vertikale Achse sei politische Macht undenkbar. Wer in höherer Mission handelt, praktiziere „Selbstaberglaube“ – siehe Paulus als „Sklave Christi“.
Das Paradox der Souveränität
Souverän ist allgemein, „wer über die Verteilung oder die Verweigerung von Heils- und Gnadenmitteln entscheidet“. Unter hierarchischen Tatsachen „spielt die frühe Einübung von Gehorsam eine besondere Rolle.“ Eva und Adam wurden bestraft für ihre Anarchie, sie verweigerten den Verbotsgehorsam. Im „zweiten Sündenfall, dem Absturz in den Königsstaat“, dürfen sich allein legitime Fürsten bewegen, mit Richtermacht über Leben und Tod und der „Lizenz zum staatsnotwendigen Verbrechen“. Es ist nur ein Scheinwiderspruch, dass das Konzept Souveränität Licht- wie Schattenseiten aufweist. In der historischen Verlagerung von der Fürsten- zur Volkssouveränität deutet sich an, dass es künftig darauf ankommt, nicht mehr virtuell über den Dingen zu schweben, sondern unter Gewichten von Verantwortung standzuhalten. Bestimmt man künftig den Sinn von souveränem Handeln, erweitert sich der Begriff. Es geht dann um die Bereitschaft, als Bürger, als Erwachsener die Last des politischen Amtes auf sich zu nehmen. Geschichte bietet die „Figur des Diktator-Souveräns“ wie Oliver Cromwell (1649) oder eines „Moraldiktators“ wie Robespierre. Staatsrechtler Carl Schmitt, dem Sloterdijk Verirrung vorwirft, da er Hitler als Mann der Tat rühmte, legitimierte die Diktatur: Souverän sei, wer über den Ausnahmezustand entscheidet und vor den Schwächen des Liberalismus rettet. Wer Gewaltexzesse rechtfertigt, macht das Volk zu einem Abstraktum.
Rousseau konzipierte das Konzept vom Allgemeinwillen, neu-magisch, monotheistisch, monologisch. Sloterdijk kritisiert es, da ein Kollektivsubjekt namens Volk „ein Trugbild“ sei. Das Volk könne nie überredet werden, sich mit einer Stimme zu äußern. Es gibt nie nur Gleichgesinnte. Wer vom Ernstfall kollektiver Selbsterhaltung her denkt, bringt andere zum Schweigen. „Sobald Opposition zum Verrat wird, dehnt sich das Kriegsrecht vom Büro des Diktators und den Kasernen seiner Milizen auf die zivile Sphäre aus.“ Im Ausnahmezustand beginnt das „Vorspiel des Weltuntergangs“, da der Diktator „alles darf, Völkermord inbegriffen.“ Sloterdijk spricht von der „diktatorischen Enthemmung“. Aber in welche Hymne könnten denn alle einstimmen? Die Frage nach dem Souverän rührt an „das eigentliche Mysterium der Moderne, das Gralsgeheimnis der Subjektivität.“ Wo rangiert das spirituell souveräne Subjekt auf „der Achse der politischen Vertikalität“? Das Volk ist nur erklärbar zum Kollektivsouverän als „eine Versammlung von Königen in Latenz“. Die Herrenstelle bleibt unscharf, obgleich sie als Souveränitätsgrund die allgemeine Königswürde hat.
