Wir kriegen dich
In „Witch Hunt“, dem zweiten Band um ihre Undercover-Ermittlerin Obalski, setzt sich Susanne Kaiser literarisch gekonnt mit dem Problem des Cybermobbings auseinander und trifft damit einen Nerv unserer Zeit
Von Dietmar Jacobsen
Deniz Yanar sitzt als Abgeordnete der Grünen im Bayerischen Landtag. Die Frau mit den türkischen Wurzeln setzt sich unerschrocken für ihresgleichen ein und weicht keinen Schritt zurück von ihren Positionen, als der Hass und die Hetze, an die sie und ihr kleines Team sich im Netz schon fast gewöhnt haben, plötzlich eine neue Dimension erreichen und zur realen Gefahr für sie werden.
Das ist der Moment, in dem die Undercover-Ermittlerin Obalski, zur fiktiven BKA-Sondereinheit Doppel-X gehörend, auf den Plan tritt. Für das Bundeskriminalamt hat sie schon einmal verdeckt ermittelt – im Münchener Jugendamt, wie man in Susanne Kaisers Debütroman Riot Girl nachlesen kann. Obalskis neuer Wirkungskreis ist nun also die Welt der Politik. Als Social-Media-Beraterin wird sie Yanar an die Seite gestellt. Doch die ebenso taffe wie furchtlose und eigensinnige Politikerin wehrt sich zunächst dagegen, dass man ihr gar zu dicht auf die Pelle rückt. Dann fallen bei der Einweihung eines neuen Radwegs plötzlich Schüsse. Niemand wird verletzt – aber von diesem Moment an wissen Obalski und Yanar endgültig, wie weit ihre und die Gegner anderer exponierter Frauen zu gehen bereit sind. Und die Trolle liefern sofort den nächsten Beweis ihrer Gefährlichkeit, indem sie der Politikerin und ihrem Tross beim öffentlichen Auftritt in einem Shopping-Center per fingiertem Terroralarm ein SEK-Kommando auf den Hals hetzen.
Mit Riot Girl, dem Romandebüt der 1980 geborenen Journalistin und Autorin Susanne Kaiser, die sich über zwei Jahrzehnte vor allem mit dem Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen in muslimischen und westlichen Gesellschaften auseinandersetzte, meldete sich 2025 eine neue literarische Stimme zu Wort. Auch im ersten Kriminalroman der in Berlin geborenen und heute mit ihrer Familie in München lebenden Autorin ging es um Hass und Gewalt gegen Frauen und eine feministische Aktivistinnengruppe, die sich dagegen mit ihren Mitteln zur Wehr setzte. Das Buch erfuhr große Aufmerksamkeit, fand sich im Mai und Juni 2025 jeweils unter den zehn Titeln der renommierten Krimibestenliste wieder und wurde in der Kategorie „Debüt“ für den namhaften Glauser-Preis 2026 nominiert.
In Witch Hunt nun bleibt Kaiser bei dem Thema, das sie mit etlichen Presseartikeln, Fernsehauftritten als Expertin und ihrem 2023 erschienenen Sachbuch Backlash. Die neue Gewalt gegen Frauen so umfang- wie kenntnisreich vorbereitet hat. Erneut muss Obalski, deren Vornamen Leserinnen und Leser nicht erfahren, sich Hals über Kopf in ein Milieu begeben, das ihr bis dahin fremd war, sich in kürzester Zeit in dessen Sprache, interne Regeln und Gepflogenheiten einarbeiten, um, bevor etwas Schlimmeres geschieht, herauszufinden, wer hinter den feigen Angriffen und schamlosen Hetzkampagnen gegen in der Öffentlichkeit stehende, erfolgreiche Frauen steckt.
Mit der Landtagsabgeordneten Deniz Yanar trifft sie dabei auf eine Frau, die es gewohnt ist, für sich selbst einzustehen. Bis sich ein Vertrauensverhältnis zwischen ihr und Obalski, für welche menschliche Nähe – nicht zuletzt die zu ihrer übergriffigen Mutter – generell ein Problem darzustellen scheint, einstellt, dauert es deshalb eine Weile. Erst der mysteriöse Tod einer Richterin und die Erkenntnis, dass ihre neue Social-Media-Beraterin sogar ihr Leben in die Waagschale werfen würde, sollte Yanar in Gefahr geraten, ändern daran etwas. Und Eile scheint geboten, denn zum einen mehren sich die Hinweise auf gegen weitere Frauen geplante Aktionen und zum anderen scheint es nicht ausgeschlossen zu sein, dass die Täter mit Hinweisen aus dem engeren Umfeld der Abgeordneten versorgt werden.
Witch Hunt hat Susanne Kaiser ihren Roman überschrieben: Hexenjagd. Und in der Tat ähneln die frauenfeindlichen Machenschaften (die, wenn man sie im Netz, wo sie sich scheinbar ungestört ausbreiten, ignoriert, schnell in die Realität überspringen können) jenem kirchlich gelenkten frauenverachtenden Hass, der in der Frühen Neuzeit zigtausende Frauen auf den Scheiterhaufen führte – nur weil sie über von Männern nicht kontrollierbares Wissen zu verfügen schienen. „Die ganze Mannosphäre ist ein Kondensat misogyner Geschichte: Hexerei, Gewalt und Sex“, erfährt Obalski von einem Experten, als sie sich, der Wortwahl in den sie und die anderen Frauen erreichenden Hassbotschaften wegen, für die Hexenverfolgungen im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts zu interessieren beginnt. Dabei bemerkt sie, dass die Motive, die damals Frauen einschüchtern, männlicher Kontrolle unterwerfen und von den gesellschaftlichen Hebeln fernhalten sollten, im Grunde die Jahrhunderte überdauert haben.
Als Obalski, die Ratschläge ihrer Vorgesetzten ignorierend, schließlich im Alleingang den Kontakt zu einem jener Männer sucht, die die Anonymität des Netzes nutzen, ihren aus gekränkter Männlichkeit resultierenden Frauenhass nicht nur verbal auszuleben, sondern auch in kriminelle Aktionen umzusetzen, kulminieren die Dinge schließlich. Doch Susanne Kaisers Heldin muss zu ihrer Erleichterung und der von Leserinnen und Lesern auch erfahren, dass es nicht nur ein Netz aus Männern gibt, deren Hass auf das andere Geschlecht eigentlich Selbsthass ist, sondern dass sich auch selbstbewusste Frauen zunehmend organisieren, um sich und ihresgleichen vor modernen Hexenverfolgungen zu schützen. Dass in Witch Hunt aus „Hexen“ zeitgemäß „Hacksen“ werden, ist dabei eine so wunderbare Idee der Autorin, dass man sich gerne ausführlicher darüber auslassen möchte. Allein das würde wohl tatsächlich zu viel über ein Buch verraten, das sich im Gewand eines Kriminalromans mit einem höchst aktuellen Thema ebenso spannend wie literarisch gekonnt auseinandersetzt. Also: Lesen Sie selbst – es lohnt sich auf alle Fälle!
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