Sloterdijk benennt drei Sündenfälle: Erstens die Vertreibung in die Welt der Not und Sorge. Zweitens der Sturz in den hierarchisierten Staat, wo Sünden verstanden werden als „Regungen des Ungehorsams – die bis zu Rebellion, Attentat und Revolution gehen können“. Drittens die drohende Auflösung des Einzelnen im Kollektiv. „Gleichvernünftigkeit aller“ sei ein nobler Traum, „Wer spricht von Souveränität? Freiheit von Unterdrückung ist alles.“ Dem Volk geht es zunächst als Minimum darum, „nicht unterdrückt, nicht ausgesaugt, nicht überwacht, nicht belogen, nicht willkürlich eingesperrt zu werden.“ Das Volk hat das Vorrecht, die zu bestimmen, die an der Spitze stehen sollen. Die Krise der Demokratie gehe aus dem „Kollaps des Glaubens an die Konvergenz der einzelnen Vernünftigkeiten hervor.“ „Alles, was beschlossen wird, ist ermüdende Aushandlung, Stückwerk, Kompromißprodukt,“ dann noch „die Erpressungen der Regierung durch Koalitionspartner, Interessenverbände, Lobbyisten und mediale Agitationen.“ „Konsumsouveränität“ sei nur Ersatz. Eine latente Sehnsucht in der Demokratie nach Monarchie sei unverkennbar. Heute neigen viele überfordert zum Rückzug, zur „Abdankung“. Vielleicht gilt künftig als souverän, wer in Blasen von Subkulturen eindringen kann. Postpolitik bedeute, „daß, wer in dieser Lage radikal rechts wählt, nicht nur als Bürger abdankt, sondern dem Ganzen des Gemeinwesens, als ob es Dreck wäre, einen Tritt versetzt.“ Sloterdijk sieht „Enttäuschungsprozesse“ missglückter Souveräne. Er erinnert daran, dass „der Staatsaufbau als solcher… das Potential zu einer Diktatur in sich“ trägt. Hierarchie besteht auf Waffen, Besitz, Kapital, verbrämt durch Gottesgnadentum, gerechtfertigt durch Tüchtigkeit, bemüht, Unterwerfungsfolgen zu mildern. Vitale Demokratien weisen Immunität auf gegen autoritäre Entgleisungen. Gefährlich wirkt „das Einmaleins des Populismus“: „die Lähmung der Parlamente, die Umwandlung der Richterschaft in eine Gefolgschaft, die Einschüchterung der freien Meinungsaussprache, die allmähliche Gleichschaltung der Medien und die Aufstachelung des putschistischen Mobs.“
Verwilderte Vertikalität
Jede Vollmacht ist prekär, stets anfechtbar und reversibel. Auch auf der Machtachse hat Säkularisierung stattgefunden. Der gescheiterte Volkstribun Cola di Rienzo (14. Jahrhundert) inszenierte sich noch als Fürst von Gottes Gnaden, spielte auf der Klaviatur der Illusionen und zog im Volk nach Belieben die Register der Unzufriedenheit. Lenins Kommunistische Partei setzte „ein Kollegium von Tribunen des Proletariats“ ein, bis der Gewaltmann Stalin den Personenkult aufrichtete. Verwilderte Politik jenseits von Gut und Böse lebte schon das Papsttum vor. „Wer von Papst Alexander VI. nicht reden will, sollte auch von Lenin, Trotzki, Mussolini, Franco, Hitler und anderen Helden des Vakuums schweigen“, so Sloterdijk. Es sei skandalös und moralisch absurd, „daß alles darf, wer Gottes Sache vertritt.“ Nicht der ist hinfort souverän, der den befriedeten Normalzustand garantiert, sondern wer, statt Entfaltung, machtpolitische „Selbstbehauptung“ praktiziert, Verträge annulliert, Angriffskriege verübt. Die „Enthemmung des politischen Verbrechens“ gehört zum amoralischen Fürsten-Repertoire. Putin und Trump muten „gespenstisch“ an, doch leider sind sie höchst aktiv wirksam. Die puritanische Revolution unter Cromwell bereitete dem Absolutismus ein Ende, bevor ihn die Restauration der Monarchie ereilte. Robespierre geriet in die Lage des blutigen Souveräns, bei dessen Hinrichtung im Jahr 1794 die Menge eine Viertelstunde applaudierte. Sloterdijk kürt die Szene als „die wahre Urszene der Geburt moderner Demokratie aus dem Geist der Terrorablehnung“. „Napoleon ist immer noch die Schlüsselfigur aller modernen Politik, insofern er die Umwandlung von Tradition in Improvisation und Projekt verkörpert.“ Napoleons zweites Erbe sei der Zwang zum Populismus: „Demnach ist keine Prinzeps-Position ohne die Reklamation des Volksmandats mehr möglich“. Referenden auszunutzen versteht Putin. Staatlichkeit manifestiert sich, laut Sloterdijk, mit einem „Zug zum Theaterstaat“, der es liebt, „sich als Festherr, als Prozessionsführer, als Liturgienmeister zu inszenieren.“
Napoleon III., der 1848 einen Eid auf die Republik ablegte und 1851 einen Staatsstreich vollzog, wird mehrfach herangezogen als Beispiel für einen „Kaiser-Darsteller“, einen Hasardeur, der Karrieren und Feste versprach, um Frankreich wieder groß zu machen; vehement angegriffen von Victor Hugo. Subjekte verwilderter Vertikalität „vom Typus Mussolini, Lenin, Hitler, Stalin, Perón, Castro, Berlusconi, Milosevic, Trump, Milei et cetera“ neigten dazu, sich als Feldherren, Unternehmer oder Erlöser zu präsentieren, „mit Künstler im Nebenfach“. Putin zum Beispiel lässt sich gern am Klavier fotografieren.
Obwohl Sloterdijk eigentlich „erzählerische Ausführlichkeit“ vermeiden wolle, erklärt er, gewohnt brillant mit Zug zum Aphorismus, an historischen Beispielen, was sich alles abspielt auf der vertikalen Machtachse, wo eben oben nicht mehr Cäsaren, Fürsten, Zaren, Zentralkomitees stehen, sondern machtberauschte Staatsoberhäupter, „postmoderne Parodisten jener angeschlagenen Fürsten“ oder Schein-Souveräne, begleitet von Medienimperialisten, die Datenherrschaft erstreben und Kontrolle ausüben, während unten der Mob in Parlamente dringt. Wer Netzkontrolle ausübt und die Kommunikationen der Bürger überwachen kann, ist souverän. Wer so regiert, nennt das freie Wort respektlos, macht Andersdenkende zu Staatsfeinden, droht mit Revanche und Übergriff. Souverän darf heißen, „wer für die Verbrechen, die er im Interesse des Staatswohls begeht, auf Erden nicht zur Rechenschaft gezogen wird.“ Für eigene Untaten und die seiner Agenten nutzt der säkulare Fürst das Verwirrspiel mit Pseudo-Fakten und schamlosen Lügen. Solche Figuren nennt Sloterdijk „die nützlichen Narzißten“. Sie investierten in eigene Ambitionen, emanzipierten sich von Beichtvätern, wendeten das Amnestieprivileg auf sich selbst an und erklärten sich, grotesk bekannt, für rechtlich nicht belangbar. Turbulenzen am oberen Pol der Machtachse verursachen moderne Fürsten durch „Selbstberufung, Selbsterhöhung und Selbstfreispruch von strafrechtlichen Folgen eigenen Handelns“. Ihr Autoritarismus verrate sich durch „eine Neigung zur Entfesselung der Exekutive“; sie betrachteten „Wahlen nur als Vorspiel zu Höherem“, geneigt, „ihre eigenen Nachfolger zu werden.“ Was an Höhe fehlt, müsse durch mediale Reichweite kompensiert werden. „Verwilderte Prominenz“ dränge an die Macht. Anders als von Elon Musk, dem „Quasi-Alleskönner auf der Suche nach Beifall“,
wird man über Trump nie sagen, er wachse über irgendetwas hinaus – für ihn gilt eher, daß er nach oben aus der Rolle fällt. Seinen Anlagen und Neigungen nach ist er kein Politiker, eher ein Dealer, am meisten ein Clown, der den Diktator gibt. Vor allem ist er ein Halbwüchsiger geblieben…
Demokratie ist weltpolitisch in der Krise. „Heilung durch Enttäuschung“ geschieht entweder katastrophisch oder allmählich. Abbau von Naivität ist teuer. Welche neuen Köpfe sollen regieren? Ist es besser, keinen irdischen König zu haben und der Gerechtigkeit des Himmels das letzte Wort zu überlassen, wie Juden zu bedenken geben? Unter „Antisemitismus“ versteht Sloterdijk die Summe der Revolten von Nicht-Juden gegen die Zumutung, „auf eigensinnige Souveränität zu verzichten, um ein höheres Recht als das einer nackten Selbsterhaltung anzuerkennen.“ „Israel ist allzu offen vor den Augen der Welt in die Falle der Staatswerdung gelaufen.“ Häme ist unangebracht, „wenn auch am Opfer aller Opfer eine eigene Täterbosheit an den Tag tritt.“ Selten verzichten Leute an der Spitze darauf, sich als Erwählte zu sehen. Berlusconi pries sich 2006 als „Jesus Christus der Politik“. Das Schauspielerische und Willkürliche erobere die politische Bühne. „Souverän ist, wer den Berater feuern kann.“ Unerträglich und peinlich sei auch Trumps „Talent zur Selbstgratulation“. Der sendungsbewusste Despot Erdogan sei unterwegs zur islamischen Theokratie, Premierminister Modi inszeniere sich als Vishnu-gleichen Wohltäter Indiens und Neufürsten wie Putin, Trump oder Xi seien allesamt Emporkömmlinge.
Das Große und das Absurde
An den Behauptungskämpfen des Machtstaats ist nichts Dämonisches. Verwildert geht es zu, wenn nackte Gewalt regiert. Legt der Staat das Kleid des Rechts ab, das allein ihm steht, entarte er zur „Räuberhöhle“, so Augustinus. Das Absurde an der Macht sei nach Arendt die „Banalität des Bösen“. Zufall, Banalität und Absurdität stehen in einer Reihe. Widersinn ist der Macht eingeschrieben. Absurd sei, was die Orientierungsgrößen einer Gesellschaft dementiere. Sloterdijk kann nicht lassen vom Beispiel „Napoleon des Kleinen“. Der wollte das Kaiserreich nachspielen, schuf einen „Theaterstaat mitsamt seinen neuen Liturgien“: Eliten erbauen, Massen nationalisieren – sei aber für seine Ambitionen zu klein gewesen. Den Einbruch des Absurden datiert Sloterdijk auf den 2. Dezember 1842, als eine fingierte Monarchie auf die Republik folgte. Victor Hugo ging lieber ins Exil. Heute produzieren Leute wie Trump ständig Nachrichten mit Empörungscharakter. In Russland steht den Mutigen bis heute die Wahl offen zwischen Exil und Sibirien. Bei der Amtseinführung Trumps 2025 sei es zu sehen gewesen: „Die Erfolgssucher drängen sich zum hohlen Thron, sobald sie die Fähigkeit, sich zu schämen, abgelegt haben.“ Man fragt sich, weshalb das Volk so leicht, so bereitwillig, so eilfertig einem Hasardeur und Meineidigen die verlangten Vollmachten gab. Relevant für die Gegenwart sind Titel wie „Spektakel-Kaiser“ und „ein dekoriertes Nichts.“ Unter Trump, umringt von Halbtalenten und Milliardären, die Billionäre werden wollen, gewinnt schamlose Verwilderung „anti-intellektuelle Züge“. Er verfügt nur über „pseudo-charismatische Macht“. Wirkliche und scheinbare Größe unterscheiden sich fundamental. Wer dem Macht-Theater widerspricht, findet es das Schlimmste, das Ganze nicht so schlimm zu finden. Victor Hugo bemerkte resigniert, „daß das Bestehende seine Entlarvung ignoriert“. „Die aufgedeckte Banalität des Großen erzeugt die Grundstimmung des Absurden.“ Seiner Entlarvung zum Trotz will sich das Widersinnige behaupten. Ein Beispiel dafür: Trumps trotzige Energiepolitik. „Die Rasereien der Selbstbehauptung gehen intensiver denn je weiter; alle Welt lebt in Rüstungsdelirien, keine höhere Instanz moderiert den Wettbewerb zum Tode.“ Zwanghaft macht das Unhaltbare weiter. „Wo weiterhin Souveränität behauptet wird, insistieren die Akteure darauf, straflos das Falsche tun zu dürfen.“ Hugo weigerte sich noch, sich abzufinden mit dem Absurden. „Wer verzweifelt, ist ein Deserteur.“ Sloterdijk meint, angesichts der Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen als Quintessenz des Sinnwidrigen, angesichts des Zynismus autokratischer Machthaber als politisch absurden Spukgestalten scheinen die gewöhnlichen Leute dazu verurteilt, „Helden im Ertragen von Widersinn zu werden.“ Und ab und zu seien sie dazu aufgerufen, „auf ihre Weise etwas Größe zu zeigen“, die ihrer Souveränität entspricht.
Im Nachwort befasst sich Sloterdijk mit der Herkunft der Technik aus der Magie. Der Wille zur Macht strebt danach, „Zauberkraft zu erwerben.“ Zauberer als Übermachthaber neutralisieren Abstände im Raum, zaubern herbei oder weg. In Genesis schafft der „Überzauberer“ Gott die Welt. Die Furcht vor dunklen Mächten hat damit zu tun, dass da aus der Ferne Macht einstrahlt, um ein Übermaß an Wirkungen hervorzurufen. Um dem „Regime der magischen Fernwirkungen“ zu entkommen, dem Bann des bösen Willens anderer, entwickele der Mensch „Gegenzauberkünste“. Es sei nicht mehr nötig, „überall suspekte Agenturen zu vermuten“. Der Unterschied zwischen Handlung und Ereignis klärt sich. Wie kann der Mensch den „Radius des Schadenszaubers“ modifizieren, „der außerhalb der Reichweite seiner Schlagkraft nichts mehr duldet“? Böse Gedanken nehmen die Form von Raketen und Marschflugkörpern an. Menschendienlicher Sympathiezauber tritt in den Hintergrund bei Schadenszauber mit Vernichtungstechniken. Neben der Dauerproduktion von Fake News sorgen Hacker und Trolle täglich für den „Export von Unwahrheit“. Realität sei „Telemalignität“, also Drohnenkrieg, raketenbasierte Luftwaffe. Drohungen seien „bewaffnete Ratschläge“. Russlands Krieg gegen die Ukraine und den „Raketendialog“ zwischen Israel und dem Iran (an so einer Wortschöpfung sieht man die Lust Sloterdijks an scharfer Ironie) zieht dieser als Beispiele heran. Hoffnungsfroh klingt das Buch allerdings nicht aus.
Als Dienstleistung bietet der Philosoph seinen Begriff „Immunität“ an (genauer ausgeführt in seinem Hauptwerk Sphären). „Was auch immer lebt, lebt im Schutzring immunisierender Strukturen.“ Auf biologischer Ebene kommen Verletzung und Heilung in einem Raum vor. Auf juristischer Ebene wehrt sich der gesellschaftliche Organismus gegen schadenbringende Invasoren. Symbolische oder religiöse Systeme kompensieren Unrechtserfahrungen durch symbolischen Ausgleich. Die christliche Vorstellung von Reparatur im Jenseits (Schuld und Sühne) sei allerdings absurd, da nicht einmal Gott Massenmorde wegzaubern kann. Europa habe seine Immunität teuer erworben, geimpft mit dem (Weltkriegs-)Wahnsinn. Putin, den Sloterdijk als gefährlicher einschätzt als den mad man Trump, spiele „ein apokalyptisches Pokerspiel“. Auf den gefährlicheren russischen Autokraten geht Sloterdijk leider zu wenig ein. „Man möchte sich ernsthaft die Frage stellen, ob es je zuvor so viele ‚große Männer‘ mit großen Ansprüchen gegeben hat, die bereit sind, um der Macht willen verrückt zu werden.“ Im Zeitalter der gewöhnlichen Leute machen sich groß wähnende, alte Männer die Welt unsicher. Intelligenz müsse „Koexistenz“ ausleuchten, so „daß Kinder es verstehen und Machtmenschen ihm Raum geben.“ Peter Sloterdijks Stil verströmt Exzellenz, Eleganz, Gelassenheit. Seit 45 Jahren inspiriert mich dieser Autor. Ihn zu lesen bereichert.
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